21. April 2012
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| Die große Stele von Axum |
Von Debark geht es für uns nun weiter in den
Norden. Über abenteuerliche Serpentinen geht es hinter der Stadt hinab in die
Tiefe. In jeder Kurve und Kehre habe ich das Gefühl, bereits den Hang
hinunterzustürzen, hat der klapprige Bus doch einen so großen Wendekreis, dass
wir stets den freien Blick in die Tiefe vor uns haben.
Es geht weiter und
das Land verändert sich, es wird gebaut, Straßen werden durch die Felsen des
Gebirges gezwungen. Es ist ein Wunder, dass wir bei den vielen Baustellen an Felshängen
und in engen Durchbrüchen nicht stehenbleiben und die Bauarbeiten den Verkehr
weitestgehend nicht behindern.
Wir sind auf dem Weg
in die Stadt Shire, die wir erst nach
Einbruch der Dunkelheit erreichen. Die Ausläufer der Simien-Mountains haben wir
verlassen. Die Stadt Shire hat – gelinde gesagt – nichts zu bieten.
Dementsprechend kostet das Hotel an der Bushaltestelle umgerechnet auch nur
1,20 Euro. Nein – diese Stadt ist kein Touristenmagnet.
Tags darauf geht es
für uns ins legendäre, antike Axum.
Die Stadt ist namengebend für die axumitische Kultur und das Reich von Axum, dessen Wurzeln in einer
Zeit vor über 3000 Jahren begründet liegen. Hierbei handelte es sich um die
erste afrikanische Hochkultur jenseits des fruchtbaren Oberlaufs des Nils.
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| Palastgruft in Axum |
Nach einer kurzen
Fahrt mit dem Bus sind wir am nächsten Tag bereits gegen neun Uhr in Axum.
Nachdem wir uns im ausgesprochen sauberen und empfehlenswerten International Hotel einquartiert haben,
begeben wir uns zu den Kulturgütern am anderen Stadtrand. Am berühmtesten ist
dabei das große Stelenfeld, auf dem
sich mehrere Meter hohe obeliskenähnliche Grabmäler befinden. Diese hellgrauen
Monolithen sind derart behauen, dass sie mehrstöckigen Wohnhäusern
nachempfunden sind. Auch können wir die darunter gelegenen Grüfte betreten. Das
nahegelegene „Museum“ hat diese Bezeichnung – wie des Öfteren in Äthiopien –
kaum verdient. Zwar sind einige interessante Münzen und Gefäße zu betrachten,
doch die Aufmachung ist kaum der Rede wert. Das Essen, das die Stadt zu bieten
hat ist hingegen eines der besten, das ich in Äthiopien bisher probieren
durfte.
Zusammenfassend
handelt es sich bei Axum für mich um eine nur mäßig interessante – wenn auch
antike und geschichtsträchtige Stadt. Außer den in der Tat kolossalen und
beeindruckenden Stelen befindet sich in der Stadt kaum etwas von Interesse. In
jedem Fall empfinde ich es als überflüssig der Stadt mehr als einen Tag unserer
Reise zu widmen.
Weiter geht es – wie
gehabt mit dem Bus – in den äußersten Nordosten Äthiopiens, in die Region Tigray. Das Land ist trocken und
erstmals finden sich auf dem Land Häuser und kleine Gehöfte aus Stein. Weiter
südlich finden sich in den ländlichen Gebieten durchweg nur Häuser und Hütten
aus Lehm. In diesem Teil des Landes wird maßgeblich die lokale Sprache Tigriña
gesprochen, die anscheinend mit dem Amharischen verwandt ist. Selbst in den
Städten Wuk’ro und Mek’ele, die wir besuchen, sprechen bei
weitem nicht alle Menschen Amharisch.
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| Blick von Debre Tsion Abraham |
In der Umgebung des
kleinen Städtchens Wuk’ro befinden sich die berühmten Felsenkirchen von Tigray. Zumindest einige von ihnen wollen wir uns
ansehen. Am Morgen mieten wir uns einen Minibus, der uns zu den verschiedenen
Kirchen befördern soll. Über „Straßen“, die das Wort Asphalt noch nicht einmal
gehört zu haben scheinen, geht es aus der Stadt hinaus durch einige Dörfer in
Richtung der Kirche Debre Tsion Abraham.
In der sengenden Vormittagshitze besteigen wir, begleitet von einer Horde
Kinder, den schroff aus der Landschaft ragenden Brocken. Völlig entkräftet
kommen wir an und sehen den Eingang der Kirch in einem kleinen Hof, eher
unscheinbar in der rötlichen Felswand. Ein uralter Mönch wacht über den Eingang
zur Kirche.
Der Innenraum ist
kühl und dämmrig. Die Decke wölbt sich atemberaubend hoch über unseren Köpfen.
Auch Teile der Wände des rechteckigen Raums sind bemalt, wobei zu sehen ist,
dass viele der Malereien bereits zerstört sind. Mächtige Säulen scheinen die
Decke zu tragen und ich muss mir immer wieder vor Augen halten, dass diese
Kirche mehr eine Höhle, als ein gemauertes Gebäude ist.
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| Ich und der Blick auf das weite Umland von Tigray |
Ein Mann berichtet
uns, Abraham – der Kirchengründer – habe den Innenraum eigenhändig in mehreren
Jahren geschaffen. Eine wahnsinnige, beinahe phantastische Vorstellung.
