Samstag, 31. März 2012

Reise in den Norden – die Simien-Mountains

31. März 2012

Von Gondar geht es über eine halsbrecherische Straße weiter in Richtung Norden, in Richtung der Simien-Mountains. In der letzten Reihe des Busses werden wir von jedem einzelnen der zahlreichen Schlaglöcher auf- und abgeworfen. An Schlafen ist nicht zu denken. Die Umgebung wird gebirgiger und kahler.
Klippe auf dem Weg von Sankabar nach Geech
Schließlich kommen wir nach einer mehrstündigen Fahrt in Debark an, einer verschlafenen Kleinstadt mitten in den Bergen. In Winddeseile versuchen wir uns über das örtliche Touristenbüro alles zu organisieren, was wir benötigen, da wir noch am gleichen Tag zum ersten Camp in die Berge fahren wollen. Was zu organisieren ist, sind unter anderem Scouts, die uns den Weg zeigen, Maulesel und die zugehörigen Mauleseltreiber, die Gepäck, Essen und mehr transportieren sollen. Außerdem benötigen wir einen Koch und das Essen, das er in den kommenden Tagen zubereiten wird. Besonders schwierig ist es die verschiedenen Einzelkosten für mehrere Tage zusammenzusetzen und die zu nehmende Route auszuklügeln. Doch letzten Endes schaffen wir es doch an diesem einen Nachmittag.
Insbesondere die Kosten für den Minibus hin zum ersten Camp teilen wir uns mit vier Griechen – Thanos, Iota, Kostas und Julia –, die wir bereits in Gondar kennengelernt haben. Sie sind auf Urlaub in Äthiopien und kurzerhand hatten wir uns bereits in Gondar dazu entschlossen, gemeinsam einige Tage zu wandern.
Surreale Kulisse vor dem Abendessen in Geech
Letzten Endes fahren wir am späten Nachmittag noch los in Richtung Sankabar, bevor der Nationalpark schließt und wir nicht mehr hinein können. Es ist nicht allzu weit bis Sankabar – dem ersten Camp – und wir sehen bereits auf dem Weg dorthin beeindruckende Abgründe, Täler und Bergketten, die sich bis zum dämmernden Horizont in der Ferne erstrecken.
Sankabar besteht aus nicht mehr, als ein paar vereinzelten Hütten, in denen einige Betten stehen. In der Nacht müssen wir uns bereits in mehrere Lagen von Pullovern, Hosen und Socken einwickeln, da es hier oben auf rund 3000 Metern Höhe extrem kalt und bisweilen auch der Gefrierpunkt unterschritten wird

Am nächsten Morgen geht es in aller Frühe nach einem spartanischen Frühstück los. Zuallererst wird unser Gepäck auf einige Maulesel verladen, dann brechen wir auf in Richtung des nächsten Camps – Geech. Von Anfang an streifen wir mal dicht, mal ferner entlang an einem Abgrund, der uns den Ausblick über eine weite Gebirgslandschaft bietet. In der Tiefe erblicken wir einzelne Felder und Hütten, die auf jeden ebenen Fleck der Berge geworfen sind.
Noch nie habe ich eine solche Weite erblickt, es ist nicht möglich jeden Teil dieses Vielfältigen Anblicks auf einmal wahrzunehmen. Und jeder Versuch einen solchen Anblick auf ein Photo zu bannen muss zum Scheitern verurteilt sein. Denn auch der beunruhigende Schwindel, der auftritt, sobald man sich der Kante nähert, ist Teil der Faszination. Nach einigem Stück Weg verlassen wir den steilen Abbruch und wandern – unseren Scout Alebil stets vor uns – durch ein schmales, braunes Tal. Auf dem Weg stoßen wir auf eine Herde Baboons, die mit Sicherheit rund 200 Tiere zählt. Rast machen wir am Becken eines eiskalten Gebirgsbaches, wo wir auch die Sandwiches unseres Kochs Shara’o verspeisen.
Nur ein Ausblick von Imet Gogo aus
In nun immer höheren Lagen wandern wir kurze Zeit über Hänge, die wie eine Mondlandschaft anmuten, kahl und staubig. Doch auch hier finden sich noch immer Bauern, die umherwandern und auf diesem kargen Grund Ackerbau betreiben. Auch in der Ferne an all den Hängen sind Linien und abgetrennte Flächen – kultiviertes Land zu erkennen. Hier im Nirgendwo.
Am späten Nachmittag ist es dann endlich soweit und auf einem Hang vor uns erhebt sich Geech, ein Dorf aus Rundhütten, die verstreut zwischen Palmen und Felsen liegen. Nur noch ein letzter Aufstieg und wir sind angekommen in der „Lodge“. Diese besteht im Wesentlichen aus einer Hütte, die mit hervorragendem Blick über eine Bergkette, selbst auf einer Bergkuppe liegt. Der Wind zieht frisch über die Hänge, während die Sonne scheint und die schroffe Umgebung in warmes Licht taucht. Das erfreuliche an diesem „Basislager“ ist, dass man sich für 20 Birr Wasser erhitzen lassen kann und somit selbst in dieser zivilisationsfernen Umgebung eine heiße Dusche genießen kann. So einen Luxus haben wir nicht einmal zuhause in Awassa.

