Sonntag, 30. Oktober 2011

Wandern in Wondo Genet

29. Oktober 2011

Am Samstag den 29. Oktober sollte es zum Wandern in das einige Kilometer entfernte und überaus idyllische Wondo Genet gehen. Wondo Genet ist Sidaminja – die Sprache der Sidama, einer Volksgruppe, die in dieser Gegend lebt – und bedeutet übersetzt schönes Paradies.
Blick auf den "Grenzberg" zwischen Sidama und Oromo
Um sechs Uhr morgens stehen wir auf und um halb acht Uhr brechen Klaas und ich zum Busbahnhof hier in Awassa auf, wo wir einen Bus nach Shashemenē suchen wollen. Nach einigem Herumfragen auf Amharisch und Englisch finden wir einen. Sobald die Türen geöffnet werden, drängeln sich die Menschen – alte Frauen,  wie junge Männer – rücksichtslos in den Wagen, als ginge es um Leben und Tod. Ich komme glimpflich mit einer leichten Prellung am Knie in den Bus hinein und kann für uns beide eine der schmalen Sitzbänke ergattern.
Bei dem Fahrer hängen allerlei Schnick-Schnack, sowie christliche Karten und Kreuzmotive, aber auch ein Bild der Mannschaft von Arsenal London herum. Es geht los! Doch selbst als wir mit „einigen Sachen“ über die schnurgerade Landstraße brausen, bleibt das Tachometer auf null stehen. Wie schnell der Bus fährt scheint nicht von Bedeutung zu sein – Hauptsache er fährt. Denn nicht selten sieht man hier Busse, die mit einer Panne stehengeblieben sind oder den Busbahnhof gar nicht erst verlassen haben.

In Shashemenē nehmen wir einen anderen Bus, der uns nach Wosha im Gebiet um Wondo Genet fahren soll. Wir müssen lange warten, bis der Bus voll ist und schließlich losfahren kann. Die Fahrt ist angenehm, da selbst bis hierhin – in einem vergleichsweise abgeschiedenen Gebiet – die Straßen geteert sind. Die Fahrt kostet uns etwa zwei Stunden und 22 Birr – was circa 0,92 Euro entspricht. Von hieraus nehmen wir uns eine Bajaj – eine der dreirädrigen Motorrollerkutschen aus Asien – die uns über eine holprige Piste nach Betä Məngist – dem Palast – bringt. Hier, ganz in der Nähe heißer Quellen, ließ sich Kaiser Haile Selassie einst einen Ort der Erholung erbauen. Heute ist dem Palast ein Hotel der äthiopischen Kette Wabo Shabelle angegliedert, wo die Reichen ihr Wochenende verbringen können.
Gebirgsbach, der hinab nach Wosha fließt
Trotz der vielen Steine, Unebenheiten und Furchen, lenkt der Fahrer die Bajaj mit gehörigem Tempo über die Straße. Zum Glück ist die Bajaj – allerdings zu unserer Verwunderung – gut gefedert, so dass die kurze Fahrt ein abenteuerliches Vergnügen wird, begleitet von der latenten Furcht das Gefährt könne sich in der nächsten Kurve überschlagen.

Für die eigentliche Wanderung nehmen wir uns einen Führer – Tamrut, der uns durch die Wildnis der Berge begleiten kann. Es geht los durch einige Ausläufer des Dorfs, doch bereits nach kurzer Zeit sind wir in der freien Natur. Nur hin und wieder begegnen uns Menschen, die Geerntetes den Berg hinauf oder herab tragen; Vieh treiben. Bald wird das Gestrüpp um uns herum höher und wir durchwandern die Hänge der Berge, umgeben von Hohlwegen aus wildem Gewächs. Besonders die äthiopischen Brennnesseln, die größer als die europäischen sind, stechen unangenehm stark, wenn man sie berührt.
Linkerhand im Tal fließt ein Fluss. Es ist der Grenzfluss zwischen den Gebieten der Ethnien der Sidama und der Oromo, wie uns unser Führer – selbst Angehöriger der Sidama – zu berichten weiß. Am steilen Hang stehen einige Hütten und wir sehen die großen Ensete-Stauden, die dort angebaut werden. Neben dem Anbau Falscher Bananen betreiben die hiesigen Bauern auch Khat-Anbau. Die „Nationaldroge“ ist für sie wohl ein einträgliches Geschäft. Doch die meisten der Bauern siedeln illegal in diesen Waldgebieten, die dem Staat vorbehalten sind.
Ich vor dem Becken des "Great Waterfall"
Es geht weiter steile Abschnitte der Hänge hinauf und an einem kalten, erfrischenden Gebirgsbach vorüber. Zwei Jungen aus dem Dorf folgen uns unentwegt. Nach und nach wird der Pfad immer steiler, aber auch der Blick auf die weite Ebene hin zum Awassa-See wird immer grandioser. So gehen Anstrengung und Belohnung Hand in Hand. Nur noch selten kommen wir an Hütten aus Bananenblättern oder Lehm vorbei. Nur einzelne Menschen queren unseren Weg. Nun sei es nicht mehr weit bis zum „Great Waterfall“, berichtet unser Führer. Und tatsächlich: in der Ferne sehen wir bald den weißen Strahl von Wasser die Felswand hinunterfallen. Es geht noch einige Minuten durch dichteres Gestrüpp und über beinahe unpassierbare Pfade, mal steil hinab, dann wieder über einige große Steine und wir sind da!
Über die Kimme der Felswand, die weit über uns aufragt fließt das Wasser. Es ergießt sich auf einen Felsvorsprung und fällt von dort in einem Sprühregen in ein Becken am Fuße der Felswand. Hier ist das Wasser noch um einiges kälter, als weiter stromabwärts. Es ist ungemein erfrischend nach der angestrengten Wanderung hier zu stehen und seine Haut von den feinen kühlen Tropfen benetzen zu lassen.
Hin und wieder, wenn der Wind in das herabstürzende Wasser fährt, entsteht ein kleiner Regenbogen, den die Jungen aufgeregt mit den Worten: „Ethiopian flag, Ethiopian flag!“ beschreiben. Hier klettern wir einige Zeit über die Felsbrocken, ruhen uns aus und machen ausgiebig Photos, bevor es wieder auf den Rückweg geht.

