Sonntag, 25. Dezember 2011

Meine Arbeit in der Schule


25. Dezember 2011

Seit mittlerweile fast drei Monaten unterrichte ich aktiv als unterstützender Lehrer an der Gebeya Dar Primary School. Dabei ist meine Hauptaufgabe, wie auch die meiner Freiwilligen-Kollegen Rahel und Klaas, sogenannte „Tutorial Lessons“ anzubieten. Dabei handelt es sich um eine Maßnahme, bei der Schüler außerhalb ihrer Schicht ihre Englischkenntnisse in freiwilligen Zusatzstunden verbessern können. Soweit so gut; soweit so illusorisch.
Zu Anfang war es an uns einen Plan für die Stunden zu erstellen, die wir anbieten wollten. Nachdem wir Evaluationsbögen aufgestellt hatten, wurden diese von den Schülern ausgefüllt. Diese als Orientierung verwendend, stellten wir einen Plan für die Stunden auf. Im Folgenden sollten Englischstunden für die fünften und sechsten, sowie für die siebten und achten Klassen angeboten werden. Wir hängten Pläne auf und informierten die Schüler beim täglichen Fahnenappell. Doch in unseren gemeinsamen ersten Stunden erschienen keine Schüler und erst nach und nach begannen einige Schüler aufzutauchen. Dies war keine wirkliche Überraschung, da wir bereits von unseren Vorgängern erfahren hatten, dass durchaus bis zu einem Monat lang keine Schüler erschienen waren. Wir ließen uns nicht entmutigen. Stattdessen begannen wir mit der intensiveren Vorbereitung unserer Stunden.
Recht schnell wurde für uns erkennbar, dass wir sozusagen mit dem kleinen Einmaleins würden beginnen müssen. Der Kenntnisstand der allermeisten Schüler würde keine hochtragenden Ausflüge in vielleicht spannende Zusatzgebiete der Grammatik oder ähnliches erlauben. Die sprichwörtlichen Basics würden definitiv unsere Hauptaufgabe werden. Das war die Beurteilung, die wir bereits nach kürzester Zeit für uns trafen. Daher wollten wir – gesetzt den Fall, dass Schüler erscheinen würden – mit der elementaren Grammatik beginnen. Dazu gehören für uns praxistaugliche und fürs Sprechen unverzichtbare Kapitel wie Fragesätze mit und ohne Hilfsverben, die Wortstellung im Satz, sowie die englischen Hilfsverben und deren Anwendung im Allgemeinen.
Dass wir diese Gebiete im Moment mit den Schülern angehen soll in keiner Weise bedeuten, dass beispielsweise Schüler in Deutschland diese besser beherrschen. Ganz im Gegenteil: oft genug sitzen diese Grundregeln der Grammatik auch in höheren Klassenstufen in Deutschland nicht sicher. Der markante Unterschied hingegen ist, dass hier das sprachliche Niveau mit den immensen Anforderungen des Unterrichts so eklatant auseinanderklafft.
Wir erhielten für unsere Stunden sogar eine eigens hergerichtete „Tutorial Class“. Seit dem Zeitpunkt, da einige Schüler erschienen, macht es mir auch umso größeren Spaß den Unterricht gemeinsam vorzubereiten und durchzuführen. Ich habe durchaus das Gefühl, für jene Schüler, die erscheinen, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen. Denn auch kann ich beobachten, dass sich nach und nach bei Einzelnen Verbesserungen einstellen. Dennoch kann ich nach einer solch kurzen Zeit weder einen Erfolg noch Misserfolg unseres Unterrichts erkennen oder vorwegnehmen.

Der Ablauf der Stunden folgt bisher einem verhältnismäßig verlässlichen Muster. Zu Beginn der Unterrichtsstunde erscheinen einzelne Schüler, einige Minuten danach erscheinen weitere. Dieser Zustrom an Schülern hält für gewöhnlich über die ganze Unterrichtszeit hinweg an. Bisweilen habe ich das Gefühl, keiner wisse um die aufgehängten Stundenpläne. Der Unterricht beginnt meist mit ausführlichen Erklärungen oder Wiederholungen an der Tafel, wobei wir bemüht sind viele Fragen zum Verständnis zu stellen und auch zuzulassen. Doch auch hier hakt es oftmals am Verständnis der Schüler. Es folgt meist der praktische Teil, während welchem die Schüler den durchgenommenen Stoff üben können. Dabei ist insbesondere die individuelle Hilfestellung sehr wichtig. Diese gestaltet sich jedoch wegen des zunehmend anschwellenden Lärmpegels als äußerst schwierig.

