Sonntag, 30. Oktober 2011

Meine Schule – Gebeya Dar

30. Oktober 2011

Der Schulgarten mit der Bibliothek im Hintergrund
Die Gebeya Dar Primary School liegt, wie der Name bereits sagt – „am Rand des Marktes“, aber gleichzeitig auch nicht unweit des Seeufers. Vom Schulhof aus sieht man über das weite sumpfige Ried hinweg das Wasser. Die Schule ist aufgebaut wie einer der landestyptischen, ummauerten Compounds, nur um ein Vielfaches größer. Betritt man die Schule durch die kleine Tür in der Mauer am Rande, fällt der Blick auf einen staubigen Weg, der zum Bürogebäude führt. Rechterhand ist eine Art Baracke, in der sich die Schulcafeteria befindet, daneben die Schulbibliothek. Eingefasst wird der Weg von Blumenbeeten, satten Grasflecken und einigen großen Bäumen, in deren Schatten man sich großartig erholen kann. Geht man weiter, findet man weitere längliche Gebäude – eingeschossige, zumeist graue Bauten, in denen die Klassen 1 bis 8 untergebracht sind. Gedeckt sind sie meistens mit Wellblech, unter welchem sich besonders nachmittags eine schier unerträgliche Hitze anstaut.

Palmen und der Platz für den Fahnenappell dahinter
In Richtung See befindet sich der Platz für den Fahnenappel, welcher jeden Morgen um 07:45 Uhr stattfindet. Gehisst werden die Flaggen der Bundesrepublik Äthiopien und der SNNP-Region. Die Schüler stehen in Reihe, geordnet nach Klassen, die meisten von ihnen mit dem blauen Hemd, welches hier die Schuluniform darstellt. Die Handhabung mit der Pflicht diese „Uniform“ zu tragen, ist allerdings mehr als lax. Während der Zeremonie werden Ansagen gemacht und anschließend wird im Kinderstimmenchor die äthiopische Nationalhymne angestimmt und die Fahnen werden von Schülern gehisst. Dieses Schauspiel geht allerdings meist wesentlich unorganisierter von statten, als man es sich vielleicht vorstellen mag – viele Schüler kommen zu spät, trudeln mit der Zeit ein und schwatzen. Dennoch kann ich das gewisse Martialische, was dieser Zeremonie innewohnt nicht leugnen.
In Richtung Hayk Dar – also Seeufer – befindet sich eine große holperige Wiese – der eigentliche Schulhof – auf dem ein großes Fußballtor und zwei Basketballkörbe stehen.

Blick auf den Schulhof und das Schilf am Seeufer
Die Klassenräume sehen meistens recht ähnlich aus: An der Frontseite hängt eine einfache Tafel und ihr gegenüber ist der Raum vollgestellt mit Tisch-Sitzbank-Einheiten, welche mir bisweilen zu klein für die höheren Klassenstufen vorkommen. Es fällt auf, dass durch die relativ kleinen Fenster oftmals nicht ausreichend Licht einfallen kann. Zusätzliche Beleuchtung gibt es nicht und auch die grauen Innenwände tragen nicht zu einer besseren Ausleuchtung der Klassen bei. Somit ist es insgesamt schwierig sich in dieser oft dunkel-stickigen Atmosphäre auf den Unterricht zu konzentrieren.
Unterrichtet wird in zwei Schichten pro Tag. Die erste Schicht beginnt um acht Uhr morgens und wechselt sich kurz nach Mittag mit der zweiten Schicht ab, welche wiederum bis ungefähr fünf Uhr nachmittags andauert. Das bedeutet, dass die Lehrer jeweils einen halben Tag unterrichten und auch die einzelnen Klassen einen halben Tag unterrichtet werden. Wöchentlich wechseln die Schichten, was bei mir noch immer zu einer gewissen Orientierungslosigkeit im Stundenplan beiträgt.
Die Lehrer tragen meistens einen weißen Kittel, welcher sie als solche erkennbar machen soll. Damit sehen sie weniger wie Lehrer, denn wie labortätige Wissenschaftler aus, was für mich zu Beginn durchaus kurios, da völlig ungewohnt war.

