Donnerstag, 31. Mai 2012

Endspurt

31. Mai 2012

Es geht dem Ende zu! Noch ist ein Viertel meiner Zeit hier in Äthiopien verblieben, und doch scheint sich hier alles dem Ende zu neigen. Mittlerweile ist die „kleine Regenzeit“ vorüber, die Hitze brütet wieder über der Stadt und das Schuljahr wird in ungefähr zwei Wochen mit dem Beginn der nationalen und schulinternen Examina enden. Offiziell werden die Schulen um den 10. Juli europäischer Zeit geschlossen, doch der Unterricht endet bereits früher.
Unsere Photoausstellung
Bereits jetzt beginnen die Schülerzahlen zu sinken, bzw. von Tag zu Tag zu schwanken. Nur die jüngsten unserer Schüler kommen unerschütterlich jeden Tag zu unseren Stunden. Auch von meiner Seite lässt zusehends die Energie nach, den Unterricht jedes Mal neu und kreativ zu gestalten. Es stellt sich allgemein das Gefühl ein, dass ein Jahr doch genau die richtige Zeit gewesen ist, hier zu unterrichten. Keinesfalls möchte ich die vergangenen Monate missen, doch ebenso wenige verspüre ich momentan die Motivation meine Lehrertätigkeit auszuweiten.

Schüler vor dem Eingang zum Labor
Am vergangenen Wochenende haben wir mit Erfolg unsere bereits von langer Hand geplante Photoausstellung präsentiert. Uns wurde das Labor der Schule zur Verfügung gestellt, in dem wir zahlreiche Plakate mit Photos präsentierten, die ein Stück Deutschland greifbar machen sollten. Zahlreiche Themen, wie etwa Natur, Jahreszeiten, Tradition, Stadt, Transport, Gebäude etc. wurden dargeboten. Dazu verfassten wir verschiedene Texte mit Beschreibungen und Erklärungen zu unserer Heimat. Jene wurden allerdings zum allergrößten Teil nur von Lehrern und unseren Freunden gelesen. Aus diesem Grund war unsere Deutschlandausstellung von Anfang an als Photoausstellung angedacht.
Arenät - einer unserer Schüler
Am vergangenen Samstag und Sonntag kamen schließlich viele Schüler, Freunde von außerhalb und drei Lehrer von unserer Schule. Damit ist die Ausstellung in gewisser Weise auch zu einem Miniaturbild unseres Jahres an der Schule geworden. Das von Anfang an mäßige Interesse der Lehrer an uns und noch viel mehr an unserer Arbeit spiegelte sich in der Zahl der erschienenen Lehrer wider. Dem gegenüber stand stets die Begeisterung einiger Schüler, die uns über das ganze Jahr hinweg begleitet haben. Trotzdem denke ich, dass die Ausstellung ein gelungener Abschluss unserer Schultätigkeit gewesen ist.
Für den Erfolg der Ausstellung sei all jenen gedankt, die uns von Deutschland aus mit Photos unterstützt haben. Insbesondere meinen Geschwistern Theresa und Daniel möchte ich für ihre aktive Mühe danken!

Des Weiteren versuchen wir momentan weiterhin die lokale Wirtschaft durch zahlreiche Restaurantbesuche anzukurbeln. Da ich vom Erfolg dieses Vorhabens absolut überzeugt bin, werde ich wohl auch noch in der kommenden Zeit diese Strategie verfolgen.
Ich - als großer Erklärer Deutschlands
Darüber hinaus wurde uns vorgeschlagen in den verbleibenden Wochen nach Ende des Schuljahres ein Praktikum zu absolvieren. Zu diesem Zwecke habe ich mich bereits an unseren Mentor David gewandt, der hier in Awassa am Council of Nationalities arbeitet. Dabei handelt es sich um das Regionalparlament von SNNPR, welches in etwa mit einem Landtag zu vergleichen ist. Noch habe ich keine Rückmeldung erhalten, hoffe jedoch darauf, dass mir dieses Praktikum ermöglicht wird.
Das letzte Viertel meines Auslandsaufenthalts kann also beginnen und ich bin gespannt, welche neuen Dinge es noch für mich bereithält.

Freitag, 11. Mai 2012

Mein Awassa nach acht Monaten




11. Mai 2012

Mittlerweile sind es über acht Monate, die ich hier in Äthiopien verbracht habe. Damit sind bereits über zwei Drittel meines Auslandsdienstes vergangen. Nach verschiedenen Reiseberichten ist es nun einmal wieder an der Zeit für einen allgemeinen Bericht zu meiner Situation und Arbeit. Der immerwährende Alltag – welcher für mich kaum mehr Besonderheiten birgt – mag für den entfernten Betrachter – bzw. Leser – dennoch interessant erscheinen. Los geht’s!
Weiterhin gebe ich an der Schule gemeinsam mit Rahel maßgeblich Englischunterricht für die 5. bis 8. Klasse. Insbesondere jene Schüler, die nun schon über Wochen und Monate regelmäßig in unseren Unterricht kommen, habe ich ins Herz geschlossen. Man lernt die Schüler kennen und die individuellen Eigenschaften jedes Einzelnen. Besonders diese „Stammschüler“ sind es, die mir die Arbeit zu einem Vergnügen machen.
Des Weiteren hat sich verändert, dass unser Klassenraum nun seit zwei Wochen gestrichen ist. Rahel, die Schüler der 7. Und 8. Klasse und ich haben die Wände in Gelb mit einem orangenen Band gestrichen, nachdem wir sie weiß grundiert hatten. Im gleichen Zeitraum bemalte Klaas mit seinen Kunstschülern die Rückwand der Klasse mit einem farbenfrohen Bildstreifen. Unser ehemals gräulicher Klassenraum steht nun den ach so herrlich ausgeschmückten Räumlichkeiten einer Waldorfschule in keiner Weise mehr nach.