Am nächsten Morgen werden wir vom betörenden Geruch des Kerosinofens geweckt, der unseren Frühstückstee zubereitet. Hin und wieder schmeckt deshalb nicht nur der Tee, sondern auch das Mittag- oder Abendessen nach Kerosin. Ein Abstrich, denn man hier auf mehreren tausend Metern wohl in Kauf nehmen muss.
Marsch von Geech nach Chenek
An diesem Morgen wandern wir über eine palmenbestandene Hochebene in Richtung des berühmten Aussichtspunktes Imet Gogo. Noch am Vormittag erreichen wir den Felsvorsprung, der krass aus den Bergen heraus und in die vor uns liegende Senke hinein ragt. Atemberaubend ist der weite Ausblick über ganze Berge und Täler. Ein ganzes Gebirge liegt uns zu Füßen. Erst im fernen Dunst verschwinden die Berge.
Weiter geht es bergab und bergauf, wieder entlang an Abgründen und Felswänden, die gefühlte dreihundert Meter in die tiefe fallen, doch vermutlich sind es in Wirklichkeit weniger. Abermals brennt die Höhensonne herab und der kalte Wind fliegt über die Hochebene. Am Ende des Tages sind wir auch von dieser Etappe erschöpft, obgleich es landschaftlich für mich die schönste gewesen sein sollte. Die „Lodge“, in der wir heute einkehren heißt Chenek und liegt entlang einer Piste, die quer durch den Nationalpark führt. Ich frage mich wie und vor allem warum hier ein Netz aus Holperstraßen diese Einöde durchzieht. Chenek ist eingeklemmt zwischen großen Bergen auf der einen und steilen Abgründen auf der anderen Seite. Der abendliche Schatten senkt sich darum schon früh herab und die Morgensonne lässt lange auf sich warten, ehe sie hinter dem zweithöchsten Berg Äthiopiens – dem Bwahit – emporsteigt. Und das ist auch der Berg, den wir an unserem dritten Tag besteigen wollen.
Blick aus der Nähe von Chenek
Wieder geht es früh los, um beim Aufstieg der Mittagshitze zu entgehen. Der Boden im Schatten der Bergseiten – hier auf rund 4000 Metern – ist mit Raureif überzogen und es ist eisig kalt. Der Aufstieg des Bwahit ist von Anfang an steil und schon nach Überwindung weniger Höhenmeter wird das Gelände immer kahler. Keine Sträucher, geschweige denn Bäume oder ähnliches wachsen hier noch. In einer Schlucht zeigt uns unser Scout sogar ein wenig Eis und Schnee. Bald besteht der Boden nur noch aus Stein und Geröll. Das Atemholen wird tiefer und die dünnere Luft – seit Tagen schon gefühlt – macht sich hier erst richtig bemerkbar. Der nahezu unsichtbare Pfad auf den Gipfel wird immer steiler, doch schließlich – nach etwa zwei Stunden – sind zumindest mein Kollege Klaas und ich angekommen. Es ist unglaublich still auf diesem kahlen Gipfel und ich höre nur den Wind und den Flügelschlag einiger Geier, die ihre Kreise fliegen. In der Ferne sehen wir den Ras Dashen, den höchsten Berg Äthiopiens, der nur wenige Meter höher ist als der 4430 Meter hohe Bwahit.
Blick vom Bwahit
Nachdem wir uns ausgiebig ausgeruht haben, geht es im Eiltempo wieder bergab. Im Laufschritt rennend benötigen wir für den Abstieg nur etwas mehr als eine Stunde. In Chenek steht bereits ein Minibus bereit, der uns, unseren Koch und unsere Scouts zurück nach Debark bringen wird. Die Straße ist gespickt mit großen Steinen und spitzen Brocken, die die Fahrt zu einem weiteren automobilen Abenteuer auf dieser Reise machen.
Nach drei Tagen des Wanderns und der einzigartigen Natureindrücke verlassen wir die Siemien-Mountains wieder in Richtung Debark. Wir haben Menschenaffen gesehen, die berühmten endemischen Steinböcke der Simien-Mountains und vieles mehr. Es war definitiv einer der einprägsamsten Teile meiner Reise in den Norden – nicht in Hinsicht der Kultur, aber umso mehr in Hinsicht der erlebten Natur.

