Samstag, 31. März 2012

Reise in den Norden – die Simien-Mountains

31. März 2012

Von Gondar geht es über eine halsbrecherische Straße weiter in Richtung Norden, in Richtung der Simien-Mountains. In der letzten Reihe des Busses werden wir von jedem einzelnen der zahlreichen Schlaglöcher auf- und abgeworfen. An Schlafen ist nicht zu denken. Die Umgebung wird gebirgiger und kahler.
Klippe auf dem Weg von Sankabar nach Geech
Schließlich kommen wir nach einer mehrstündigen Fahrt in Debark an, einer verschlafenen Kleinstadt mitten in den Bergen. In Winddeseile versuchen wir uns über das örtliche Touristenbüro alles zu organisieren, was wir benötigen, da wir noch am gleichen Tag zum ersten Camp in die Berge fahren wollen. Was zu organisieren ist, sind unter anderem Scouts, die uns den Weg zeigen, Maulesel und die zugehörigen Mauleseltreiber, die Gepäck, Essen und mehr transportieren sollen. Außerdem benötigen wir einen Koch und das Essen, das er in den kommenden Tagen zubereiten wird. Besonders schwierig ist es die verschiedenen Einzelkosten für mehrere Tage zusammenzusetzen und die zu nehmende Route auszuklügeln. Doch letzten Endes schaffen wir es doch an diesem einen Nachmittag.
Insbesondere die Kosten für den Minibus hin zum ersten Camp teilen wir uns mit vier Griechen – Thanos, Iota, Kostas und Julia –, die wir bereits in Gondar kennengelernt haben. Sie sind auf Urlaub in Äthiopien und kurzerhand hatten wir uns bereits in Gondar dazu entschlossen, gemeinsam einige Tage zu wandern.
Surreale Kulisse vor dem Abendessen in Geech
Letzten Endes fahren wir am späten Nachmittag noch los in Richtung Sankabar, bevor der Nationalpark schließt und wir nicht mehr hinein können. Es ist nicht allzu weit bis Sankabar – dem ersten Camp – und wir sehen bereits auf dem Weg dorthin beeindruckende Abgründe, Täler und Bergketten, die sich bis zum dämmernden Horizont in der Ferne erstrecken.
Sankabar besteht aus nicht mehr, als ein paar vereinzelten Hütten, in denen einige Betten stehen. In der Nacht müssen wir uns bereits in mehrere Lagen von Pullovern, Hosen und Socken einwickeln, da es hier oben auf rund 3000 Metern Höhe extrem kalt und bisweilen auch der Gefrierpunkt unterschritten wird

Am nächsten Morgen geht es in aller Frühe nach einem spartanischen Frühstück los. Zuallererst wird unser Gepäck auf einige Maulesel verladen, dann brechen wir auf in Richtung des nächsten Camps – Geech. Von Anfang an streifen wir mal dicht, mal ferner entlang an einem Abgrund, der uns den Ausblick über eine weite Gebirgslandschaft bietet. In der Tiefe erblicken wir einzelne Felder und Hütten, die auf jeden ebenen Fleck der Berge geworfen sind.
Noch nie habe ich eine solche Weite erblickt, es ist nicht möglich jeden Teil dieses Vielfältigen Anblicks auf einmal wahrzunehmen. Und jeder Versuch einen solchen Anblick auf ein Photo zu bannen muss zum Scheitern verurteilt sein. Denn auch der beunruhigende Schwindel, der auftritt, sobald man sich der Kante nähert, ist Teil der Faszination. Nach einigem Stück Weg verlassen wir den steilen Abbruch und wandern – unseren Scout Alebil stets vor uns – durch ein schmales, braunes Tal. Auf dem Weg stoßen wir auf eine Herde Baboons, die mit Sicherheit rund 200 Tiere zählt. Rast machen wir am Becken eines eiskalten Gebirgsbaches, wo wir auch die Sandwiches unseres Kochs Shara’o verspeisen.
Nur ein Ausblick von Imet Gogo aus
In nun immer höheren Lagen wandern wir kurze Zeit über Hänge, die wie eine Mondlandschaft anmuten, kahl und staubig. Doch auch hier finden sich noch immer Bauern, die umherwandern und auf diesem kargen Grund Ackerbau betreiben. Auch in der Ferne an all den Hängen sind Linien und abgetrennte Flächen – kultiviertes Land zu erkennen. Hier im Nirgendwo.
Am späten Nachmittag ist es dann endlich soweit und auf einem Hang vor uns erhebt sich Geech, ein Dorf aus Rundhütten, die verstreut zwischen Palmen und Felsen liegen. Nur noch ein letzter Aufstieg und wir sind angekommen in der „Lodge“. Diese besteht im Wesentlichen aus einer Hütte, die mit hervorragendem Blick über eine Bergkette, selbst auf einer Bergkuppe liegt. Der Wind zieht frisch über die Hänge, während die Sonne scheint und die schroffe Umgebung in warmes Licht taucht. Das erfreuliche an diesem „Basislager“ ist, dass man sich für 20 Birr Wasser erhitzen lassen kann und somit selbst in dieser zivilisationsfernen Umgebung eine heiße Dusche genießen kann. So einen Luxus haben wir nicht einmal zuhause in Awassa.