Die zweite Kirche,
die wir am frühen Nachmittag ansteuern – Abuna
Yemata Guh – ist vom Fuß der Berge nicht einzusehen. Steil türmen sich vor
uns die Felsen auf, die einen mühevollen Aufstieg prophezeien. Der erste Part
des Aufstiegs ist zwar steil, doch nichts im Vergleich zu dem, was uns beim
zweiten noch bevorsteht. Als wir den eigentlichen Felsen erreichen, heißt es
die Handgriffe und Fußtritte zu benutzen, die sich über die Jahrhunderte in die
Felswand eingegraben haben. Was zuvor noch ein grandioser Ausblick über eine
Ebene in allen nur erdenklichen Braun- und Gelbtönen war, wird nun zum
schwindelerregenden Hindernis für mich. Doch mithilfe unseres Führers gelingt
uns der Aufstieg ohne Probleme und wir kommen auf einigen kleinen
Felsvorsprüngen und -plateaus zum stehen. Der Blick über das Land ist abermals
atemberaubend. In der Ferne kann ich Windhosen betrachten, die sich aus dem
Staub erheben und wieder in sich zusammenfallen.
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| Deckenmalerei von Abuna Yemata Guh |
Im Felsen befinden
sich mehrere Aushöhlungen, in denen etliche übereinandergestapelte menschliche
Skelette aufgebahrt liegen. Bis vor wenigen Jahren sollen Menschen hier
bestattet worden sein. Ein schauerlicher Anblick. In einer weiteren, größeren
Höhle befindet sich ein noch immer genutztes, uraltes Baptisterium. Dieser
Anblick, so weit über allem bewohnten Land ist erstaunlich und mutet archaisch
an.
Nun geht es noch
einige Schritte weiter hinauf. Barfuß bewegen wir uns in schwindelerregender
Höhe über einen schmalen Felsvorsprung, der meiner Phantasie jeden Freiraum
lässt! Schließlich kraxeln wir von dort in eine kleine Eingangshöhle und durch
eine schwarze, alte Holztür in den Innenraum der eigentlichen Kirche. Diese
dunkle und ausgehöhlte Kaverne verströmt eine urtümliche und heilige Atmosphäre.
Die „Höhlenwände“ sind über und über bis unter die niedrige Decke bemalt mit
biblischen und traditionell äthiopischen Motiven. Es finden sich Heilige,
Apostel, Drachentöter, gute und böse Geschöpfe im Ringen miteinander. Antike
Handschriften liegen am Rande des Raumes auf dem Boden. Es ist kühl und still.
Wie üblich darf das hinter einem Schleier verborgene Allerheiligste der Kirch
nicht betreten werden.
Diese
mittelalterliche, einsiedlerisch dem Berg abgetrotzte Stätte der Ruhe ist für
mich das wohl eindrucksvollste Werk menschlichen Schaffens auf dieser Reise
durch den Norden.
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| Oberhalb liegt die versteckte Felsenkirch |
Der Abstieg ist –
ganz im Gegensatz zum Aufstieg – um ein Vielfaches beschwerlicher; das Herabhangeln
an den teilweise senkrechten Wänden ist nicht einfach. Erleichternd ist es
somit, sicher und unversehrt am Rand des Felsens angekommen zu sein.
Am nächsten Tag geht
es weiter nach Mek’ele, der Regionalhauptstadt Tigrays. Dankenswerterweise
können wir im Haus unserer Freiwilligen-Kollegen übernachten, welche sich
derzeit selbst auf Reisen befinden. Hier in Mek’ele wollen wir uns ein wenig
von den Anstrengungen der vorangegangenen Reiseetappen erholen.
Durch puren Zufall
lernen wir auf der Straße ein äthiopisch-deutsches Ehepaar kennen – sie kommt
aus Mek’ele, er aus der Nähe von Ravensburg. Sofort werden wir für den nächsten
Tag zum Essen bei ihnen zuhause eingeladen. Es gibt Spaghetti mit Tomatensoße
und Gurkensalat; der Geschmack ist authentisch; ganz wie zuhause in Deutschland.
Heinz lernte Alganesh (amharisch: „Du bist das Bett“) in den 70er-Jahren
kennen, sie heirateten und leben seitdem in Deutschland. Vier Monate im Jahr
wohnen sie in Alganeshs Heimat. Wir haben bereits eine Einladung für die Zeit
nach unserer Rückkehr nach Deutschland.
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| Wasserfall in der Nähe von Mek'ele |
Des Weiteren lernen
wir eine deutsche Doktorandin kennen, die ihre Dissertation über die
mittelalterlichen Kirchenmalereien Äthiopiens verfasst. Ihr Assistent kommt
ebenfalls von der Universität Konstanz und begleitet sie auf ihrer
Forschungsreise. Gemeinsam mit ihnen fahren wir am nächsten Tag zu einem
Wasserfall außerhalb der Stadt, wo wir – verfolgt von den Augen unzähliger Kinder
– in eiskalten natürlichen Steinbecken baden können.
Mek’ele gefällt mir.
Ich empfinde es als eine vergleichsweise ruhige Stadt, die mir ebenso wie
bereits Bahir Dar, als gewachsen
erscheint und nicht aus dem Boden gestampft, wie etwa Awassa. Beides besitzt
seine Reize.