Die älteren Schüler, Rahel und ich beim Streichen
Zudem installierten Klaas und ich an zwei arbeitsamen Samstagen die Spielgeräte, die er bereits in einer Werkstatt in der Nähe zusammengeschweißt und vorbereitet hatte. Die Schüler haben nun Turnstangen, Barren, Schaukeln und eine Wippe, wobei letztere bereits am ersten Tag nach ihrer Fertigstellung grandios versagte. Das dünne Metall war den Lasten der vielen Kinder nicht gewachsen und brach entzwei. Die Reparaturen sind bereits in Planung, da die Organisation von Werkzeugen hier einen großen Planungsaufwand erfordert. Bereits das schlichte Erwerben von Nägeln ist ein Kraftakt. Wenn man nach etlichen Geschäften endlich die richtige Größe Nägel gefunden hat, stellt sich heraus, dass äthiopische Nägel spröde sind und sich kaum mit einem Hammer eintreiben lassen, ohne sofort zu verbiegen. Auch Geräte die über Hammer oder Schaufel hinausgehen müssen erst einmal beschafft werden. Die Liste der Hindernisse ist lang!

Nun – zum Wetter: Seit einigen Wochen hat die sogenannte „Kleine Regenzeit“ Einzug gehalten und beschert uns meist einmal täglich einen herrlichen Schauer, der bisweilen unser Dach an undichten Stellen durchdringt. Inzwischen hat die Regenlast wieder ein wenig nachgelassen, aber dennoch habe ich nie zuvor solch sintflutartige Regenfälle gesehen wie in Äthiopien. Beginnen erst einmal die Wassermaßen durch die unzureichend ausgebaute und mit Erde und Müll verstopfte Kanalisation zu schießen, dann kommt die ganze Sch…. aus allen Löchern (auf der Straße versteht sich) herausgeschossen. Mit dem Regen geht also auch immer ein schrecklicher Gestank in verschiedenen Straßen der Stadt einher. Hinterher hat sich der sandige Boden in Schlamm verwandelt und der aufgetriebene Müll liegt obenauf.
Einige unserer jüngeren Schüler
Doch ich genieße auch die schönen und freien Stunden des Tages, insofern das Wetter mitspielt. Beispielsweise gehe ich hin und wieder ins Wabe Shebele Hotel am See, wo ich, im Schatten der scheinbar immergrünen Bäume, mit Affen in den Wipfeln und einer großen Schildkröte auf dem Rasen, schwimmen kann. Leider ließ das Wetter in der letzten Zeit keine regelmäßigen Besuche zu.

Was die tägliche Verköstigung angeht, so pflegen wir des Öfteren (extrem oft) essen zu gehen. Als ein marginaler, wenn auch nachvollziehbarer Grund sei angeführt, dass man zu einer Pizza mit einem gefühlten Durchmesser von einem Meter für 3.00 € einfach nicht nein sagen kann. Das Gleiche gilt für Lasagne, Burger und natürlich die unbegrenzte Auswahl an traditionell äthiopischem Essen. Ich persönlich lasse es mir gut gehen. Das Essen möchte ich nicht missen!
Auch abends gehe ich gerne in mein Lieblingsrestaurant; das Palace. Der Name lässt freilich nicht vermuten, dass es sich um ein sehr kleines und fast ausschließlich von Einheimischen besuchtes Restaurant handelt. Hier treffe ich mich des Öfteren mit Freunden, um mich zu unterhalten, zu essen und zu trinken. Unschlagbar sind sie Shäkkäla T’ibs. Dabei handelt es sich um Fleischstückchen, die auf einem kleinen Tonofen scharf angebraten serviert werden. Als Beilage gibt es wie immer Injera. Dazu trinke ich mit Vorliebe einige Gläser Jambo, wobei es sich um stinknormales Bier handelt.

Der frisch gestrichene Klassenraum
Vergangenen Sonntag gab es mal wieder ein Ereignis, das die ganze Stadt ein wenig wachrüttelte: der Hawassa Run. Bereits am frühen Morgen startete der Halbmarathon, etwas später begann der 7-km-Lauf. Selbstverständlich wollte ich diesen nicht verpassen und mitlaufen. Einziges Problem: Ich trainiere nicht, weil ich, was sportliche Aktivitäten angeht, hier in Äthiopien ausgesprochen faul geworden bin. Somit hole ich mir wieder einen miesen Muskelkater in den Beinen, wie bereits beim Great Ethiopian Run in Addis Abeba vor einigen Monaten. Der einzige Unterschied diesmal: Meine Fersen beginnen nicht zu bluten, weil ich vorsorglich bessere Strümpfe trage. Trotz des einige Tage währenden Muskelkaters ein durchaus lohnendes Erlebnis. Hier bekomme ich auch den weltberühmten äthiopischen Läufer Haile Gebreselassie zu Gesicht, der den Lauf eröffnet.

Das Lernen und der stetige Ausbau der amharischen Sprache machen mir weiterhin großen Spaß und ich werde des Sprechens und Ausprobierens wohl nie überdrüssig werden. Immer wieder lerne ich, insbesondere in den Gesprächen mit Freunden, neue Kniffe, Wörter und Wendungen, die ich bei Gelegenheit selber gebrauchen kann. Die Sprache ist vielfältig und hält viele komplizierte Gebilde bereit, die ich wohl nie verstehen werde, aber dennoch reicht es für die grundlegende Kommunikation. Einige nennen mich spaßeshalber Gonderee, was so viel wie Einwohner von Gonder bedeutet. Gonder im mittleren Norden ist unter anderem auch als eine der Heimatstätten des muttersprachlichen Amharisch bekannt, da es hier im Süden keine historischen Wurzeln besitzt. Ich verstehe das als großes Kompliment.
Das Lesen und Schreiben des Amharischen geht auch zunehmend besser vonstatten, wenn ich auch von einem flüssigen Gebrauch noch weit entfernt bin. Dennoch beherrsche ich inzwischen die meisten der 238 Fidel („Buchstaben“), mit Ausnahme der eher ungebräuchlichen Varianten verschiedener Laute.

