Freitag, 16. März 2012

Reise in den Norden – Bahir Dar

16. März 2012

Zu Anfang des vergangenen Februars machten sich fünf Freiwillige – Rahel, Melanie, Muriel, Klaas und ich – aus dem südlichen Awassa auf, den Norden Äthiopiens zu entdecken. Zunächst ist es sicherlich vernünftig sich darüber im Klaren zu werden, was man für eine vierwöchige Reise tatsächlich benötigt. In Anbetracht der Tatsache, dass wir auch zu wandern gedachten, sollte jedes Gramm einer sorgfältigen Abwägung unterzogen werden. Gesagt getan, doch schwer war der Rucksack trotzdem.
Canyon hinter Addis Abeba
Zunächst fahren wir mit dem Bus nach Addis Abeba. Schon am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang geht es mit dem Taxi zum zentralen Meskel-Square, wo ein so genannter „Sky Bus“ auf uns wartet. „Sky Bus“ (amharisch: skai bas) ist eine der äthiopischen, privaten Busgesellschaften, die mit vergleichsweise komfortablen Bussen und zu günstigen Tarifen Überlandfahrten anbieten. So lautet auch der eingängige Werbeslogan: „Sky Bus: German Technology – Chinese Price“. Zugegebenermaßen; von chinesischen Preisen habe ich keine Ahnung, aber wo die deutsche Technologie war, habe ich mich bisweilen durchaus gefragt, insbesondere, da der Bus offensichtlich ein chinesisches Fabrikat ist. Dies ist leicht daran zu erkennen, dass die erste Sprache auf den Sicherheitshinweisen Chinesisch ist.
Es ist kalt in Addis Abeba, obwohl es Hochsommer ist. Frierend fahren wir im Norden aus der Stadt hinaus und während die Sonne langsam aufgeht durch eine braune, karge Landschaft aus Hügeln, Feldern und schlicht ummauerten Dörfern und Gehöften. Von Zeit zu Zeit fühle ich mich in eine andere Zeit versetzt, da außer der Straße und sporadisch verstreuten Strommasten nichts zu sehen ist, was ich unserer Zeit zurechnen könnte. Nachdem die Sonne bereits hervorgebrochen ist, passiert etwas Überraschendes: das Land bricht vor unseren Augen ab und fällt geradezu in die Tiefe. Weit unten, jenseits dieses „Abbruchs“ setzt sich das gebirgig gewordene Land fort, geradezu so, als sei nichts geschehen.
Abgeerntete Felder auf der Hochebene vor Debre Markos
Über steile Serpentinen bewegt sich der Bus langsam den steilen Hang hinab. Dabei ist mir stets im Bewusstsein, dass die Bremsen besser funktionstüchtig sein sollten. Mit jeder Kehre bietet sich ein spektakulärerer Ausblick in die dunstige Ferne und hinab in den braun-roten Canyon. Unten angelangt überqueren wir die „Millennium Bridge“ und es geht im Schneckentempo den Berg der anderen Talseite wieder hinauf.
Nach einiger Zeit wird das Land wieder flacher und was sich uns bietet sind weite Flächen von frisch abgeerntetem Getreide, soweit das Auge reicht. Die goldbraunen Flächen sind übersät von runden Heuhaufen, ebenfalls, soweit das Auge reicht. Stets begleiten uns auf dieser Strecke auch die metallenen Skelette der Strommasten, die hier oben das ganze Land überziehen, als Boten der Moderne, die selbst in den entlegensten Winkel des Landes ihre Fingerspitzen streckt. Nun läuft im Bus – zu unserem Leidwesen – auch ein Film, gespickt mit Klischees: Der brutale schwarze Mann foltert einen muslimischen Terroristen und die weiße blonde CIA-Agentin schaut zu, dennoch ist sie die Gute, da sie sich am Ende des Films gegen die Folter von Kindern stellt. Das ist mein American Alp-Dream! Nach dieser grauenhaft US-amerikanischen Hollywoodkiste kommt uns der Halt in der Stadt Debre Markos gerade recht. Nach einigen weiteren Stunden gelangen wir schließlich nach Bahir Dar, wo wir im Haus unserer weltwärts-Kollegen übernachten können.
Kaffeebohnen im Unterholz

