29. Oktober 2011
Am Samstag den 29. Oktober sollte es zum Wandern in das einige Kilometer entfernte und überaus idyllische Wondo Genet gehen. Wondo Genet ist Sidaminja – die Sprache der Sidama, einer Volksgruppe, die in dieser Gegend lebt – und bedeutet übersetzt schönes Paradies.
| Blick auf den "Grenzberg" zwischen Sidama und Oromo |
Bei dem Fahrer hängen allerlei Schnick-Schnack, sowie christliche Karten und Kreuzmotive, aber auch ein Bild der Mannschaft von Arsenal London herum. Es geht los! Doch selbst als wir mit „einigen Sachen“ über die schnurgerade Landstraße brausen, bleibt das Tachometer auf null stehen. Wie schnell der Bus fährt scheint nicht von Bedeutung zu sein – Hauptsache er fährt. Denn nicht selten sieht man hier Busse, die mit einer Panne stehengeblieben sind oder den Busbahnhof gar nicht erst verlassen haben.
In Shashemenē nehmen wir einen anderen Bus, der uns nach Wosha im Gebiet um Wondo Genet fahren soll. Wir müssen lange warten, bis der Bus voll ist und schließlich losfahren kann. Die Fahrt ist angenehm, da selbst bis hierhin – in einem vergleichsweise abgeschiedenen Gebiet – die Straßen geteert sind. Die Fahrt kostet uns etwa zwei Stunden und 22 Birr – was circa 0,92 Euro entspricht. Von hieraus nehmen wir uns eine Bajaj – eine der dreirädrigen Motorrollerkutschen aus Asien – die uns über eine holprige Piste nach Betä Məngist – dem Palast – bringt. Hier, ganz in der Nähe heißer Quellen, ließ sich Kaiser Haile Selassie einst einen Ort der Erholung erbauen. Heute ist dem Palast ein Hotel der äthiopischen Kette Wabo Shabelle angegliedert, wo die Reichen ihr Wochenende verbringen können.
| Gebirgsbach, der hinab nach Wosha fließt |
Für die eigentliche Wanderung nehmen wir uns einen Führer – Tamrut, der uns durch die Wildnis der Berge begleiten kann. Es geht los durch einige Ausläufer des Dorfs, doch bereits nach kurzer Zeit sind wir in der freien Natur. Nur hin und wieder begegnen uns Menschen, die Geerntetes den Berg hinauf oder herab tragen; Vieh treiben. Bald wird das Gestrüpp um uns herum höher und wir durchwandern die Hänge der Berge, umgeben von Hohlwegen aus wildem Gewächs. Besonders die äthiopischen Brennnesseln, die größer als die europäischen sind, stechen unangenehm stark, wenn man sie berührt.
Linkerhand im Tal fließt ein Fluss. Es ist der Grenzfluss zwischen den Gebieten der Ethnien der Sidama und der Oromo, wie uns unser Führer – selbst Angehöriger der Sidama – zu berichten weiß. Am steilen Hang stehen einige Hütten und wir sehen die großen Ensete-Stauden, die dort angebaut werden. Neben dem Anbau Falscher Bananen betreiben die hiesigen Bauern auch Khat-Anbau. Die „Nationaldroge“ ist für sie wohl ein einträgliches Geschäft. Doch die meisten der Bauern siedeln illegal in diesen Waldgebieten, die dem Staat vorbehalten sind.
| Ich vor dem Becken des "Great Waterfall" |
Über die Kimme der Felswand, die weit über uns aufragt fließt das Wasser. Es ergießt sich auf einen Felsvorsprung und fällt von dort in einem Sprühregen in ein Becken am Fuße der Felswand. Hier ist das Wasser noch um einiges kälter, als weiter stromabwärts. Es ist ungemein erfrischend nach der angestrengten Wanderung hier zu stehen und seine Haut von den feinen kühlen Tropfen benetzen zu lassen.