Damit seiet ihr Wissbegierigen aus dem fernen Deutschland – und vielleicht auch anderen Ländern – wieder einmal unterrichtet und euer Durst nach der exotischen Fremde sei hiermit gestillet. Ich weiß: pathetisch, aber ein gutes Ende!

Dienstag, 1. Mai 2012

Reise in den Osten – Harar

1. Mai 2012

Morgens früh geht es mit einem Selam Bus geradewegs in Richtung Osten. Unser Ziel ist die Stadt Harar. Nach dem, was wir bisher gehört haben, ist es eine der älteren Städte Äthiopiens, die besonders durch ihre muslimische Prägung heraussticht. Vor kaum mehr als 100 Jahren lieferte der Europäer Arthur Rimbaud die ersten Bilder von der fernen, muslimischen Stadt, die bisher nur ein weißer Fleck auf den Landkarten der Welt gewesen war. Fremden war es lange Zeit nicht erlaubt, die Stadt zu betreten.
Eine der belebten Marktgassen von Harar
Am späten Nachmittag kommen wir an und finden, mithilfe unseres sich sofort anbietenden Führers Edom, rasch ein günstiges Hotel. Das Central Hotel ist mit Abstand die widerlichste Absteige, die ich bisher gesehen habe. Im kleinen, stickigen Zimmer wimmelt es von Kakerlaken und der Boden im Empfangsbereich klebt von verschüttetem Bier und es hängt ein abstoßender, schaler Geruch von altem Bier und anderen Flüssigkeiten in der Luft. Wenigstens die Toilette genügt ausgesprochen bescheidenen hygienischen Ansprüchen. Doch bei einem Doppelzimmerpreis von einem Euro pro Nacht, kann man sich wohl nicht beschweren, geschweige denn mehr erwarten.
Der Vorteil des Hotels ist, dass es in der Tat unmittelbar an der Mauer der Altstadt liegt. Somit können wir noch am selben Abend einige Schritte durch den verwinkelten und von unzähligen Gassen durchzogenen Bezirk machen. Doch sobald sich der erste Hunger meldet, fällt uns eines an der Stadt auf: es gibt keine Restaurants. Erst nach einer schier endlosen Suche finden wir ein kleines, abgelegenes Restaurant, dass im Gegensatz zu den wenigen anderen auch eine vegetarische Alternative für Muriel bereithält. Selten hat ein Abendessen so gut geschmeckt, wie dieser lang ersehnte Happen.

Am nächsten Morgen machen wir uns zuallererst auf den Weg in die Altstadt. Diese ist noch zum größten Teil von der historischen Stadtmauer umgeben, einzig durchbrochen von einigen, ebenfalls altehrwürdigen Toren. Die verwinkelten, schmalen und krummen Gassen durchziehen die gesamte Altstadt. In Häuserschluchten sitzen Marktfrauen und verkaufen Gemüse, in anderen Sträßchen sitzen Männer an antiquierten Nähmaschinen und fertigen bunte Kleider. Das ist im sogenannten Mäkina Safär – dem „Maschinenviertel“. In der Marktgegend ist es bunt und belebt. Die Kleider sind weitaus farbenfroher, als in anderen Teilen Äthiopiens, die ich bisher gesehen habe. Viele Frauen tragen Körbe mit Früchten und anderen Lebensmitteln auf dem Kopf.
Ich mit dem Hyänen-Mann bei der Fütterung
Es ist Wochenende und bereits am frühen Nachmittag haben nahezu alle Geschäfte geschlossen. Die Stadt wirkt in Teilen wie ausgestorben. Die gesamte Stadt verbreitet mit diesen zahllosen Eindrücken ein orientalisches  Flair. Ich fühle mcih wie in der Zeit zurückversetzt.
Nachmittags besuchen wir eine „Metzgerei“, in der wir ein frisches Stück Dromedar kaufen. In der benachbarten Garküche wird es frisch für mich zubereitet. Ich muss sagen, dass es ausgesprochen gut schmeckt – zart und süßlich.

Am nächsten Tag machen wir uns auf zu einem Kamelmarkt, unmittelbar am Stadtrand von Harar. Dass es sich bei den Tieren nicht um Kamele, sondern um Dromedare (mit einem Höcker) handelt scheint hier niemanden zu stören. Unser örtlicher Führer Edom kennt den Weg. Auf dem weiten Marktfeld stehen hunderte Kamele in kleinen Grüppchen zusammen. Einige der ausgewachsenen Exemplare besitzen eine geradezu bemerkenswerte Größe und ragen mit ihren langen Hälsen weit über uns hinaus. Einige der Kamelhändler sind mürrische Gestalten, die ihre Köpfe zusammenstecken und um den Preis feilschen. Es ist noch einmal eine andere Welt, wie mir scheint.
Eines der Kamele – es ist wohl Brunftzeit – rastet aus, schnaubt und Unmengen weißen Schaums quellen aus seinem Maul mit einer unheimlich geschwollenen, rosa Zunge heraus. Ein einmaliger Anblick!

