24. April 2012
| Inneres der größten Kirche von Lalibela |
Unser nächstes
Reiseziel heißt Lalibela, welches
sich weiter im Süden befindet. In zwei atemberaubend langen Busfahrten schaffen
wir es tatsächlich an einem einzigen Tag bis in die Kleinstadt, welche weitab
im Hügelland liegt. Die letzte Etappe der Straße ist nur über eine raue Staub-
und Steinpiste zu bewältigen. In der Tat reisen die meisten Touristen per
Flugzeug an und landen auf dem kleinen, eigens angelegten Flughafen von
Lalibela, was in Anbetracht der weiten Strecken durchaus überlegenswert ist.
Rasch finden wir
Räume in einer kleinen Pension, deren Besitzerin völlig aus dem Häuschen ist,
dass Ferenjis bei ihr zu nächtigen wünschen. Bemerkenswerterweise findet sich
auch vor ihrem nahe gelegenen Restaurant der Vermerk „Recommended by FARNGI“ („Empfohlen von Ausländern“). Das sich die vermeintliche Pension später als
eigentliches Stundenhotel entpuppt, tut unserer Erleichterung einen günstigen
Schlafplatz gefunden zu haben keinen Abbruch.
Einen eher
überraschenden Wendepunkt nimmt die Reise, da wir uns als Gruppe trennen.
Während Muriel und ich in Lalibela bleiben werden, entschließen sich Melanie, Rahel
und Klaas dafür, drei Tag in die Berge zu einer Hochzeit zu wandern. Kurzerhand
brechen sie am kommenden Morgen auf, während wir anderen nun zu zweit Lalibela
erkunden.
| Teil des Kirchenbezirks |
Die Eintrittspreise
sind die bisher höchsten in Äthiopien und entsprechen – zumindest für Ausländer
– dem europäischen Niveau. Aber die Besichtigung der berühmten Felsenkirchen von Lalibela lohnt sich.
Im Gegensatz zu den Kirchen im Norden sind diese von außen von Gestein befreit
und der Innenraum ist noch grandioser ausgestaltet. Vor bis zu 600 Jahren
wurden die Kirchen auf Geheiß König Lalibelas errichtet – oder besser gesagt
freigelegt. Des Nachts sollen Engel die Bauarbeiten vorangetrieben haben.
Wahrscheinlicher ist ein Heer von Sklaven.
In tiefen Mulden aus
rotem Stein liegen die Kirchen in Versenkungen, so dass es unmöglich ist, sie
auf weitere Entfernung auszumachen. Wie Burgen sind sie von tiefen Gräben
umgeben. Neuerdings liegen sie auch im Schatten gigantischer, von Stahlgerüsten
getragenen Baldachinen, welche zu deren Schutz von der UNESCO errichtet wurden.
Dem Effekt tut das keinen Abbruch. Die Kirchen besitzen Fenster und Portale,
sind bisweilen sogar von ausgehauenen Säulenkränzen umgeben.
Das Innere der
größten der Kirchen gleicht einer europäischen, romanischen Kirche. Die Säulen
sind exakt und rechtwinklig ausgehauen, die Bögen rund gearbeitet. Es ist
dunkel und einige Gläubige beten im Schatten des mächtigen Gewölbes. Kein
einziger Stein wurde hier auf den anderen gesetzt, kein Dachziegel beschirmt
diese Hallen.
In einer weiteren
kleinen, mehr höhlengleichen Kirche wird gesungen und gebetet; Rauch steigt
auf. Mit diesen mystischen Klängen im Hintergrund lässt sich die Anlage von
Gängen, Kirchen und Höhlen noch einmal ganz anders erfahren.
| Betägiorgis vom Rand des Grabens |
Die besonders
berühmte Kirche Betägiorgis
(amharisch: Kirche des Heiligen Georg)
ist abseits in einer tiefen schluchtartigen Versenkung zu finden. Von oben
herab lässt sich ihre Kreuzform mit eingehauenen Mustern betrachten. Durch
einen schmalen Graben und einen absteigenden Durchbruch gelangen wir
schließlich auf die Bodenebene der Kirche. Senkrecht erheben sich die
Felswände, wie auch die Wände der Kirche vor unseren Augen. Das Licht ist
gedämpft und über uns liegt der strahlend blaue Himmel.
Der Innenraum der
Kirche ist geradezu winzig, zumal das Allerheiligste noch einmal durch einen Vorhang
abgetrennt ist. Der vorstehende Mönch nutzt natürlich die Gelegenheit, sich in
ehrwürdiger Haltung und mit traditionellem Kreuz für ein Photo in Pose zu
setzen. Anschließend sagt er nur: „100 Birr“. Doch offenbar ist er es schon
gewohnt, dass seiner Forderung – bei einem Eintrittspreis von 350 Birr (15
Euro) – nicht entsprochen wird.
Von Kirche zu Kirche
führt uns unser Weg durch schmale Gänge im Fels und wiederum durch breite, künstlich
geschlagene Gräben, welche die verschiedenen Kirchenareale umfangen. Insgesamt
bringen wir einen ganzen Tag in den Kirchen und ihrer Umgebung zu.
| Felsenkirche, halb erhalten, halb erneuert |
Um den Tag ruhig
ausklingen zu lassen, besuchen wir das Ben
Abeba Restaurant, welches am Stadtrand auf einem Hügel steht, der einen
Ausblick bis in die dunstige Ferne erlaubt. Das Restaurant besitzt ein
futuristisches Flair mit etlichen Aufgängen, Terrassen und Plattformen im
Freien. Der gesamte zusammenhängende Raum wird von der abendlichen Brise
durchzogen. Betrieben wird es von einer Schottin, die, nach eigener Aussage,
nach einem Glas zu viel traditionellem Bier, auf diese Idee kam. Ein Tipp, den
man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.
Am nächsten Morgen
stehen wir bereits um vier Uhr auf, um einen Bus in Richtung Addis Abeba zu
bekommen. In jedem Fall ist mit einer zweitägigen Reise zu rechnen. Doch trotz
aller Frühe gibt es keinen Bus mehr in jene Richtung, weshalb wir uns
kurzerhand entscheiden in Richtung Bahir Dar zu fahren, von wo wir ebenfalls
innerhalb von einem weiteren Tag nach Addis Abeba gelangen können. Ein Gutes
hat der ungeplante Abstecher in den Westen: Wir können unsere Kollegen
besuchen, die, mittlerweile von ihren eigenen Reisen heimgekehrt, wieder in
Bahir Dar sind.
| Blick vom Ben Abeba Restaurant aus |
Nach nur circa
sieben Stunden kommen wir in der Stadt am Tana-See an und verbringen mit
unseren Kollegen den Rest des Nachmittags, bevor es am folgenden Tag wiederum
bei Dunkelheit losgeht in Richtung Süden. Über dieselbe Route, wie bereits auf
der Hinfahrt fahren wir mit dem Mini-Bus nach Addis Abeba. Unsere nächste und
auch letzte Station auf dieser Reise heißt Harar.
Es geht in den Osten Äthiopiens!
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