Mit den jüngeren Schülern der fünften und sechsten Klassen konzentrieren wir uns zunehmend auf das spielerische Lernen. Das heißt, dass Grammatik entweder gar nicht oder nur in geringen, leicht verdaulichen Mengen vermittelt wird. Der Schwerpunkt in der Arbeit mit den Kindern liegt auf verschiedenen Spielen, die den Wortschatz erweitern sollen, da dieser zumeist sehr gering ausgebildet ist. Dabei behandeln wir beispielsweise verschiedene Gebiete des Alltags, wie Kücheneinrichtung, Tiere, Körperteile, Kleidungsstücke etc. Hierbei versuchen wir möglichst oft einen Bezug zur Wirklichkeit herzustellen; d.h., dass wir die entsprechenden Gegenstände anzeigen (Körperteile, Kleidung) oder an die Tafel anmalen (Kücheneinrichtung, Tiere). Wichtig ist auf jeden Fall ein bildlicher und praktischer Bezug zu den Wörtern, die verschiedene Gegenstände repräsentieren.
Ein weiteres Anliegen ist es mir den Kindern durch ständiges Wiederholen die unregelmäßigen Verben beizubringen. Denn selbst, wenn sie deren Anwendung und Bedeutung noch nicht verstehen, ist es wichtig diese so zu vermitteln, dass sie jederzeit abrufbar sind.
Auch versuchen wir mit den Kindern einfache Sätze zu schreiben, wobei sie auch auf zuvor an die Tafel angeschriebene Muster zurückgreifen können. Wichtig ist es, die Satzstruktur zu verinnerlichen. Dazu lassen wir die Kinder viele Sätze der gleichen Art schreiben, wobei sie nur einfache Veränderungen vornehmen müssen. Beispielsweise: „The elephant is grey, the frog is green, the tiger is strong…“
Ein weiterer Einfall von Rahel, den wir umsetzten ist die Ernennung des „Schülers des Monats“. Ein Photo des entsprechenden Schülers wird in der Klasse aufgehängt und soll den Ehrgeiz der anderen anstacheln. Daneben erhalten alle Schüler, die zehnmal in Folge pünktlich zu unseren Stunden kommen ein Geschenk.

Diese Zusammenfassung soll einen kleinen Einblick in meine Arbeit in den Englischstunden vermitteln. Dabei fällt es mir nicht leicht mich kurz zu halten, da verschiedenste Dinge unberücksichtigt bleiben müssen. Die Beschreibung kann nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Situation wiedergeben.

