1. Mai 2012
Morgens
früh geht es mit einem Selam Bus
geradewegs in Richtung Osten. Unser Ziel ist die Stadt Harar. Nach dem, was wir bisher gehört haben, ist es eine der
älteren Städte Äthiopiens, die besonders durch ihre muslimische Prägung
heraussticht. Vor kaum mehr als 100 Jahren lieferte der Europäer Arthur Rimbaud die ersten Bilder von der
fernen, muslimischen Stadt, die bisher nur ein weißer Fleck auf den Landkarten
der Welt gewesen war. Fremden war es lange Zeit nicht erlaubt, die Stadt zu
betreten.
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| Eine der belebten Marktgassen von Harar |
Am
späten Nachmittag kommen wir an und finden, mithilfe unseres sich sofort
anbietenden Führers Edom, rasch ein günstiges
Hotel. Das Central Hotel ist mit
Abstand die widerlichste Absteige, die ich bisher gesehen habe. Im kleinen,
stickigen Zimmer wimmelt es von Kakerlaken und der Boden im Empfangsbereich
klebt von verschüttetem Bier und es hängt ein abstoßender, schaler Geruch von
altem Bier und anderen Flüssigkeiten in der Luft. Wenigstens die Toilette
genügt ausgesprochen bescheidenen hygienischen Ansprüchen. Doch bei einem
Doppelzimmerpreis von einem Euro pro Nacht, kann man sich wohl nicht
beschweren, geschweige denn mehr erwarten.
Der
Vorteil des Hotels ist, dass es in der Tat unmittelbar an der Mauer der
Altstadt liegt. Somit können wir noch am selben Abend einige Schritte durch den
verwinkelten und von unzähligen Gassen durchzogenen Bezirk machen. Doch sobald sich
der erste Hunger meldet, fällt uns eines an der Stadt auf: es gibt keine
Restaurants. Erst nach einer schier endlosen Suche finden wir ein kleines,
abgelegenes Restaurant, dass im Gegensatz zu den wenigen anderen auch eine
vegetarische Alternative für Muriel bereithält. Selten hat ein Abendessen so gut
geschmeckt, wie dieser lang ersehnte Happen.
Am
nächsten Morgen machen wir uns zuallererst auf den Weg in die Altstadt. Diese
ist noch zum größten Teil von der historischen Stadtmauer umgeben, einzig durchbrochen
von einigen, ebenfalls altehrwürdigen Toren. Die verwinkelten, schmalen und
krummen Gassen durchziehen die gesamte Altstadt. In Häuserschluchten sitzen
Marktfrauen und verkaufen Gemüse, in anderen Sträßchen sitzen Männer an
antiquierten Nähmaschinen und fertigen bunte Kleider. Das ist im sogenannten Mäkina Safär – dem „Maschinenviertel“.
In der Marktgegend ist es bunt und belebt. Die Kleider sind weitaus
farbenfroher, als in anderen Teilen Äthiopiens, die ich bisher gesehen habe.
Viele Frauen tragen Körbe mit Früchten und anderen Lebensmitteln auf dem Kopf.
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| Ich mit dem Hyänen-Mann bei der Fütterung |
Es
ist Wochenende und bereits am frühen Nachmittag haben nahezu alle Geschäfte
geschlossen. Die Stadt wirkt in Teilen wie ausgestorben. Die gesamte Stadt
verbreitet mit diesen zahllosen Eindrücken ein orientalisches Flair. Ich fühle mcih wie in der Zeit
zurückversetzt.
Nachmittags
besuchen wir eine „Metzgerei“, in der wir ein frisches Stück Dromedar kaufen.
In der benachbarten Garküche wird es frisch für mich zubereitet. Ich muss
sagen, dass es ausgesprochen gut schmeckt – zart und süßlich.
Am
nächsten Tag machen wir uns auf zu einem Kamelmarkt, unmittelbar am Stadtrand
von Harar. Dass es sich bei den Tieren nicht um Kamele, sondern um Dromedare
(mit einem Höcker) handelt scheint hier niemanden zu stören. Unser örtlicher
Führer Edom kennt den Weg. Auf dem weiten Marktfeld stehen hunderte Kamele in
kleinen Grüppchen zusammen. Einige der ausgewachsenen Exemplare besitzen eine
geradezu bemerkenswerte Größe und ragen mit ihren langen Hälsen weit über uns hinaus.
Einige der Kamelhändler sind mürrische Gestalten, die ihre Köpfe
zusammenstecken und um den Preis feilschen. Es ist noch einmal eine andere
Welt, wie mir scheint.
Eines
der Kamele – es ist wohl Brunftzeit – rastet aus, schnaubt und Unmengen weißen
Schaums quellen aus seinem Maul mit einer unheimlich geschwollenen, rosa Zunge
heraus. Ein einmaliger Anblick!
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| Auf dem "Kamelmarkt" |
Am
Abend desselben Tages begeben wir uns an den Stadtrand von Harar, wo wir den Hyena Man antreffen wollen. Im Licht der
Dämmerung bewegen sich die scheuen, halbzahmen Tiere aus der Wildnis in die
Randbezirke der Stadt. Dort wartet stets der „Hyänen-Mann“ mit einem Korb voll
Fleisch. Als wir ankommen streunen bereits einige der Ungeheuer zwischen den
Häusern herum. Niemand stört sich daran und auch Kleinkinder laufen umher, als
handle es sich um Hunde. Im Halbschatten der hereinbrechenden Nacht kommen einige
der Tiere näher. Und erstmals sehe ich, wie unglaublich hässlich sie sind. Der
Körper der Tiere ist unproportioniert, das Fell wirkt stumpf und die
grässlichen Gesichter sind schlichtweg furchteinflößend. Zu guter Letzt kann
ich die Hyänen auch füttern. Dabei wird mir ein Stöckchen mit einem Stück
Fleisch daran zwischen die Zähne geklemmt und eine der mich umringenden Hyänen
schnappt sich das Fleisch nur wenige Zentimeter vor meinem Gesicht. Das ist
allemal eine Erfahrung!
Nach
diesen vielseitigen Erlebnissen in Harar geht es für uns zurück nach Addis
Abeba. Harar hat mir – auch im Vergleich zu anderen Städten – ausgesprochen gut
gefallen, da es eine völlig andere Stimmung, als viele andere Städte Äthiopiens
bereithält.
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| Ich mit einem ausgesprochen zahmen Dromedar |
Zurück
in Addis Abeba hole ich Theresa und Daniel vom Flughafen ab. Sie werden die
kommenden drei Wochen in Äthiopien verbringen. Nach einem weiteren Tag in Addis
machen wir uns mit dem Bus auf die Heimreise nach Awassa. Damit endet auch die
vierwöchige Reise durch den Norden und Osten des Landes. Auf dieser Reise wurde
mir klar, dass dieses Land – bereits beim Besuch weniger Städte – eine große
Vielfalt an regionalen Eigenheiten zu bieten hat. Kein Ort war wie der andere,
wenngleich auch stets „typisch äthiopische“ Gemeinsamkeiten auffielen.
Insbesondere die einmaligen Eindrücke von Kultur und Natur, die ich erfahren
habe, haben sich mir eingeprägt. Es war für mich eine Reise durch verschiedene
Kulturen, die noch heute scheinbar in verschiedenen Zeiten anzutreffen sind.