Sonntag, 18. März 2012

Reise in den Norden – Gondar


Die prächtige Moschee von Gondar vor einigen Hütten
18. März 2012





Die Piazza im Zentrum von Gondar
Mit dem Minibus geht es früh morgens vom Busbahnhof in Bahir Dar los in Richtung Gondar. Wir fahren über hügeliges und zunehmend bergig werdendes, ausgesprochen trockenes Land. Die Straße ist ausgezeichnet, doch windet sie sich abenteuerlich an den steilen Hängen entlang. Unglücklicherweise besitzt unser Fahrer den Hang dazu, ständig auf der linken Straßenseite zu fahren. Dies trifft insbesondere auf die Kurven an den ansteigenden Hängen zu; dass es dabei keinerlei Möglichkeit gibt etwaigen Gegenverkehr auch nur auf kürzeste Entfernung zu sehen, ist kein Problem für ihn. Als wir schließlich die scharf gekrümmten Kurven an den Hängen entlang preschen, schwingt sich unser Fahrer zu ungeahnten Waghalsigkeiten auf. Die nicht einsehbaren Kurven – linkerhand Fels, rechterhand Abhang – werden mit ordentlich Tempo links genommen. Wenn dabei noch ein großer, langsamer Lastwagen bergauf um die Kurve fährt und die Sicht zusätzlich verdeckt, dann ist das nur das gewisse Extra.
Nach der rasanten Fahrt kommen wir – doch wohlbehalten – in Gondar an, der alten abessinischen Königsstadt, die eingepfercht zwischen den Hügeln liegt. Die Piazza – das Stadtzentrum – ist bemerkenswert italienisch geprägt, war Äthiopien doch während des Zweiten Weltkriegs einige Jahre von Mussolinis Truppen besetzt. Die gelben Gebäude versetzen mich in die Szenerie einer italienischen Kleinstadt und auch das imperiale Flair der Mussolinizeit hat sich erhalten. Ein Hauch von Gemütlichkeit liegt in der Luft.
Nur einer der Paläste von Gondar
Nach einiger Zeit quartieren wir uns mithilfe eines Einheimischen namens Dawit, den wir kennen gelernt haben, im „Gondar Hotel“ ein – definitiv eine der miesesten Absteigen der ganzen Stadt. Die Zimmer sehen modrig aus und die bestialisch stinkende Toilette hat diese Bezeichnung nun wirklich gar nicht verdient. Erst später erfahren wir, dass jede Nacht im Untergeschoss  bis früh morgens laute Partys gefeiert werden, was das Schlafen zumindest nicht einfacher gestaltet. In Anbetracht dieser Entwicklungen belassen wir es beim Schlafen und erledigen auch den täglichen Toilettengang mit Zähneputzen im benachbarten Touristenhotel der Oberklasse.

Am Morgen des nächsten Tages machen wir uns auf zum Wahrzeichen der Stadt, das auch Teil des UNESCO-Weltkulturerbes ist – dem Gemp. Der Gemp ist ein mittelalterlicher Palastbezirk, der vier Prachtbauten verschiedener äthiopischer Könige beherbergt. Der größte von ihnen – Fasilidas‘ Castle – wurde mit Geldern der internationalen Gemeinschaft wiedererrichtet und erstrahlt so in alter Pracht. Ich anerkenne, was unser Führer erzählt, es handle sich um das „Camelot Afrikas“, mit dem Unterschied, dass Fasilidas‘ Castle Wirklichkeit sei und nicht ins Reich der Märchen zu verorten sei.
Fasilidas' Bad mit "Badeschloss" (?)
Tatsächlich fühle ich mich im Schatten dieser großartigen Schlösser in eine andere Zeit, doch noch viel mehr an einen anderen Ort versetzt. Es gibt schlichtweg keinen Unterschied zu den Burgruinen, wie sie über ganz Europa verstreut zu finden sind. In der Tat hätte ich nicht damit gerechnet, so eine architektonische Leistung in den bergigen Tiefen des äthiopischen Hochlandes zu finden.