Samstag, 10. Dezember 2011

Great Ethiopian Run


10. Dezember 2011

Der Great Ethiopian Run ist mit seinen diesjährig rund 36.000 Teilnehmern das größte Sportereignis Äthiopiens. Alljährlich findet der Zehnkilometerlauf in Addis Abeba statt. Dort beginnt der Lauf am zentralen Meskel-Square, geht dann quer durch die Stadt und endet wieder an seinem Ausgangspunkt. Die Menschen reisen aus dem ganzen Land, aber auch aus allen Ländern der Welt ein.
Für dieses gewaltige Sportereignis reisen wir sechs weltärts-Freiwilligen aus Awassa, sowie zwei weitere aus Mekele im Norden, nach Addis Abeba. Nach der sechsstündigen Fahrt in einem der engen Busse von Awassa nach Addis Abeba besuchen wir zuerst den deutschen Weihnachtsmarkt, der bei der deutschen Kirche veranstaltet wird. Dort treffen wir einige Freunde und auch unseren Koordinator Jürgen. Es ist ein ungewöhnlicher Ort, denn so viele Deutsche habe ich schon lange nicht mehr auf einem Flecken gesehen. Überall wird Deutsch gesprochen – plötzlich können wir nicht alles aussprechen, was uns durch den Kopf schießt.
Das Motto des diesjährigen Laufs
Am nächsten Tag bereits – dem 27. November 2011 – wird der Great Ethiopian Run starten. Wir verabreden uns mit Dawit Mehari, den wir bereits beim Vorbereitungsseminar kennen gelernt haben für diesen Morgen am Meskel-Square. Als wir dort gegen neun Uhr morgens ankommen, holen wir uns die offiziellen T-Shirts, die uns Freunde noch rechtzeitig besorgen konnten ab. Der gesamte Platz vor uns ist bereits in das diesjährige Rot der Lauf-Trikots getaucht. Zum Glück haben wir mit Dawit einen genauen Treffpunkt vereinbart, ansonsten hätten wir ihn und seinen Sohn im Gemenge der roten Menschenmassen wohl nicht gefunden.
Bevor es losgeht spricht uns ein riesiger Mann an und fragt, woher wir kämen. Als wir ihm berichten, dass wir Freiwillige aus Deutschland seien, fragt er weiter, ob nicht einer von uns bereit dazu wäre, ihm ein Interview zu geben. Da alle zögern, melde ich mich schließlich, um ihm – aufgeregt wie ich bin – vor der Kamera zu erzählen, warum wir hier in Äthiopien seien, wie ich die Stimmung fände, ob ich trainiert hätte und so weiter. Hinterher erzählt er, dass sie ein Kamerateam des britischen Senders Channel 4 seien und das Interview, da es eines der besseren gewesen sei, wohl ausstrahlen würden.
Doch nun geht der Lauf auch schon los. Wie eine einzige stockende und unglaublich langsame Walze setzen sich die Menschen in Bewegung. An Rennen ist überhaupt nicht zu denken. Während Klaas, Dawit, dessen Sohn und ich zusammen versuchen loszurennen, hatten sich die Mädchen bereits im Voraus dazu entschlossen, den Lauf zu gehen. Nach einigen Minuten haben wir Dawit aber bereits verloren. Es wird gedrängelt, geschoben und gerempelt. Zumindest für die ersten fünf Kilometer ist der Lauf auch ein Hindernisrennen, bei dem es darum geht auszuweichen und die Lücken zu nutzen, die sich bieten, um voranzukommen.
Die Hälfte ist geschafft
Der Morgen ist vorbei und der Vormittag ist längst angebrochen, so dass die Sonne immer heißer scheint. Schnell macht sich bemerkbar, dass ich seit drei Monaten meine sportlichen Ambitionen und jegliches Training habe fallen lassen. Die Temperaturen und die Höhe von rund 2700 Metern geben ihr Übriges, meinen Körper zu erschöpfen. Jedes Mal, wenn am Straßenrand die neongelben Schilder mit den Ausschriften „1 KM“, „2 KM“ und dergleichen auftauchen, stellt sich das Gefühl ein, dem Ziel ein deutliches Stück näher gekommen zu sein.
Nach der Hälfte der Strecke ergießt sich eine Wasserfontäne über die gesamte Straße – eine willkommene Erfrischung! Dann geht es über eine Brücke, von der aus ich erstmals die gewaltige Menschenmenge hinter mir überblicken kann. Tausende rote Punkte wälzen sich über die kilometerlange Strecke dahin. Hin und wieder lege ich nun über einige Meter eine kleine „Geh-Pause“ ein, da meine Waden gewaltig schmerzen. Aber ich versuche mich immer wieder aufzurappeln und renne weiter. Inzwischen ist das auch gar kein Problem mehr, da sich die Spreu vom Weizen getrennt hat. Bei Kilometer Neun kommen mir bereits erste Läufer mit Medaillen um den Hals entgegen. Auf dem letzten Kilometer versuche ich ein letztes Mal Gas zu geben. Der Meskel-Square ist bereits in Sichtweite. Schon jetzt bin ich sehr zufrieden, war doch mein ursprüngliches Ziel, den Lauf lediglich zu absolvieren, also zwei oder drei Kilometer zu rennen und den Rest gegebenenfalls zu gehen.
Wir Freiwilligen nach dem Lauf
Schließlich bin ich auf der Zielgeraden – der breiten Straße vor dem Meskel-Square, wo der Lauf begann – und sehe vor mir das Ziel. Hier lichtet sich die Masse der Läufer und passiert das Ziel. Schließlich beende ich meinen ersten Zehnkilometerlauf mit einer Zeit von 01:15:49.
Soweit so gut – so weit so schmerzhaft. Direkt hinter dem Ziel verlangsamt sich meine Durchschnittsgeschwindigkeit auf ein kaum mehr messbares, von Humpeln begleitetes und erschöpftes Schreiten. Offenbar haben sich meine Fersen an den Schuhen bis aufs Fleisch aufgescheuert – das ist schmerzhaft. Es ist extrem unangenehm und verunmöglicht mir einen geraden Gang. Die letzte Herausforderung dieses Tages ist das Entgegennehmen der Medaille, die jedem ordentlichen Teilnehmer zusteht. Sollte ich je wieder das Wort Gedrängel in den Mund nehmen, dann werde ich meine Worte sorgsam abzuwägen haben! Allein der Versuch eine der Medaillen zu ergattern, die von Lastwägen „heruntergeorfen“ werden gleicht einer „Allround Körperplättung und -quetschung“. Letztendlich erhalte ich das stolze Stück, welches fortan ein Zeichen meines Triumphes über meinen eigenen Körper sein wird. Für den Rest des Tages ist mit mir nichts mehr anzufangen. Mein Soll ist zu genüge erfüllt.