Auf dem "Kamelmarkt"
Am Abend desselben Tages begeben wir uns an den Stadtrand von Harar, wo wir den Hyena Man antreffen wollen. Im Licht der Dämmerung bewegen sich die scheuen, halbzahmen Tiere aus der Wildnis in die Randbezirke der Stadt. Dort wartet stets der „Hyänen-Mann“ mit einem Korb voll Fleisch. Als wir ankommen streunen bereits einige der Ungeheuer zwischen den Häusern herum. Niemand stört sich daran und auch Kleinkinder laufen umher, als handle es sich um Hunde. Im Halbschatten der hereinbrechenden Nacht kommen einige der Tiere näher. Und erstmals sehe ich, wie unglaublich hässlich sie sind. Der Körper der Tiere ist unproportioniert, das Fell wirkt stumpf und die grässlichen Gesichter sind schlichtweg furchteinflößend. Zu guter Letzt kann ich die Hyänen auch füttern. Dabei wird mir ein Stöckchen mit einem Stück Fleisch daran zwischen die Zähne geklemmt und eine der mich umringenden Hyänen schnappt sich das Fleisch nur wenige Zentimeter vor meinem Gesicht. Das ist allemal eine Erfahrung!

Nach diesen vielseitigen Erlebnissen in Harar geht es für uns zurück nach Addis Abeba. Harar hat mir – auch im Vergleich zu anderen Städten – ausgesprochen gut gefallen, da es eine völlig andere Stimmung, als viele andere Städte Äthiopiens bereithält.
Ich mit einem ausgesprochen zahmen Dromedar
Zurück in Addis Abeba hole ich Theresa und Daniel vom Flughafen ab. Sie werden die kommenden drei Wochen in Äthiopien verbringen. Nach einem weiteren Tag in Addis machen wir uns mit dem Bus auf die Heimreise nach Awassa. Damit endet auch die vierwöchige Reise durch den Norden und Osten des Landes. Auf dieser Reise wurde mir klar, dass dieses Land – bereits beim Besuch weniger Städte – eine große Vielfalt an regionalen Eigenheiten zu bieten hat. Kein Ort war wie der andere, wenngleich auch stets „typisch äthiopische“ Gemeinsamkeiten auffielen. Insbesondere die einmaligen Eindrücke von Kultur und Natur, die ich erfahren habe, haben sich mir eingeprägt. Es war für mich eine Reise durch verschiedene Kulturen, die noch heute scheinbar in verschiedenen Zeiten anzutreffen sind.

Dienstag, 24. April 2012

Reise in den Norden – Lalibela


24. April 2012

Inneres der größten Kirche von Lalibela
Unser nächstes Reiseziel heißt Lalibela, welches sich weiter im Süden befindet. In zwei atemberaubend langen Busfahrten schaffen wir es tatsächlich an einem einzigen Tag bis in die Kleinstadt, welche weitab im Hügelland liegt. Die letzte Etappe der Straße ist nur über eine raue Staub- und Steinpiste zu bewältigen. In der Tat reisen die meisten Touristen per Flugzeug an und landen auf dem kleinen, eigens angelegten Flughafen von Lalibela, was in Anbetracht der weiten Strecken durchaus überlegenswert ist.
Rasch finden wir Räume in einer kleinen Pension, deren Besitzerin völlig aus dem Häuschen ist, dass Ferenjis bei ihr zu nächtigen wünschen. Bemerkenswerterweise findet sich auch vor ihrem nahe gelegenen Restaurant der Vermerk „Recommended by FARNGI“ („Empfohlen von Ausländern“). Das sich die vermeintliche Pension später als eigentliches Stundenhotel entpuppt, tut unserer Erleichterung einen günstigen Schlafplatz gefunden zu haben keinen Abbruch.
Einen eher überraschenden Wendepunkt nimmt die Reise, da wir uns als Gruppe trennen. Während Muriel und ich in Lalibela bleiben werden, entschließen sich Melanie, Rahel und Klaas dafür, drei Tag in die Berge zu einer Hochzeit zu wandern. Kurzerhand brechen sie am kommenden Morgen auf, während wir anderen nun zu zweit Lalibela erkunden.
Teil des Kirchenbezirks
Die Eintrittspreise sind die bisher höchsten in Äthiopien und entsprechen – zumindest für Ausländer – dem europäischen Niveau. Aber die Besichtigung der berühmten Felsenkirchen von Lalibela lohnt sich. Im Gegensatz zu den Kirchen im Norden sind diese von außen von Gestein befreit und der Innenraum ist noch grandioser ausgestaltet. Vor bis zu 600 Jahren wurden die Kirchen auf Geheiß König Lalibelas errichtet – oder besser gesagt freigelegt. Des Nachts sollen Engel die Bauarbeiten vorangetrieben haben. Wahrscheinlicher ist ein Heer von Sklaven.
In tiefen Mulden aus rotem Stein liegen die Kirchen in Versenkungen, so dass es unmöglich ist, sie auf weitere Entfernung auszumachen. Wie Burgen sind sie von tiefen Gräben umgeben. Neuerdings liegen sie auch im Schatten gigantischer, von Stahlgerüsten getragenen Baldachinen, welche zu deren Schutz von der UNESCO errichtet wurden. Dem Effekt tut das keinen Abbruch. Die Kirchen besitzen Fenster und Portale, sind bisweilen sogar von ausgehauenen Säulenkränzen umgeben.
Das Innere der größten der Kirchen gleicht einer europäischen, romanischen Kirche. Die Säulen sind exakt und rechtwinklig ausgehauen, die Bögen rund gearbeitet. Es ist dunkel und einige Gläubige beten im Schatten des mächtigen Gewölbes. Kein einziger Stein wurde hier auf den anderen gesetzt, kein Dachziegel beschirmt diese Hallen.
In einer weiteren kleinen, mehr höhlengleichen Kirche wird gesungen und gebetet; Rauch steigt auf. Mit diesen mystischen Klängen im Hintergrund lässt sich die Anlage von Gängen, Kirchen und Höhlen noch einmal ganz anders erfahren.