Darüber hinaus besuchen wir Fasilidas‘ Bad, welches aus einem Becken besteht, in dessen Mitte ein schmuckes Schlösschen auf Pilastern aufragt. Noch heute wird hier die rituelle Taufe am großen äthiopischen Feiertag Timket begangen. Auf einem der Hügel der Stadt können wir eine weitere berühmte Kirche besuchen. Selbstverständlich lassen es sich die organisierten Klosterbrüder nicht nehmen, uns für den Besuch ihres Gotteshauses abzuzocken. „Äthiopischer Pass, Resident ID, nein, so etwas kenne ich nicht!“ Trotz dieser Ärgerlichkeit ist das Innere der Kirche umso beeindruckender. Insbesondere die hölzerne Decke beeindruckt durch die unzähligen, aufgemalten Cherubien. Aber auch die anderen Wandmalereien geben weitere Einblicke in die sakrale Kunst der äthiopisch-orthodoxen Kirche der letzten Jahrhunderte.
Gondar war ein voller Erfolg, eine wunderschöne Stadt mit alten und sehr alten Gebäuden, hervorragendem Essen und einer Atmosphäre, die schlicht einzigartig ist. Gondar ist wohl eine der Städte, wenn nicht sogar die Stadt, die mir am besten gefallen hat, während wir durch den geschichtsträchtigen Norden reisten.

     
Blick über Gondar vom Goha Hotel aus

Freitag, 16. März 2012

Reise in den Norden – Tis Abay



Die Nilfälle aus einiger Entfernung


 16. März 2012

Blick von der Portugiesischen Brücke
Am zweiten Tag in Bahir Dar machen wir uns am Morgen auf in Richtung Tis Abay. Das ist der Ort, an dem die in Äthiopien berühmten Wasserfälle des Blauen Nil – des Abay – liegen. Der Bus, den wir nehmen ist der bisher abgewrackteste. Diejenigen von uns, die hinten am Fenster sitzen, werden von einströmenden Abgasen schier erstickt. Des Weiteren fährt der Bus schwindelerregende 15 km/h bei gleichzeitigem Schlingern der Räder. Als wären dies bereits schlechte Omen gewesen, bleibt der Bus wenige Meter nach der Abbiegung auf die Landstraße nach Tis Abay stehen. Ein guter Start! Nach geraumer Zeit kommt ein Ersatzbus, der uns binnen etwa einer Stunde über die holperige Straße nach Tis Abay transportiert. Meine erste „wirklich afrikanische“ Busfahrt, wie ich sie vor meiner Ausreise vorgestellt hatte.
Vor den Nilfällen bei Tis Abay
Tis Abay ist ein verschlafener Ort und dank unserer äthiopischen Ausweise erhalten wir die Eintrittskarten zu den Nilfällen für einen Spottpreis. Auf dem Hinweg mit dem Bus haben wir bereits eine südkoreanische Urlauberin kennen gelernt und beschließen nun, gemeinsam die Rundwanderung zu unternehmen. Zunächst geht es aus dem Ort heraus und an dem alten Nilwasserkraftwerk vorüber, hin zur so genannten Portugiesischen Brücke. Angeblich wurde diese einst von den Portugiesen, die im Land waren, erbaut. Sie überspannt eine eindrucksvolle und schroffe Schlucht aus schwarzem Vulkanstein. Nur wenige Minuten zu Fuß liegen die Wasserfälle, die mit ihren beeindruckenden Wassermassen aus den Schleusen des Kraftwerks gespeist werden. Als wir nach weiterem Wandern die „echten“ Wasserfälle zu Gesicht bekommen, wird erst ersichtlich, dass jenes Kraftwerk ihnen jegliche Kraft genommen hat. Im Vergleich zu dem ersten Wasserfall ist es nur ein Rinnsal, das sich über die breitgestreckten Felsabbrüche ergießt. Zurück geht es über einige Felder, die mich landschaftlich ungeheuerlich an Griechenland erinnern. Zuletzt müssen wir den Nil oberhalb der Wasserfälle mithilfe eines alten Fährmanns überqueren.
Damit ist unser Tag an den Fällen des Blauen Nil schon beendet. Es war eine Wanderung mit vielfältigen Impressionen und grandiosen Naturschauspielen. Müde, ein wenig verbrannt und durchgeschüttelt von der „bumpy road“ kehren wir nach Bahir Dar zurück.