Montag, 14. November 2011

Gewöhnliches ganz ungewöhnlich


14. November 2011

Hier in Äthiopien– so viel weiß ich nach beinahe drei Monaten – sind viele Dinge gar nicht so anders, als in Deutschland, aber auch ebenso viele Dinge im Alltag wirken kurios. Allemal gibt es viel zu schmunzeln. Auch gilt es, sich an viele Umstände anzupassen und zu gewöhnen.
Eine solche kuriose Alltagssituation ereignete sich neulich, als ich neulich wieder einmal zur Post ging. Um nicht eines Tages ohne passende Umschläge da zustehen, wollte ich einige Briefumschläge kaufen. Das Postamt ist ein älteres etwas heruntergekommenes Gebäude, in dessen Inneren sich einige Schalter befinden. Dahinter stapelt sich bisweilen die Post – tatsächlich in echten Postsäcken. Ich frage so gut ich kann auf Amharisch nach Briefumschlägen, doch die Antwort lautet: „Yälläm!“ – „Gibt es nicht“. Gut möglich, dass so etwas auch in Deutschland vorkommt, aber dennoch erscheint es mir eigenartig, dass das Postamt einer Zweihunderttausendeinwohnerstadt keine Briefumschläge hat. Zuletzt möchte ich meine Leser versichern, dass es sich hierbei nicht etwa um einen temporären Zustand gehandelt hat; nein! Selbst zwei Wochen später waren keine Briefumschläge erhältlich.
Dies war die Geschichte des Postamtes ohne Briefumschläge. Es folgt die Anekdote des Restaurants, in dem es kein Essen gab. Eines Abends entschließen wir drei Freiwilligen uns zum Essen ins Oasis Hotel zu gehen. Nachdem wir uns mühsam dazu durchgerungen haben, uns für eines der zahlreichen Gerichte zu entscheiden, können wir endlich bestellen. Nach einigen Minuten kommt der Kellner mit einem Lächeln auf den Lippen zurück: „Pizza yälläm.“ Wir entscheiden uns für ein Nudelgericht, doch schon nach wenigen Minuten kommt der Manager des Hotels, um uns mitzuteilen: „Pasta yälläm; I’ m sorry!“ Unsere Antwort: „So what do you have?“, worauf der Manager freundlich entgegnet: „Anything you like, just choose!“ Überflüssig zu erwähnen, dass wir uns dazu entschlossen auf ein Durchraten der Speisekarte zu verzichten und stattdessen Pommes bestellten. „Dinnitsch Chips allä?“, „allä!“
Prinzipiell ist es nicht selten, dass einzelne Gerichte der Speisekarte nicht verfügbar sind, doch ein solcher Fall ist mir bisher erst zweimal untergekommen. Dennoch, in den allermeisten Fällen ist das Essen – gesetzt den Fall es ist tatsächlich vorhanden – ausgezeichnet.
An dieser Stelle möchte ich zu der Schokolade übergehen, die keine Schokolade ist. Jüngst wandte sich eine Frau, die wir gut kennen an uns und fragte: „Wollt ihr äthiopische Schokolade probieren?“ Nun, es sah dem, was ich Schokolade zu nennen pflege zumindest entfernt  ähnlich und daher entschloss ich mich, zu probieren. Womit ich nicht rechnete war, dass diese rein äußerliche Ähnlichkeit auch die einzige war. Der trocken-mehlige Geschmack nach Chili und Kardamon schickte meine Geschmacksnerven auf eine Achterbahnfahrt der unangenehmen Art. Mein ganz persönliches Fazit: Nicht alles was glänzt ist Gold!
Doch auch die hiesigen Importsupermärkte unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von den mir bekannten. Beispielsweise arbeiten hier in einem Supermarkt der Größenordnung „Tante-Emma-Laden“ geschätzte sechs Leute. Diese sind eindeutig – auch in Ermangelung einer elektronischen Kasse – nicht voll ausgelastet. Wenn man mit seinen Produkten schließlich zur Kasse geht beginnt, das Schreiben des Kassenbons. Das kann – je nach Umfang des Einkaufs – gut und gerne einige Minuten in Anspruch nehmen. Auch eigentümlich ist, dass die Mehrwertsteuer von 15% erst hier auf die Waren aufgeschlagen wird.