Betägiorgis vom Rand des Grabens
Die besonders berühmte Kirche Betägiorgis (amharisch: Kirche des Heiligen Georg) ist abseits in einer tiefen schluchtartigen Versenkung zu finden. Von oben herab lässt sich ihre Kreuzform mit eingehauenen Mustern betrachten. Durch einen schmalen Graben und einen absteigenden Durchbruch gelangen wir schließlich auf die Bodenebene der Kirche. Senkrecht erheben sich die Felswände, wie auch die Wände der Kirche vor unseren Augen. Das Licht ist gedämpft und über uns liegt der strahlend blaue Himmel.
Der Innenraum der Kirche ist geradezu winzig, zumal das Allerheiligste noch einmal durch einen Vorhang abgetrennt ist. Der vorstehende Mönch nutzt natürlich die Gelegenheit, sich in ehrwürdiger Haltung und mit traditionellem Kreuz für ein Photo in Pose zu setzen. Anschließend sagt er nur: „100 Birr“. Doch offenbar ist er es schon gewohnt, dass seiner Forderung – bei einem Eintrittspreis von 350 Birr (15 Euro) – nicht entsprochen wird.
Von Kirche zu Kirche führt uns unser Weg durch schmale Gänge im Fels und wiederum durch breite, künstlich geschlagene Gräben, welche die verschiedenen Kirchenareale umfangen. Insgesamt bringen wir einen ganzen Tag in den Kirchen und ihrer Umgebung zu.
Felsenkirche, halb erhalten, halb erneuert
Um den Tag ruhig ausklingen zu lassen, besuchen wir das Ben Abeba Restaurant, welches am Stadtrand auf einem Hügel steht, der einen Ausblick bis in die dunstige Ferne erlaubt. Das Restaurant besitzt ein futuristisches Flair mit etlichen Aufgängen, Terrassen und Plattformen im Freien. Der gesamte zusammenhängende Raum wird von der abendlichen Brise durchzogen. Betrieben wird es von einer Schottin, die, nach eigener Aussage, nach einem Glas zu viel traditionellem Bier, auf diese Idee kam. Ein Tipp, den man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Am nächsten Morgen stehen wir bereits um vier Uhr auf, um einen Bus in Richtung Addis Abeba zu bekommen. In jedem Fall ist mit einer zweitägigen Reise zu rechnen. Doch trotz aller Frühe gibt es keinen Bus mehr in jene Richtung, weshalb wir uns kurzerhand entscheiden in Richtung Bahir Dar zu fahren, von wo wir ebenfalls innerhalb von einem weiteren Tag nach Addis Abeba gelangen können. Ein Gutes hat der ungeplante Abstecher in den Westen: Wir können unsere Kollegen besuchen, die, mittlerweile von ihren eigenen Reisen heimgekehrt, wieder in Bahir Dar sind.
Blick vom Ben Abeba Restaurant aus
Nach nur circa sieben Stunden kommen wir in der Stadt am Tana-See an und verbringen mit unseren Kollegen den Rest des Nachmittags, bevor es am folgenden Tag wiederum bei Dunkelheit losgeht in Richtung Süden. Über dieselbe Route, wie bereits auf der Hinfahrt fahren wir mit dem Mini-Bus nach Addis Abeba. Unsere nächste und auch letzte Station auf dieser Reise heißt Harar. Es geht in den Osten Äthiopiens!

Samstag, 21. April 2012

Reise in den Norden – Weiter gen Norden

21. April 2012

Die große Stele von Axum
Von Debark geht es für uns nun weiter in den Norden. Über abenteuerliche Serpentinen geht es hinter der Stadt hinab in die Tiefe. In jeder Kurve und Kehre habe ich das Gefühl, bereits den Hang hinunterzustürzen, hat der klapprige Bus doch einen so großen Wendekreis, dass wir stets den freien Blick in die Tiefe vor uns haben.
Es geht weiter und das Land verändert sich, es wird gebaut, Straßen werden durch die Felsen des Gebirges gezwungen. Es ist ein Wunder, dass wir bei den vielen Baustellen an Felshängen und in engen Durchbrüchen nicht stehenbleiben und die Bauarbeiten den Verkehr weitestgehend nicht behindern.
Wir sind auf dem Weg in die Stadt Shire, die wir erst nach Einbruch der Dunkelheit erreichen. Die Ausläufer der Simien-Mountains haben wir verlassen. Die Stadt Shire hat – gelinde gesagt – nichts zu bieten. Dementsprechend kostet das Hotel an der Bushaltestelle umgerechnet auch nur 1,20 Euro. Nein – diese Stadt ist kein Touristenmagnet.
Tags darauf geht es für uns ins legendäre, antike Axum. Die Stadt ist namengebend für die axumitische Kultur und das Reich von Axum, dessen Wurzeln in einer Zeit vor über 3000 Jahren begründet liegen. Hierbei handelte es sich um die erste afrikanische Hochkultur jenseits des fruchtbaren Oberlaufs des Nils.

Palastgruft in Axum
Nach einer kurzen Fahrt mit dem Bus sind wir am nächsten Tag bereits gegen neun Uhr in Axum. Nachdem wir uns im ausgesprochen sauberen und empfehlenswerten International Hotel einquartiert haben, begeben wir uns zu den Kulturgütern am anderen Stadtrand. Am berühmtesten ist dabei das große Stelenfeld, auf dem sich mehrere Meter hohe obeliskenähnliche Grabmäler befinden. Diese hellgrauen Monolithen sind derart behauen, dass sie mehrstöckigen Wohnhäusern nachempfunden sind. Auch können wir die darunter gelegenen Grüfte betreten. Das nahegelegene „Museum“ hat diese Bezeichnung – wie des Öfteren in Äthiopien – kaum verdient. Zwar sind einige interessante Münzen und Gefäße zu betrachten, doch die Aufmachung ist kaum der Rede wert. Das Essen, das die Stadt zu bieten hat ist hingegen eines der besten, das ich in Äthiopien bisher probieren durfte.
Zusammenfassend handelt es sich bei Axum für mich um eine nur mäßig interessante – wenn auch antike und geschichtsträchtige Stadt. Außer den in der Tat kolossalen und beeindruckenden Stelen befindet sich in der Stadt kaum etwas von Interesse. In jedem Fall empfinde ich es als überflüssig der Stadt mehr als einen Tag unserer Reise zu widmen.