Der Wasserfall, der aus der Schleuse gespeist wird

Reise in den Norden – Bahir Dar

16. März 2012

Zu Anfang des vergangenen Februars machten sich fünf Freiwillige – Rahel, Melanie, Muriel, Klaas und ich – aus dem südlichen Awassa auf, den Norden Äthiopiens zu entdecken. Zunächst ist es sicherlich vernünftig sich darüber im Klaren zu werden, was man für eine vierwöchige Reise tatsächlich benötigt. In Anbetracht der Tatsache, dass wir auch zu wandern gedachten, sollte jedes Gramm einer sorgfältigen Abwägung unterzogen werden. Gesagt getan, doch schwer war der Rucksack trotzdem.
Canyon hinter Addis Abeba
Zunächst fahren wir mit dem Bus nach Addis Abeba. Schon am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang geht es mit dem Taxi zum zentralen Meskel-Square, wo ein so genannter „Sky Bus“ auf uns wartet. „Sky Bus“ (amharisch: skai bas) ist eine der äthiopischen, privaten Busgesellschaften, die mit vergleichsweise komfortablen Bussen und zu günstigen Tarifen Überlandfahrten anbieten. So lautet auch der eingängige Werbeslogan: „Sky Bus: German Technology – Chinese Price“. Zugegebenermaßen; von chinesischen Preisen habe ich keine Ahnung, aber wo die deutsche Technologie war, habe ich mich bisweilen durchaus gefragt, insbesondere, da der Bus offensichtlich ein chinesisches Fabrikat ist. Dies ist leicht daran zu erkennen, dass die erste Sprache auf den Sicherheitshinweisen Chinesisch ist.
Es ist kalt in Addis Abeba, obwohl es Hochsommer ist. Frierend fahren wir im Norden aus der Stadt hinaus und während die Sonne langsam aufgeht durch eine braune, karge Landschaft aus Hügeln, Feldern und schlicht ummauerten Dörfern und Gehöften. Von Zeit zu Zeit fühle ich mich in eine andere Zeit versetzt, da außer der Straße und sporadisch verstreuten Strommasten nichts zu sehen ist, was ich unserer Zeit zurechnen könnte. Nachdem die Sonne bereits hervorgebrochen ist, passiert etwas Überraschendes: das Land bricht vor unseren Augen ab und fällt geradezu in die Tiefe. Weit unten, jenseits dieses „Abbruchs“ setzt sich das gebirgig gewordene Land fort, geradezu so, als sei nichts geschehen.
Abgeerntete Felder auf der Hochebene vor Debre Markos
Über steile Serpentinen bewegt sich der Bus langsam den steilen Hang hinab. Dabei ist mir stets im Bewusstsein, dass die Bremsen besser funktionstüchtig sein sollten. Mit jeder Kehre bietet sich ein spektakulärerer Ausblick in die dunstige Ferne und hinab in den braun-roten Canyon. Unten angelangt überqueren wir die „Millennium Bridge“ und es geht im Schneckentempo den Berg der anderen Talseite wieder hinauf.
Nach einiger Zeit wird das Land wieder flacher und was sich uns bietet sind weite Flächen von frisch abgeerntetem Getreide, soweit das Auge reicht. Die goldbraunen Flächen sind übersät von runden Heuhaufen, ebenfalls, soweit das Auge reicht. Stets begleiten uns auf dieser Strecke auch die metallenen Skelette der Strommasten, die hier oben das ganze Land überziehen, als Boten der Moderne, die selbst in den entlegensten Winkel des Landes ihre Fingerspitzen streckt. Nun läuft im Bus – zu unserem Leidwesen – auch ein Film, gespickt mit Klischees: Der brutale schwarze Mann foltert einen muslimischen Terroristen und die weiße blonde CIA-Agentin schaut zu, dennoch ist sie die Gute, da sie sich am Ende des Films gegen die Folter von Kindern stellt. Das ist mein American Alp-Dream! Nach dieser grauenhaft US-amerikanischen Hollywoodkiste kommt uns der Halt in der Stadt Debre Markos gerade recht. Nach einigen weiteren Stunden gelangen wir schließlich nach Bahir Dar, wo wir im Haus unserer weltwärts-Kollegen übernachten können.
Kaffeebohnen im Unterholz