Sonntag, 30. Oktober 2011

Wandern in Wondo Genet

29. Oktober 2011

Am Samstag den 29. Oktober sollte es zum Wandern in das einige Kilometer entfernte und überaus idyllische Wondo Genet gehen. Wondo Genet ist Sidaminja – die Sprache der Sidama, einer Volksgruppe, die in dieser Gegend lebt – und bedeutet übersetzt schönes Paradies.
Blick auf den "Grenzberg" zwischen Sidama und Oromo
Um sechs Uhr morgens stehen wir auf und um halb acht Uhr brechen Klaas und ich zum Busbahnhof hier in Awassa auf, wo wir einen Bus nach Shashemenē suchen wollen. Nach einigem Herumfragen auf Amharisch und Englisch finden wir einen. Sobald die Türen geöffnet werden, drängeln sich die Menschen – alte Frauen,  wie junge Männer – rücksichtslos in den Wagen, als ginge es um Leben und Tod. Ich komme glimpflich mit einer leichten Prellung am Knie in den Bus hinein und kann für uns beide eine der schmalen Sitzbänke ergattern.
Bei dem Fahrer hängen allerlei Schnick-Schnack, sowie christliche Karten und Kreuzmotive, aber auch ein Bild der Mannschaft von Arsenal London herum. Es geht los! Doch selbst als wir mit „einigen Sachen“ über die schnurgerade Landstraße brausen, bleibt das Tachometer auf null stehen. Wie schnell der Bus fährt scheint nicht von Bedeutung zu sein – Hauptsache er fährt. Denn nicht selten sieht man hier Busse, die mit einer Panne stehengeblieben sind oder den Busbahnhof gar nicht erst verlassen haben.

In Shashemenē nehmen wir einen anderen Bus, der uns nach Wosha im Gebiet um Wondo Genet fahren soll. Wir müssen lange warten, bis der Bus voll ist und schließlich losfahren kann. Die Fahrt ist angenehm, da selbst bis hierhin – in einem vergleichsweise abgeschiedenen Gebiet – die Straßen geteert sind. Die Fahrt kostet uns etwa zwei Stunden und 22 Birr – was circa 0,92 Euro entspricht. Von hieraus nehmen wir uns eine Bajaj – eine der dreirädrigen Motorrollerkutschen aus Asien – die uns über eine holprige Piste nach Betä Məngist – dem Palast – bringt. Hier, ganz in der Nähe heißer Quellen, ließ sich Kaiser Haile Selassie einst einen Ort der Erholung erbauen. Heute ist dem Palast ein Hotel der äthiopischen Kette Wabo Shabelle angegliedert, wo die Reichen ihr Wochenende verbringen können.
Gebirgsbach, der hinab nach Wosha fließt
Trotz der vielen Steine, Unebenheiten und Furchen, lenkt der Fahrer die Bajaj mit gehörigem Tempo über die Straße. Zum Glück ist die Bajaj – allerdings zu unserer Verwunderung – gut gefedert, so dass die kurze Fahrt ein abenteuerliches Vergnügen wird, begleitet von der latenten Furcht das Gefährt könne sich in der nächsten Kurve überschlagen.

Für die eigentliche Wanderung nehmen wir uns einen Führer – Tamrut, der uns durch die Wildnis der Berge begleiten kann. Es geht los durch einige Ausläufer des Dorfs, doch bereits nach kurzer Zeit sind wir in der freien Natur. Nur hin und wieder begegnen uns Menschen, die Geerntetes den Berg hinauf oder herab tragen; Vieh treiben. Bald wird das Gestrüpp um uns herum höher und wir durchwandern die Hänge der Berge, umgeben von Hohlwegen aus wildem Gewächs. Besonders die äthiopischen Brennnesseln, die größer als die europäischen sind, stechen unangenehm stark, wenn man sie berührt.
Linkerhand im Tal fließt ein Fluss. Es ist der Grenzfluss zwischen den Gebieten der Ethnien der Sidama und der Oromo, wie uns unser Führer – selbst Angehöriger der Sidama – zu berichten weiß. Am steilen Hang stehen einige Hütten und wir sehen die großen Ensete-Stauden, die dort angebaut werden. Neben dem Anbau Falscher Bananen betreiben die hiesigen Bauern auch Khat-Anbau. Die „Nationaldroge“ ist für sie wohl ein einträgliches Geschäft. Doch die meisten der Bauern siedeln illegal in diesen Waldgebieten, die dem Staat vorbehalten sind.
Ich vor dem Becken des "Great Waterfall"
Es geht weiter steile Abschnitte der Hänge hinauf und an einem kalten, erfrischenden Gebirgsbach vorüber. Zwei Jungen aus dem Dorf folgen uns unentwegt. Nach und nach wird der Pfad immer steiler, aber auch der Blick auf die weite Ebene hin zum Awassa-See wird immer grandioser. So gehen Anstrengung und Belohnung Hand in Hand. Nur noch selten kommen wir an Hütten aus Bananenblättern oder Lehm vorbei. Nur einzelne Menschen queren unseren Weg. Nun sei es nicht mehr weit bis zum „Great Waterfall“, berichtet unser Führer. Und tatsächlich: in der Ferne sehen wir bald den weißen Strahl von Wasser die Felswand hinunterfallen. Es geht noch einige Minuten durch dichteres Gestrüpp und über beinahe unpassierbare Pfade, mal steil hinab, dann wieder über einige große Steine und wir sind da!
Über die Kimme der Felswand, die weit über uns aufragt fließt das Wasser. Es ergießt sich auf einen Felsvorsprung und fällt von dort in einem Sprühregen in ein Becken am Fuße der Felswand. Hier ist das Wasser noch um einiges kälter, als weiter stromabwärts. Es ist ungemein erfrischend nach der angestrengten Wanderung hier zu stehen und seine Haut von den feinen kühlen Tropfen benetzen zu lassen.
Hin und wieder, wenn der Wind in das herabstürzende Wasser fährt, entsteht ein kleiner Regenbogen, den die Jungen aufgeregt mit den Worten: „Ethiopian flag, Ethiopian flag!“ beschreiben. Hier klettern wir einige Zeit über die Felsbrocken, ruhen uns aus und machen ausgiebig Photos, bevor es wieder auf den Rückweg geht.