Weiter geht es – wie gehabt mit dem Bus – in den äußersten Nordosten Äthiopiens, in die Region Tigray. Das Land ist trocken und erstmals finden sich auf dem Land Häuser und kleine Gehöfte aus Stein. Weiter südlich finden sich in den ländlichen Gebieten durchweg nur Häuser und Hütten aus Lehm. In diesem Teil des Landes wird maßgeblich die lokale Sprache Tigriña gesprochen, die anscheinend mit dem Amharischen verwandt ist. Selbst in den Städten Wuk’ro und Mek’ele, die wir besuchen, sprechen bei weitem nicht alle Menschen Amharisch.
Blick von Debre Tsion Abraham
In der Umgebung des kleinen Städtchens Wuk’ro befinden sich die berühmten Felsenkirchen von Tigray. Zumindest einige von ihnen wollen wir uns ansehen. Am Morgen mieten wir uns einen Minibus, der uns zu den verschiedenen Kirchen befördern soll. Über „Straßen“, die das Wort Asphalt noch nicht einmal gehört zu haben scheinen, geht es aus der Stadt hinaus durch einige Dörfer in Richtung der Kirche Debre Tsion Abraham. In der sengenden Vormittagshitze besteigen wir, begleitet von einer Horde Kinder, den schroff aus der Landschaft ragenden Brocken. Völlig entkräftet kommen wir an und sehen den Eingang der Kirch in einem kleinen Hof, eher unscheinbar in der rötlichen Felswand. Ein uralter Mönch wacht über den Eingang zur Kirche.
Der Innenraum ist kühl und dämmrig. Die Decke wölbt sich atemberaubend hoch über unseren Köpfen. Auch Teile der Wände des rechteckigen Raums sind bemalt, wobei zu sehen ist, dass viele der Malereien bereits zerstört sind. Mächtige Säulen scheinen die Decke zu tragen und ich muss mir immer wieder vor Augen halten, dass diese Kirche mehr eine Höhle, als ein gemauertes Gebäude ist.
Ich und der Blick auf das weite Umland von Tigray
Ein Mann berichtet uns, Abraham – der Kirchengründer – habe den Innenraum eigenhändig in mehreren Jahren geschaffen. Eine wahnsinnige, beinahe phantastische Vorstellung.

Die zweite Kirche, die wir am frühen Nachmittag ansteuern – Abuna Yemata Guh – ist vom Fuß der Berge nicht einzusehen. Steil türmen sich vor uns die Felsen auf, die einen mühevollen Aufstieg prophezeien. Der erste Part des Aufstiegs ist zwar steil, doch nichts im Vergleich zu dem, was uns beim zweiten noch bevorsteht. Als wir den eigentlichen Felsen erreichen, heißt es die Handgriffe und Fußtritte zu benutzen, die sich über die Jahrhunderte in die Felswand eingegraben haben. Was zuvor noch ein grandioser Ausblick über eine Ebene in allen nur erdenklichen Braun- und Gelbtönen war, wird nun zum schwindelerregenden Hindernis für mich. Doch mithilfe unseres Führers gelingt uns der Aufstieg ohne Probleme und wir kommen auf einigen kleinen Felsvorsprüngen und -plateaus zum stehen. Der Blick über das Land ist abermals atemberaubend. In der Ferne kann ich Windhosen betrachten, die sich aus dem Staub erheben und wieder in sich zusammenfallen.
Deckenmalerei von Abuna Yemata Guh
Im Felsen befinden sich mehrere Aushöhlungen, in denen etliche übereinandergestapelte menschliche Skelette aufgebahrt liegen. Bis vor wenigen Jahren sollen Menschen hier bestattet worden sein. Ein schauerlicher Anblick. In einer weiteren, größeren Höhle befindet sich ein noch immer genutztes, uraltes Baptisterium. Dieser Anblick, so weit über allem bewohnten Land ist erstaunlich und mutet archaisch an.
Nun geht es noch einige Schritte weiter hinauf. Barfuß bewegen wir uns in schwindelerregender Höhe über einen schmalen Felsvorsprung, der meiner Phantasie jeden Freiraum lässt! Schließlich kraxeln wir von dort in eine kleine Eingangshöhle und durch eine schwarze, alte Holztür in den Innenraum der eigentlichen Kirche. Diese dunkle und ausgehöhlte Kaverne verströmt eine urtümliche und heilige Atmosphäre. Die „Höhlenwände“ sind über und über bis unter die niedrige Decke bemalt mit biblischen und traditionell äthiopischen Motiven. Es finden sich Heilige, Apostel, Drachentöter, gute und böse Geschöpfe im Ringen miteinander. Antike Handschriften liegen am Rande des Raumes auf dem Boden. Es ist kühl und still. Wie üblich darf das hinter einem Schleier verborgene Allerheiligste der Kirch nicht betreten werden.
Diese mittelalterliche, einsiedlerisch dem Berg abgetrotzte Stätte der Ruhe ist für mich das wohl eindrucksvollste Werk menschlichen Schaffens auf dieser Reise durch den Norden.
Oberhalb liegt die versteckte Felsenkirch
Der Abstieg ist – ganz im Gegensatz zum Aufstieg – um ein Vielfaches beschwerlicher; das Herabhangeln an den teilweise senkrechten Wänden ist nicht einfach. Erleichternd ist es somit, sicher und unversehrt am Rand des Felsens angekommen zu sein.