Bahir Dar liegt am Tana See, der um ein Vielfaches größer ist, als unser See in Awassa. Nicht umsonst bedeutet Bahir Dar übersetzt Meeresküste. Bereits am Tag nach unserer Ankunft machen wir uns mit einem der Boote auf, die berühmten Klöster in der Umgebung der Stadt zu besuchen.
Zunächst werden wir zur Zege-Halbinsel gefahren, auf der sich zwei berühmte Klöster mit ihren Kirchen befinden. Vom Anleger aus geht es direkt hinein in einen dichten Wald, durch den uns ein schmaler Pfad in Richtung Kloster führt. Im Schatten der großen Bäume wachsen Kaffeestauden mit ihren leuchtend roten Beeren. Am Wegesrand bieten etliche Dorfbewohner ihre – zugegebenermaßen durchweg identischen – Waren feil.
Rundgang der Kirch
Das Kloster selbst, eingegrenzt von einer kleinen Mauer, ist weitaus weniger spektakulär, als ich es mir vorgestellt hätte. Einige Mönche sitzen herum und vor uns allen steht der hölzerne Rundbau der angeblich mittelalterlichen Kirche. Sie setzt sich aus einem äußeren und einem inneren Rundgang zusammen. Vom äußeren führen hohe, mit Schnitzereien verzierte Tore in den inneren Ring, welcher mit Teppichen ausgelegt ist. Hier wiederum ist das Allerheiligste durch rechtwinklig zueinander stehende Mauern abgeschlossen und ebenfalls über vier – verschlossene – Tore zu betreten. Jene Mauern sind kunstvoll mit Szenen aus dem Alten Testament verziert. Die verschlossenen Tore sind mit bewaffneten Engeln bemalt, die das Innere der Kirche schützen. Im Allerheiligsten selbst befindet sich – wie in jeder orthodoxen Kirche – der Tabot, also eine Kopie der Bundeslade, welche die Zehn Gebote enthält. Zu meiner eigenen Überraschung finde ich mich – als testamentarisch wenig bewanderter Mensch – gut in den biblischen Illustrationen zurecht, die teilweise durch spezifisch äthiopische Legenden ergänzt und ausgeschmückt sind. So beispielsweise durch einen äthiopischen Mönch, der als Zeichen seiner Würde einen Löwen zähmte und auf ihm zu reiten vermochte. Die das Dach tragenden Balken sind mit typisch äthiopischen Cherubien, also Engelsköpfen mit Flügeln verziert.
Die Wächter des Tabot
In einer benachbarten Lehmhütte, in die uns einer der Mönche führt, befindet sich das „Museum“. Völlig verstaubt und zufällig angeordnet im fahlen Neonlicht, liegen mittelalterliche Handschriften, silberne Kronen, Instrumente und Zeremonienschirme. Der Mönch blättert ein wenig in dem Buch, dass das Leben des Heiligen Georg beschreibt und schlägt ab und an mit einem Stock auf eine der hunderte Jahre alten Illustrationen mit den Worten: „Saint George, this is Saint George!“ Hinterher erfahren wir durch unseren Reiseführer, dass es sich um eine der ältesten und wertvollsten äthiopischen Handschriften handle. Hier lerne ich einen durchaus gewöhnungsbedürftigen Umgang mit Kulturgütern kennen, was möglicherweise daran liegt, dass sie in erster Linie immer noch als Gebrauchsgegenstände betrachtet werden.
Wir besuchen eine weitere Kirche im umliegenden Wald und zwei weitere auf kleinen, im See gelegenen Inseln. Unglücklicherweise ist eine der Kirchen vor einigen Jahren niedergebrannt und wurde durch eine wenig geschmackvolle neue Kirche ersetzt. Auf der anderen Insel ist Frauen der Zutritt verboten und auch die Kirche – so die Mönche – sei für alle geschlossen. Diese letzten Kirchen sind daher für uns alle ein eher ernüchterndes Erlebnis.
Zuallerletzt fahren wir mit dem Boot in die breite Mündung des Blauen Nil hinein, der sich aus den Wassern des Tana-Sees speist. Hier sehen wir auch die berühmten Papyrusboote, die noch heute Verwendung finden. Den Rest des Tages haben wir Zeit, die Uferpromenade zu genießen und uns Tänzer und Sänger in einer traditionellen Tanzbar anzusehen.