Es geht den gleichen Pfad, den wir gekommen sind zurück, vorbei an Hängen, Ziegen und Khat-Anpflanzungen. Jeder Blick in die Ferne offenbart eine andere üppig-grüne Perspektive auf diese Landschaft. In der Ferne sehen wir die Ebene, gemustert von den zahlreichen kleinen Feldern und Äckern. Als wir an eine baumbestandene Wiese am Rande des Flusses gelangen, machen wir abermals eine Pause und verspeisen den von uns am Abend zuvor zubereiteten Nudelsalat. Ein wahres Fest!
Als wir beinahe wieder am Ausgangspunkt der Wanderung angelangt sind, geht unser Führer Tamrut linkerhand den Berg hinauf. Wieder gehen wir Pfade, die überhangen sind von verschiedensten wilden Pflanzen, Brennnesseln und anderem Gestrüpp. Es geht bergauf bergab, bis wir auf ein fast kahles Plateau gelangen, auf dem ein einzelnes Pferd weidet; unweit stehen eine Hütte und eine Art Scheune. Hier zeigt uns Tamrut die heißen Quellen, welche an diesem Ort aus der Erde hervorbrechen. In einem kleinen Pfuhl sammelt sich das rund 75 Grad heiße Wasser, welches viele Menschen zur Kur von Gelenk- und Rückenleiden verwenden.
Eine der Hütten, die sporadisch an den Berhängen liegen
Etwas weiter unterhalb befinden sich den Worten unseres Führers zufolge die einstmaligen Privatduschen des Kaisers Haile Selassie. Es handelt sich um dasselbe heiße Wasser wie zuvor, das aus einem Rohr in ein kleines Becken fließt und hier – verdünnt – angenehm warm ist. Einige Äthiopier haben an diesem Mittag bereits die Quelle zum Baden unter Beschlag genommen.
Wir gehen zum Wabo Shabelle zurück und genießen auf der Terrasse des etwas heruntergekommenen Hotels einen Papaya-Orangensaft. Anschließend verlassen wir den Ort und laufen – in Ermangelung einer Bajaj – zurück in Richtung Wosha. Am Rand der Straße stehen in größeren Abständen Hütten und Lehmhäuser,  stets umgeben von Pfählen und Zäunen, oft auch von Maisfeldern, Bananen oder Zuckerrohr. Dieser Anblick wirkt auf mich wie ein einziges großes, in die Länge und Breite gezogenes Dorf. Der Anblick, welcher zweifelsohne viele ärmliche, bäuerliche Existenzen beschreibt, wirkt in keiner Weise schockierend auf mich und gibt nicht die Lebenswirklichkeiten preis, die sich hinter jener Kulisse verbergen mögen. Allein dem äußerlichen Anblick nach ist hier kein Elend zu finden. Ich als Außenstehender kann nicht das erkennen, was sich hier auf dem Land abspielt. Und doch weiß ich von Menschen, die es mir erzählt haben, dass das Leben hier sehr hart sein muss.