Am nächsten Tag geht es weiter nach Mek’ele, der Regionalhauptstadt Tigrays. Dankenswerterweise können wir im Haus unserer Freiwilligen-Kollegen übernachten, welche sich derzeit selbst auf Reisen befinden. Hier in Mek’ele wollen wir uns ein wenig von den Anstrengungen der vorangegangenen Reiseetappen erholen.
Durch puren Zufall lernen wir auf der Straße ein äthiopisch-deutsches Ehepaar kennen – sie kommt aus Mek’ele, er aus der Nähe von Ravensburg. Sofort werden wir für den nächsten Tag zum Essen bei ihnen zuhause eingeladen. Es gibt Spaghetti mit Tomatensoße und Gurkensalat; der Geschmack ist authentisch; ganz wie zuhause in Deutschland. Heinz lernte Alganesh (amharisch: „Du bist das Bett“) in den 70er-Jahren kennen, sie heirateten und leben seitdem in Deutschland. Vier Monate im Jahr wohnen sie in Alganeshs Heimat. Wir haben bereits eine Einladung für die Zeit nach unserer Rückkehr nach Deutschland.

Wasserfall in der Nähe von Mek'ele
Des Weiteren lernen wir eine deutsche Doktorandin kennen, die ihre Dissertation über die mittelalterlichen Kirchenmalereien Äthiopiens verfasst. Ihr Assistent kommt ebenfalls von der Universität Konstanz und begleitet sie auf ihrer Forschungsreise. Gemeinsam mit ihnen fahren wir am nächsten Tag zu einem Wasserfall außerhalb der Stadt, wo wir – verfolgt von den Augen unzähliger Kinder – in eiskalten natürlichen Steinbecken baden können.
Mek’ele gefällt mir. Ich empfinde es als eine vergleichsweise ruhige Stadt, die mir ebenso wie bereits Bahir Dar, als gewachsen erscheint und nicht aus dem Boden gestampft, wie etwa Awassa. Beides besitzt seine Reize.

Samstag, 31. März 2012

Reise in den Norden – die Simien-Mountains

31. März 2012

Von Gondar geht es über eine halsbrecherische Straße weiter in Richtung Norden, in Richtung der Simien-Mountains. In der letzten Reihe des Busses werden wir von jedem einzelnen der zahlreichen Schlaglöcher auf- und abgeworfen. An Schlafen ist nicht zu denken. Die Umgebung wird gebirgiger und kahler.
Klippe auf dem Weg von Sankabar nach Geech
Schließlich kommen wir nach einer mehrstündigen Fahrt in Debark an, einer verschlafenen Kleinstadt mitten in den Bergen. In Winddeseile versuchen wir uns über das örtliche Touristenbüro alles zu organisieren, was wir benötigen, da wir noch am gleichen Tag zum ersten Camp in die Berge fahren wollen. Was zu organisieren ist, sind unter anderem Scouts, die uns den Weg zeigen, Maulesel und die zugehörigen Mauleseltreiber, die Gepäck, Essen und mehr transportieren sollen. Außerdem benötigen wir einen Koch und das Essen, das er in den kommenden Tagen zubereiten wird. Besonders schwierig ist es die verschiedenen Einzelkosten für mehrere Tage zusammenzusetzen und die zu nehmende Route auszuklügeln. Doch letzten Endes schaffen wir es doch an diesem einen Nachmittag.
Insbesondere die Kosten für den Minibus hin zum ersten Camp teilen wir uns mit vier Griechen – Thanos, Iota, Kostas und Julia –, die wir bereits in Gondar kennengelernt haben. Sie sind auf Urlaub in Äthiopien und kurzerhand hatten wir uns bereits in Gondar dazu entschlossen, gemeinsam einige Tage zu wandern.
Surreale Kulisse vor dem Abendessen in Geech
Letzten Endes fahren wir am späten Nachmittag noch los in Richtung Sankabar, bevor der Nationalpark schließt und wir nicht mehr hinein können. Es ist nicht allzu weit bis Sankabar – dem ersten Camp – und wir sehen bereits auf dem Weg dorthin beeindruckende Abgründe, Täler und Bergketten, die sich bis zum dämmernden Horizont in der Ferne erstrecken.
Sankabar besteht aus nicht mehr, als ein paar vereinzelten Hütten, in denen einige Betten stehen. In der Nacht müssen wir uns bereits in mehrere Lagen von Pullovern, Hosen und Socken einwickeln, da es hier oben auf rund 3000 Metern Höhe extrem kalt und bisweilen auch der Gefrierpunkt unterschritten wird