Hin und wieder, wenn der Wind in das herabstürzende Wasser fährt, entsteht ein kleiner Regenbogen, den die Jungen aufgeregt mit den Worten: „Ethiopian flag, Ethiopian flag!“ beschreiben. Hier klettern wir einige Zeit über die Felsbrocken, ruhen uns aus und machen ausgiebig Photos, bevor es wieder auf den Rückweg geht.
Es geht den gleichen Pfad, den wir gekommen sind zurück, vorbei an Hängen, Ziegen und Khat-Anpflanzungen. Jeder Blick in die Ferne offenbart eine andere üppig-grüne Perspektive auf diese Landschaft. In der Ferne sehen wir die Ebene, gemustert von den zahlreichen kleinen Feldern und Äckern. Als wir an eine baumbestandene Wiese am Rande des Flusses gelangen, machen wir abermals eine Pause und verspeisen den von uns am Abend zuvor zubereiteten Nudelsalat. Ein wahres Fest!
Als wir beinahe wieder am Ausgangspunkt der Wanderung angelangt sind, geht unser Führer Tamrut linkerhand den Berg hinauf. Wieder gehen wir Pfade, die überhangen sind von verschiedensten wilden Pflanzen, Brennnesseln und anderem Gestrüpp. Es geht bergauf bergab, bis wir auf ein fast kahles Plateau gelangen, auf dem ein einzelnes Pferd weidet; unweit stehen eine Hütte und eine Art Scheune. Hier zeigt uns Tamrut die heißen Quellen, welche an diesem Ort aus der Erde hervorbrechen. In einem kleinen Pfuhl sammelt sich das rund 75 Grad heiße Wasser, welches viele Menschen zur Kur von Gelenk- und Rückenleiden verwenden.
| Eine der Hütten, die sporadisch an den Berhängen liegen |
Wir gehen zum Wabo Shabelle zurück und genießen auf der Terrasse des etwas heruntergekommenen Hotels einen Papaya-Orangensaft. Anschließend verlassen wir den Ort und laufen – in Ermangelung einer Bajaj – zurück in Richtung Wosha. Am Rand der Straße stehen in größeren Abständen Hütten und Lehmhäuser, stets umgeben von Pfählen und Zäunen, oft auch von Maisfeldern, Bananen oder Zuckerrohr. Dieser Anblick wirkt auf mich wie ein einziges großes, in die Länge und Breite gezogenes Dorf. Der Anblick, welcher zweifelsohne viele ärmliche, bäuerliche Existenzen beschreibt, wirkt in keiner Weise schockierend auf mich und gibt nicht die Lebenswirklichkeiten preis, die sich hinter jener Kulisse verbergen mögen. Allein dem äußerlichen Anblick nach ist hier kein Elend zu finden. Ich als Außenstehender kann nicht das erkennen, was sich hier auf dem Land abspielt. Und doch weiß ich von Menschen, die es mir erzählt haben, dass das Leben hier sehr hart sein muss.
Zurück in Wosha versuchen wir eine Abkürzung zurück nach Awassa zu nehmen, die uns von Tamrut angeraten wurde. Anstatt einem Bus nach Shashemenē, nehmen wir eine Bajaj in den Nachbarort K’äla und von dort wieder eine Bajaj in den Ort Bosha, von wo aus wir einen asiatischen Isuzu-Minibus nach Awassa nehmen. Tatsächlich ist der Rückweg um eine Stunde kürzer und um einige Birr günstiger, wenn auch von den Reiseumständen in den Bajajs und dem vollgequetschten Minibus „anders“.
| Aussicht in Richtung Awassa-See beim Abstieg |
Wir sind nun genau zwei Monate in diesem Land, haben Fortschritte beim Erlernen der Sprache gemacht, an unserer Schule Menschen kennen gelernt. Dennoch sind uns bisher die weitaus größten Gebiete dieses Landes noch unerschlossen – die der Natur, wie auch die der Menschen.
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