Zurück in Wosha versuchen wir eine Abkürzung zurück nach Awassa zu nehmen, die uns von Tamrut angeraten wurde. Anstatt einem Bus nach Shashemenē, nehmen wir eine Bajaj in den Nachbarort K’äla und von dort wieder eine Bajaj in den Ort Bosha, von wo aus wir einen asiatischen Isuzu-Minibus nach Awassa nehmen. Tatsächlich ist der Rückweg um eine Stunde kürzer und um einige Birr günstiger, wenn auch von den Reiseumständen in den Bajajs und dem vollgequetschten Minibus „anders“.
Aussicht in Richtung Awassa-See beim Abstieg
Dieser Wandertag hat mich das erste Mal über längere Zeit als zuvor in die äthiopische Natur eintauchen lassen. Die Gegend Wondo Genet verdient zweifelsfrei ihren Namen als Garten Eden auf Erden! Doch so intensiv das Eindringen in die Natur auch war, so stark wurde mir auch vor Augen geführt, wie weit entfernt wir Ausländer – wir Fernjis – von den äthiopischen Menschen auf dem Lande stehen. Nicht alle Menschen hier sprechen Amharisch, geschweige denn Englisch, was bereits die praktischen Möglichkeiten der Kommunikation radikal eingrenzt. Und auch wurde mir deutlich, dass der Einblick in den Alltag der Menschen immer nur stückchenweise und unvollkommen – gewissermaßen von der Straße über den Zaun hinweg – geschieht. Ein vollständiger Einblick, oder gar die Vorstellung selbst so zu leben bleibt uns verwehrt
Wir sind nun genau zwei Monate in diesem Land, haben Fortschritte beim Erlernen der Sprache gemacht, an unserer Schule Menschen kennen gelernt. Dennoch sind uns bisher die weitaus größten Gebiete dieses Landes noch unerschlossen – die der Natur, wie auch die der Menschen.

Meine Schule – Gebeya Dar

30. Oktober 2011

Der Schulgarten mit der Bibliothek im Hintergrund
Die Gebeya Dar Primary School liegt, wie der Name bereits sagt – „am Rand des Marktes“, aber gleichzeitig auch nicht unweit des Seeufers. Vom Schulhof aus sieht man über das weite sumpfige Ried hinweg das Wasser. Die Schule ist aufgebaut wie einer der landestyptischen, ummauerten Compounds, nur um ein Vielfaches größer. Betritt man die Schule durch die kleine Tür in der Mauer am Rande, fällt der Blick auf einen staubigen Weg, der zum Bürogebäude führt. Rechterhand ist eine Art Baracke, in der sich die Schulcafeteria befindet, daneben die Schulbibliothek. Eingefasst wird der Weg von Blumenbeeten, satten Grasflecken und einigen großen Bäumen, in deren Schatten man sich großartig erholen kann. Geht man weiter, findet man weitere längliche Gebäude – eingeschossige, zumeist graue Bauten, in denen die Klassen 1 bis 8 untergebracht sind. Gedeckt sind sie meistens mit Wellblech, unter welchem sich besonders nachmittags eine schier unerträgliche Hitze anstaut.

Palmen und der Platz für den Fahnenappell dahinter
In Richtung See befindet sich der Platz für den Fahnenappel, welcher jeden Morgen um 07:45 Uhr stattfindet. Gehisst werden die Flaggen der Bundesrepublik Äthiopien und der SNNP-Region. Die Schüler stehen in Reihe, geordnet nach Klassen, die meisten von ihnen mit dem blauen Hemd, welches hier die Schuluniform darstellt. Die Handhabung mit der Pflicht diese „Uniform“ zu tragen, ist allerdings mehr als lax. Während der Zeremonie werden Ansagen gemacht und anschließend wird im Kinderstimmenchor die äthiopische Nationalhymne angestimmt und die Fahnen werden von Schülern gehisst. Dieses Schauspiel geht allerdings meist wesentlich unorganisierter von statten, als man es sich vielleicht vorstellen mag – viele Schüler kommen zu spät, trudeln mit der Zeit ein und schwatzen. Dennoch kann ich das gewisse Martialische, was dieser Zeremonie innewohnt nicht leugnen.
In Richtung Hayk Dar – also Seeufer – befindet sich eine große holperige Wiese – der eigentliche Schulhof – auf dem ein großes Fußballtor und zwei Basketballkörbe stehen.