Es geht den gleichen Pfad, den wir gekommen sind zurück, vorbei an Hängen, Ziegen und Khat-Anpflanzungen. Jeder Blick in die Ferne offenbart eine andere üppig-grüne Perspektive auf diese Landschaft. In der Ferne sehen wir die Ebene, gemustert von den zahlreichen kleinen Feldern und Äckern. Als wir an eine baumbestandene Wiese am Rande des Flusses gelangen, machen wir abermals eine Pause und verspeisen den von uns am Abend zuvor zubereiteten Nudelsalat. Ein wahres Fest!
Als wir beinahe wieder am Ausgangspunkt der Wanderung angelangt sind, geht unser Führer Tamrut linkerhand den Berg hinauf. Wieder gehen wir Pfade, die überhangen sind von verschiedensten wilden Pflanzen, Brennnesseln und anderem Gestrüpp. Es geht bergauf bergab, bis wir auf ein fast kahles Plateau gelangen, auf dem ein einzelnes Pferd weidet; unweit stehen eine Hütte und eine Art Scheune. Hier zeigt uns Tamrut die heißen Quellen, welche an diesem Ort aus der Erde hervorbrechen. In einem kleinen Pfuhl sammelt sich das rund 75 Grad heiße Wasser, welches viele Menschen zur Kur von Gelenk- und Rückenleiden verwenden.
Eine der Hütten, die sporadisch an den Berhängen liegen
Etwas weiter unterhalb befinden sich den Worten unseres Führers zufolge die einstmaligen Privatduschen des Kaisers Haile Selassie. Es handelt sich um dasselbe heiße Wasser wie zuvor, das aus einem Rohr in ein kleines Becken fließt und hier – verdünnt – angenehm warm ist. Einige Äthiopier haben an diesem Mittag bereits die Quelle zum Baden unter Beschlag genommen.
Wir gehen zum Wabo Shabelle zurück und genießen auf der Terrasse des etwas heruntergekommenen Hotels einen Papaya-Orangensaft. Anschließend verlassen wir den Ort und laufen – in Ermangelung einer Bajaj – zurück in Richtung Wosha. Am Rand der Straße stehen in größeren Abständen Hütten und Lehmhäuser,  stets umgeben von Pfählen und Zäunen, oft auch von Maisfeldern, Bananen oder Zuckerrohr. Dieser Anblick wirkt auf mich wie ein einziges großes, in die Länge und Breite gezogenes Dorf. Der Anblick, welcher zweifelsohne viele ärmliche, bäuerliche Existenzen beschreibt, wirkt in keiner Weise schockierend auf mich und gibt nicht die Lebenswirklichkeiten preis, die sich hinter jener Kulisse verbergen mögen. Allein dem äußerlichen Anblick nach ist hier kein Elend zu finden. Ich als Außenstehender kann nicht das erkennen, was sich hier auf dem Land abspielt. Und doch weiß ich von Menschen, die es mir erzählt haben, dass das Leben hier sehr hart sein muss.

Zurück in Wosha versuchen wir eine Abkürzung zurück nach Awassa zu nehmen, die uns von Tamrut angeraten wurde. Anstatt einem Bus nach Shashemenē, nehmen wir eine Bajaj in den Nachbarort K’äla und von dort wieder eine Bajaj in den Ort Bosha, von wo aus wir einen asiatischen Isuzu-Minibus nach Awassa nehmen. Tatsächlich ist der Rückweg um eine Stunde kürzer und um einige Birr günstiger, wenn auch von den Reiseumständen in den Bajajs und dem vollgequetschten Minibus „anders“.
Aussicht in Richtung Awassa-See beim Abstieg
Dieser Wandertag hat mich das erste Mal über längere Zeit als zuvor in die äthiopische Natur eintauchen lassen. Die Gegend Wondo Genet verdient zweifelsfrei ihren Namen als Garten Eden auf Erden! Doch so intensiv das Eindringen in die Natur auch war, so stark wurde mir auch vor Augen geführt, wie weit entfernt wir Ausländer – wir Fernjis – von den äthiopischen Menschen auf dem Lande stehen. Nicht alle Menschen hier sprechen Amharisch, geschweige denn Englisch, was bereits die praktischen Möglichkeiten der Kommunikation radikal eingrenzt. Und auch wurde mir deutlich, dass der Einblick in den Alltag der Menschen immer nur stückchenweise und unvollkommen – gewissermaßen von der Straße über den Zaun hinweg – geschieht. Ein vollständiger Einblick, oder gar die Vorstellung selbst so zu leben bleibt uns verwehrt
Wir sind nun genau zwei Monate in diesem Land, haben Fortschritte beim Erlernen der Sprache gemacht, an unserer Schule Menschen kennen gelernt. Dennoch sind uns bisher die weitaus größten Gebiete dieses Landes noch unerschlossen – die der Natur, wie auch die der Menschen.

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