Am nächsten Morgen geht es in aller Frühe nach einem spartanischen Frühstück los. Zuallererst wird unser Gepäck auf einige Maulesel verladen, dann brechen wir auf in Richtung des nächsten Camps – Geech. Von Anfang an streifen wir mal dicht, mal ferner entlang an einem Abgrund, der uns den Ausblick über eine weite Gebirgslandschaft bietet. In der Tiefe erblicken wir einzelne Felder und Hütten, die auf jeden ebenen Fleck der Berge geworfen sind.
Noch nie habe ich eine solche Weite erblickt, es ist nicht möglich jeden Teil dieses Vielfältigen Anblicks auf einmal wahrzunehmen. Und jeder Versuch einen solchen Anblick auf ein Photo zu bannen muss zum Scheitern verurteilt sein. Denn auch der beunruhigende Schwindel, der auftritt, sobald man sich der Kante nähert, ist Teil der Faszination. Nach einigem Stück Weg verlassen wir den steilen Abbruch und wandern – unseren Scout Alebil stets vor uns – durch ein schmales, braunes Tal. Auf dem Weg stoßen wir auf eine Herde Baboons, die mit Sicherheit rund 200 Tiere zählt. Rast machen wir am Becken eines eiskalten Gebirgsbaches, wo wir auch die Sandwiches unseres Kochs Shara’o verspeisen.
Nur ein Ausblick von Imet Gogo aus
In nun immer höheren Lagen wandern wir kurze Zeit über Hänge, die wie eine Mondlandschaft anmuten, kahl und staubig. Doch auch hier finden sich noch immer Bauern, die umherwandern und auf diesem kargen Grund Ackerbau betreiben. Auch in der Ferne an all den Hängen sind Linien und abgetrennte Flächen – kultiviertes Land zu erkennen. Hier im Nirgendwo.
Am späten Nachmittag ist es dann endlich soweit und auf einem Hang vor uns erhebt sich Geech, ein Dorf aus Rundhütten, die verstreut zwischen Palmen und Felsen liegen. Nur noch ein letzter Aufstieg und wir sind angekommen in der „Lodge“. Diese besteht im Wesentlichen aus einer Hütte, die mit hervorragendem Blick über eine Bergkette, selbst auf einer Bergkuppe liegt. Der Wind zieht frisch über die Hänge, während die Sonne scheint und die schroffe Umgebung in warmes Licht taucht. Das erfreuliche an diesem „Basislager“ ist, dass man sich für 20 Birr Wasser erhitzen lassen kann und somit selbst in dieser zivilisationsfernen Umgebung eine heiße Dusche genießen kann. So einen Luxus haben wir nicht einmal zuhause in Awassa.

Am nächsten Morgen werden wir vom betörenden Geruch des Kerosinofens geweckt, der unseren Frühstückstee zubereitet. Hin und wieder schmeckt deshalb nicht nur der Tee, sondern auch das Mittag- oder Abendessen nach Kerosin. Ein Abstrich, denn man hier auf mehreren tausend Metern wohl in Kauf nehmen muss.
Marsch von Geech nach Chenek
An diesem Morgen wandern wir über eine palmenbestandene Hochebene in Richtung des berühmten Aussichtspunktes Imet Gogo. Noch am Vormittag erreichen wir den Felsvorsprung, der krass aus den Bergen heraus und in die vor uns liegende Senke hinein ragt. Atemberaubend ist der weite Ausblick über ganze Berge und Täler. Ein ganzes Gebirge liegt uns zu Füßen. Erst im fernen Dunst verschwinden die Berge.
Weiter geht es bergab und bergauf, wieder entlang an Abgründen und Felswänden, die gefühlte dreihundert Meter in die tiefe fallen, doch vermutlich sind es in Wirklichkeit weniger. Abermals brennt die Höhensonne herab und der kalte Wind fliegt über die Hochebene. Am Ende des Tages sind wir auch von dieser Etappe erschöpft, obgleich es landschaftlich für mich die schönste gewesen sein sollte. Die „Lodge“, in der wir heute einkehren heißt Chenek und liegt entlang einer Piste, die quer durch den Nationalpark führt. Ich frage mich wie und vor allem warum hier ein Netz aus Holperstraßen diese Einöde durchzieht. Chenek ist eingeklemmt zwischen großen Bergen auf der einen und steilen Abgründen auf der anderen Seite. Der abendliche Schatten senkt sich darum schon früh herab und die Morgensonne lässt lange auf sich warten, ehe sie hinter dem zweithöchsten Berg Äthiopiens – dem Bwahit – emporsteigt. Und das ist auch der Berg, den wir an unserem dritten Tag besteigen wollen.
Blick aus der Nähe von Chenek
Wieder geht es früh los, um beim Aufstieg der Mittagshitze zu entgehen. Der Boden im Schatten der Bergseiten – hier auf rund 4000 Metern – ist mit Raureif überzogen und es ist eisig kalt. Der Aufstieg des Bwahit ist von Anfang an steil und schon nach Überwindung weniger Höhenmeter wird das Gelände immer kahler. Keine Sträucher, geschweige denn Bäume oder ähnliches wachsen hier noch. In einer Schlucht zeigt uns unser Scout sogar ein wenig Eis und Schnee. Bald besteht der Boden nur noch aus Stein und Geröll. Das Atemholen wird tiefer und die dünnere Luft – seit Tagen schon gefühlt – macht sich hier erst richtig bemerkbar. Der nahezu unsichtbare Pfad auf den Gipfel wird immer steiler, doch schließlich – nach etwa zwei Stunden – sind zumindest mein Kollege Klaas und ich angekommen. Es ist unglaublich still auf diesem kahlen Gipfel und ich höre nur den Wind und den Flügelschlag einiger Geier, die ihre Kreise fliegen. In der Ferne sehen wir den Ras Dashen, den höchsten Berg Äthiopiens, der nur wenige Meter höher ist als der 4430 Meter hohe Bwahit.
Blick vom Bwahit
Nachdem wir uns ausgiebig ausgeruht haben, geht es im Eiltempo wieder bergab. Im Laufschritt rennend benötigen wir für den Abstieg nur etwas mehr als eine Stunde. In Chenek steht bereits ein Minibus bereit, der uns, unseren Koch und unsere Scouts zurück nach Debark bringen wird. Die Straße ist gespickt mit großen Steinen und spitzen Brocken, die die Fahrt zu einem weiteren automobilen Abenteuer auf dieser Reise machen.
Nach drei Tagen des Wanderns und der einzigartigen Natureindrücke verlassen wir die Siemien-Mountains wieder in Richtung Debark. Wir haben Menschenaffen gesehen, die berühmten endemischen Steinböcke der Simien-Mountains und vieles mehr. Es war definitiv einer der einprägsamsten Teile meiner Reise in den Norden – nicht in Hinsicht der Kultur, aber umso mehr in Hinsicht der erlebten Natur.