Blick auf den Schulhof und das Schilf am Seeufer
Die Klassenräume sehen meistens recht ähnlich aus: An der Frontseite hängt eine einfache Tafel und ihr gegenüber ist der Raum vollgestellt mit Tisch-Sitzbank-Einheiten, welche mir bisweilen zu klein für die höheren Klassenstufen vorkommen. Es fällt auf, dass durch die relativ kleinen Fenster oftmals nicht ausreichend Licht einfallen kann. Zusätzliche Beleuchtung gibt es nicht und auch die grauen Innenwände tragen nicht zu einer besseren Ausleuchtung der Klassen bei. Somit ist es insgesamt schwierig sich in dieser oft dunkel-stickigen Atmosphäre auf den Unterricht zu konzentrieren.
Unterrichtet wird in zwei Schichten pro Tag. Die erste Schicht beginnt um acht Uhr morgens und wechselt sich kurz nach Mittag mit der zweiten Schicht ab, welche wiederum bis ungefähr fünf Uhr nachmittags andauert. Das bedeutet, dass die Lehrer jeweils einen halben Tag unterrichten und auch die einzelnen Klassen einen halben Tag unterrichtet werden. Wöchentlich wechseln die Schichten, was bei mir noch immer zu einer gewissen Orientierungslosigkeit im Stundenplan beiträgt.
Die Lehrer tragen meistens einen weißen Kittel, welcher sie als solche erkennbar machen soll. Damit sehen sie weniger wie Lehrer, denn wie labortätige Wissenschaftler aus, was für mich zu Beginn durchaus kurios, da völlig ungewohnt war.

Die Schüler werden bereits früh in einer Vielzahl von Fächern unterrichtet. Dazu gehören Integrierte Wissenschaften, welche sich später in die Teilgebiete Biologie, Chemie und Physik aufgliedern. Auch werden Amharisch, Englisch, Mathematik und eine Art der Staatbürgerkunde – Civics – unterrichtet, worin die Gebiete Soziologie, Politik und Ethik enthalten sind. Fächer wie Sport, Kunst und Musik – sogenannte Aesthetics – werden maßgeblich in den unteren drei Stufen unterrichtet. Als ich das erste Mal hörte, mit welcher Materie die Kinder bereits in den unteren Klassen konfrontiert werden, konnte ich nur mit einigem Wohlbefinden an meine ersten Schuljahre und den eher spielerischen Umgang mit dem Thema Lernen zurückdenken.
Schulgebäude für acht Schulklassen im Schichtbetriebt
Ab der fünften Klasse der Primarstufe werden sämtliche Fächer auf Englisch und nicht länger auf Amharisch unterrichtet. Diese Art der Unterweisung – so wichtig sie in Bezug auf den akademischen Werdegang der Schüler auch sein mag – birgt meiner Meinung nach eine Vielzahl von Schwierigkeiten in sich. Zum einen ist Amharisch durchaus nicht die Muttersprache aller Schüler, was den Unterricht in einer Zweit- und schon gar in einer Drittsprache erheblich erschwert. Zum anderen habe ich bei der zweiwöchigen Beobachtung des Unterrichts die Erfahrung gemacht, dass selbst in den höheren Klassenstufen das sprachliche Niveau in der englischen Sprache weit von dem entfernt ist, was der hochanspruchsvolle Unterrichtsstoff vorgibt. Die Kenntnisse einzelner Schüler unterschreiten bei Weitem das, was dem Lehrplan nach bereits in unteren Stufen zu erreichen wäre. Dazu sei gesagt, dass das Alter der Schüler innerhalb einer Klasse erheblich variieren kann. So finden sich Schüler im Alter zwischen 15 und 20 Jahren in der achten Klasse.
Beispielsweise die Materie, welche im Physikunterricht der achten Klasse unterrichtet wird, wäre in gleicher Form in meiner Abiturprüfung denkbar gewesen. Die behandelten Themen sind beinahe identisch – und das bei einem Unterschied von fünf Schuljahren. Stelle ich mir vor, mir jenen Stoff auf Englisch erarbeiten zu müssen, stieße ich wohl an meine Grenzen.
Der Vize-Direktor Ato Yidnekachew
Ich komme für mich persönlich zu dem Schluss, dass die offenbare Überforderung der meisten Schüler zumindest teilweise auf den Umgang mit der englischen Sprache zurückzuführen ist. Wie es mit den sozialen und familiären Hintergründen der einzelnen Schüler aussieht kann ich in keiner Weise beurteilen und würde mir ein solches Urteil – vor allem zu diesem Zeitpunkt – in keiner Weise anmaßen.
Vor diesem Hintergrund des bisher in der Gebeya Dar Schule erfahrenen, setzte ich große Hoffnungen in meine Arbeit, welche in erster Linie der Unterstützung des Englischunterrichts dienen soll.

Dies waren einige der ersten Eindrücke, wie ich sie in den vergangenen vier Wochen gesammelt habe. Keinesfalls alle – lediglich einige – habe ich an diesem Punkt zusammengefasst, um einen Überblick über das Äußere der Schule und den Unterricht, wie er stattfindet zu geben. Ich hoffe bald zu weiteren Aspekten der Schule – wie etwa meiner eigenen Tätigkeit oder den Lehrern – zu schreiben.