Die Schüler werden bereits früh in einer Vielzahl von Fächern unterrichtet. Dazu gehören Integrierte Wissenschaften, welche sich später in die Teilgebiete Biologie, Chemie und Physik aufgliedern. Auch werden Amharisch, Englisch, Mathematik und eine Art der Staatbürgerkunde – Civics – unterrichtet, worin die Gebiete Soziologie, Politik und Ethik enthalten sind. Fächer wie Sport, Kunst und Musik – sogenannte Aesthetics – werden maßgeblich in den unteren drei Stufen unterrichtet. Als ich das erste Mal hörte, mit welcher Materie die Kinder bereits in den unteren Klassen konfrontiert werden, konnte ich nur mit einigem Wohlbefinden an meine ersten Schuljahre und den eher spielerischen Umgang mit dem Thema Lernen zurückdenken.
Schulgebäude für acht Schulklassen im Schichtbetriebt
Ab der fünften Klasse der Primarstufe werden sämtliche Fächer auf Englisch und nicht länger auf Amharisch unterrichtet. Diese Art der Unterweisung – so wichtig sie in Bezug auf den akademischen Werdegang der Schüler auch sein mag – birgt meiner Meinung nach eine Vielzahl von Schwierigkeiten in sich. Zum einen ist Amharisch durchaus nicht die Muttersprache aller Schüler, was den Unterricht in einer Zweit- und schon gar in einer Drittsprache erheblich erschwert. Zum anderen habe ich bei der zweiwöchigen Beobachtung des Unterrichts die Erfahrung gemacht, dass selbst in den höheren Klassenstufen das sprachliche Niveau in der englischen Sprache weit von dem entfernt ist, was der hochanspruchsvolle Unterrichtsstoff vorgibt. Die Kenntnisse einzelner Schüler unterschreiten bei Weitem das, was dem Lehrplan nach bereits in unteren Stufen zu erreichen wäre. Dazu sei gesagt, dass das Alter der Schüler innerhalb einer Klasse erheblich variieren kann. So finden sich Schüler im Alter zwischen 15 und 20 Jahren in der achten Klasse.
Beispielsweise die Materie, welche im Physikunterricht der achten Klasse unterrichtet wird, wäre in gleicher Form in meiner Abiturprüfung denkbar gewesen. Die behandelten Themen sind beinahe identisch – und das bei einem Unterschied von fünf Schuljahren. Stelle ich mir vor, mir jenen Stoff auf Englisch erarbeiten zu müssen, stieße ich wohl an meine Grenzen.
Der Vize-Direktor Ato Yidnekachew
Ich komme für mich persönlich zu dem Schluss, dass die offenbare Überforderung der meisten Schüler zumindest teilweise auf den Umgang mit der englischen Sprache zurückzuführen ist. Wie es mit den sozialen und familiären Hintergründen der einzelnen Schüler aussieht kann ich in keiner Weise beurteilen und würde mir ein solches Urteil – vor allem zu diesem Zeitpunkt – in keiner Weise anmaßen.
Vor diesem Hintergrund des bisher in der Gebeya Dar Schule erfahrenen, setzte ich große Hoffnungen in meine Arbeit, welche in erster Linie der Unterstützung des Englischunterrichts dienen soll.

Dies waren einige der ersten Eindrücke, wie ich sie in den vergangenen vier Wochen gesammelt habe. Keinesfalls alle – lediglich einige – habe ich an diesem Punkt zusammengefasst, um einen Überblick über das Äußere der Schule und den Unterricht, wie er stattfindet zu geben. Ich hoffe bald zu weiteren Aspekten der Schule – wie etwa meiner eigenen Tätigkeit oder den Lehrern – zu schreiben.

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