Bahir Dar liegt am Tana See, der um ein Vielfaches größer ist, als unser See in Awassa. Nicht umsonst bedeutet Bahir Dar übersetzt Meeresküste. Bereits am Tag nach unserer Ankunft machen wir uns mit einem der Boote auf, die berühmten Klöster in der Umgebung der Stadt zu besuchen.
Zunächst werden wir zur Zege-Halbinsel gefahren, auf der sich zwei berühmte Klöster mit ihren Kirchen befinden. Vom Anleger aus geht es direkt hinein in einen dichten Wald, durch den uns ein schmaler Pfad in Richtung Kloster führt. Im Schatten der großen Bäume wachsen Kaffeestauden mit ihren leuchtend roten Beeren. Am Wegesrand bieten etliche Dorfbewohner ihre – zugegebenermaßen durchweg identischen – Waren feil.
Rundgang der Kirch
Das Kloster selbst, eingegrenzt von einer kleinen Mauer, ist weitaus weniger spektakulär, als ich es mir vorgestellt hätte. Einige Mönche sitzen herum und vor uns allen steht der hölzerne Rundbau der angeblich mittelalterlichen Kirche. Sie setzt sich aus einem äußeren und einem inneren Rundgang zusammen. Vom äußeren führen hohe, mit Schnitzereien verzierte Tore in den inneren Ring, welcher mit Teppichen ausgelegt ist. Hier wiederum ist das Allerheiligste durch rechtwinklig zueinander stehende Mauern abgeschlossen und ebenfalls über vier – verschlossene – Tore zu betreten. Jene Mauern sind kunstvoll mit Szenen aus dem Alten Testament verziert. Die verschlossenen Tore sind mit bewaffneten Engeln bemalt, die das Innere der Kirche schützen. Im Allerheiligsten selbst befindet sich – wie in jeder orthodoxen Kirche – der Tabot, also eine Kopie der Bundeslade, welche die Zehn Gebote enthält. Zu meiner eigenen Überraschung finde ich mich – als testamentarisch wenig bewanderter Mensch – gut in den biblischen Illustrationen zurecht, die teilweise durch spezifisch äthiopische Legenden ergänzt und ausgeschmückt sind. So beispielsweise durch einen äthiopischen Mönch, der als Zeichen seiner Würde einen Löwen zähmte und auf ihm zu reiten vermochte. Die das Dach tragenden Balken sind mit typisch äthiopischen Cherubien, also Engelsköpfen mit Flügeln verziert.
Die Wächter des Tabot
In einer benachbarten Lehmhütte, in die uns einer der Mönche führt, befindet sich das „Museum“. Völlig verstaubt und zufällig angeordnet im fahlen Neonlicht, liegen mittelalterliche Handschriften, silberne Kronen, Instrumente und Zeremonienschirme. Der Mönch blättert ein wenig in dem Buch, dass das Leben des Heiligen Georg beschreibt und schlägt ab und an mit einem Stock auf eine der hunderte Jahre alten Illustrationen mit den Worten: „Saint George, this is Saint George!“ Hinterher erfahren wir durch unseren Reiseführer, dass es sich um eine der ältesten und wertvollsten äthiopischen Handschriften handle. Hier lerne ich einen durchaus gewöhnungsbedürftigen Umgang mit Kulturgütern kennen, was möglicherweise daran liegt, dass sie in erster Linie immer noch als Gebrauchsgegenstände betrachtet werden.
Wir besuchen eine weitere Kirche im umliegenden Wald und zwei weitere auf kleinen, im See gelegenen Inseln. Unglücklicherweise ist eine der Kirchen vor einigen Jahren niedergebrannt und wurde durch eine wenig geschmackvolle neue Kirche ersetzt. Auf der anderen Insel ist Frauen der Zutritt verboten und auch die Kirche – so die Mönche – sei für alle geschlossen. Diese letzten Kirchen sind daher für uns alle ein eher ernüchterndes Erlebnis.
Zuallerletzt fahren wir mit dem Boot in die breite Mündung des Blauen Nil hinein, der sich aus den Wassern des Tana-Sees speist. Hier sehen wir auch die berühmten Papyrusboote, die noch heute Verwendung finden. Den Rest des Tages haben wir Zeit, die Uferpromenade zu genießen und uns Tänzer und Sänger in einer traditionellen Tanzbar anzusehen.

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