Am nächsten Morgen werden wir vom betörenden Geruch des Kerosinofens geweckt, der unseren Frühstückstee zubereitet. Hin und wieder schmeckt deshalb nicht nur der Tee, sondern auch das Mittag- oder Abendessen nach Kerosin. Ein Abstrich, denn man hier auf mehreren tausend Metern wohl in Kauf nehmen muss.
Marsch von Geech nach Chenek
An diesem Morgen wandern wir über eine palmenbestandene Hochebene in Richtung des berühmten Aussichtspunktes Imet Gogo. Noch am Vormittag erreichen wir den Felsvorsprung, der krass aus den Bergen heraus und in die vor uns liegende Senke hinein ragt. Atemberaubend ist der weite Ausblick über ganze Berge und Täler. Ein ganzes Gebirge liegt uns zu Füßen. Erst im fernen Dunst verschwinden die Berge.
Weiter geht es bergab und bergauf, wieder entlang an Abgründen und Felswänden, die gefühlte dreihundert Meter in die tiefe fallen, doch vermutlich sind es in Wirklichkeit weniger. Abermals brennt die Höhensonne herab und der kalte Wind fliegt über die Hochebene. Am Ende des Tages sind wir auch von dieser Etappe erschöpft, obgleich es landschaftlich für mich die schönste gewesen sein sollte. Die „Lodge“, in der wir heute einkehren heißt Chenek und liegt entlang einer Piste, die quer durch den Nationalpark führt. Ich frage mich wie und vor allem warum hier ein Netz aus Holperstraßen diese Einöde durchzieht. Chenek ist eingeklemmt zwischen großen Bergen auf der einen und steilen Abgründen auf der anderen Seite. Der abendliche Schatten senkt sich darum schon früh herab und die Morgensonne lässt lange auf sich warten, ehe sie hinter dem zweithöchsten Berg Äthiopiens – dem Bwahit – emporsteigt. Und das ist auch der Berg, den wir an unserem dritten Tag besteigen wollen.
Blick aus der Nähe von Chenek
Wieder geht es früh los, um beim Aufstieg der Mittagshitze zu entgehen. Der Boden im Schatten der Bergseiten – hier auf rund 4000 Metern – ist mit Raureif überzogen und es ist eisig kalt. Der Aufstieg des Bwahit ist von Anfang an steil und schon nach Überwindung weniger Höhenmeter wird das Gelände immer kahler. Keine Sträucher, geschweige denn Bäume oder ähnliches wachsen hier noch. In einer Schlucht zeigt uns unser Scout sogar ein wenig Eis und Schnee. Bald besteht der Boden nur noch aus Stein und Geröll. Das Atemholen wird tiefer und die dünnere Luft – seit Tagen schon gefühlt – macht sich hier erst richtig bemerkbar. Der nahezu unsichtbare Pfad auf den Gipfel wird immer steiler, doch schließlich – nach etwa zwei Stunden – sind zumindest mein Kollege Klaas und ich angekommen. Es ist unglaublich still auf diesem kahlen Gipfel und ich höre nur den Wind und den Flügelschlag einiger Geier, die ihre Kreise fliegen. In der Ferne sehen wir den Ras Dashen, den höchsten Berg Äthiopiens, der nur wenige Meter höher ist als der 4430 Meter hohe Bwahit.
Blick vom Bwahit
Nachdem wir uns ausgiebig ausgeruht haben, geht es im Eiltempo wieder bergab. Im Laufschritt rennend benötigen wir für den Abstieg nur etwas mehr als eine Stunde. In Chenek steht bereits ein Minibus bereit, der uns, unseren Koch und unsere Scouts zurück nach Debark bringen wird. Die Straße ist gespickt mit großen Steinen und spitzen Brocken, die die Fahrt zu einem weiteren automobilen Abenteuer auf dieser Reise machen.
Nach drei Tagen des Wanderns und der einzigartigen Natureindrücke verlassen wir die Siemien-Mountains wieder in Richtung Debark. Wir haben Menschenaffen gesehen, die berühmten endemischen Steinböcke der Simien-Mountains und vieles mehr. Es war definitiv einer der einprägsamsten Teile meiner Reise in den Norden – nicht in Hinsicht der Kultur, aber umso mehr in Hinsicht der erlebten Natur.

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