Sonntag, 30. Oktober 2011

Wandern in Wondo Genet

29. Oktober 2011

Am Samstag den 29. Oktober sollte es zum Wandern in das einige Kilometer entfernte und überaus idyllische Wondo Genet gehen. Wondo Genet ist Sidaminja – die Sprache der Sidama, einer Volksgruppe, die in dieser Gegend lebt – und bedeutet übersetzt schönes Paradies.
Blick auf den "Grenzberg" zwischen Sidama und Oromo
Um sechs Uhr morgens stehen wir auf und um halb acht Uhr brechen Klaas und ich zum Busbahnhof hier in Awassa auf, wo wir einen Bus nach Shashemenē suchen wollen. Nach einigem Herumfragen auf Amharisch und Englisch finden wir einen. Sobald die Türen geöffnet werden, drängeln sich die Menschen – alte Frauen,  wie junge Männer – rücksichtslos in den Wagen, als ginge es um Leben und Tod. Ich komme glimpflich mit einer leichten Prellung am Knie in den Bus hinein und kann für uns beide eine der schmalen Sitzbänke ergattern.
Bei dem Fahrer hängen allerlei Schnick-Schnack, sowie christliche Karten und Kreuzmotive, aber auch ein Bild der Mannschaft von Arsenal London herum. Es geht los! Doch selbst als wir mit „einigen Sachen“ über die schnurgerade Landstraße brausen, bleibt das Tachometer auf null stehen. Wie schnell der Bus fährt scheint nicht von Bedeutung zu sein – Hauptsache er fährt. Denn nicht selten sieht man hier Busse, die mit einer Panne stehengeblieben sind oder den Busbahnhof gar nicht erst verlassen haben.

In Shashemenē nehmen wir einen anderen Bus, der uns nach Wosha im Gebiet um Wondo Genet fahren soll. Wir müssen lange warten, bis der Bus voll ist und schließlich losfahren kann. Die Fahrt ist angenehm, da selbst bis hierhin – in einem vergleichsweise abgeschiedenen Gebiet – die Straßen geteert sind. Die Fahrt kostet uns etwa zwei Stunden und 22 Birr – was circa 0,92 Euro entspricht. Von hieraus nehmen wir uns eine Bajaj – eine der dreirädrigen Motorrollerkutschen aus Asien – die uns über eine holprige Piste nach Betä Məngist – dem Palast – bringt. Hier, ganz in der Nähe heißer Quellen, ließ sich Kaiser Haile Selassie einst einen Ort der Erholung erbauen. Heute ist dem Palast ein Hotel der äthiopischen Kette Wabo Shabelle angegliedert, wo die Reichen ihr Wochenende verbringen können.
Gebirgsbach, der hinab nach Wosha fließt
Trotz der vielen Steine, Unebenheiten und Furchen, lenkt der Fahrer die Bajaj mit gehörigem Tempo über die Straße. Zum Glück ist die Bajaj – allerdings zu unserer Verwunderung – gut gefedert, so dass die kurze Fahrt ein abenteuerliches Vergnügen wird, begleitet von der latenten Furcht das Gefährt könne sich in der nächsten Kurve überschlagen.

Für die eigentliche Wanderung nehmen wir uns einen Führer – Tamrut, der uns durch die Wildnis der Berge begleiten kann. Es geht los durch einige Ausläufer des Dorfs, doch bereits nach kurzer Zeit sind wir in der freien Natur. Nur hin und wieder begegnen uns Menschen, die Geerntetes den Berg hinauf oder herab tragen; Vieh treiben. Bald wird das Gestrüpp um uns herum höher und wir durchwandern die Hänge der Berge, umgeben von Hohlwegen aus wildem Gewächs. Besonders die äthiopischen Brennnesseln, die größer als die europäischen sind, stechen unangenehm stark, wenn man sie berührt.
Linkerhand im Tal fließt ein Fluss. Es ist der Grenzfluss zwischen den Gebieten der Ethnien der Sidama und der Oromo, wie uns unser Führer – selbst Angehöriger der Sidama – zu berichten weiß. Am steilen Hang stehen einige Hütten und wir sehen die großen Ensete-Stauden, die dort angebaut werden. Neben dem Anbau Falscher Bananen betreiben die hiesigen Bauern auch Khat-Anbau. Die „Nationaldroge“ ist für sie wohl ein einträgliches Geschäft. Doch die meisten der Bauern siedeln illegal in diesen Waldgebieten, die dem Staat vorbehalten sind.
Ich vor dem Becken des "Great Waterfall"
Es geht weiter steile Abschnitte der Hänge hinauf und an einem kalten, erfrischenden Gebirgsbach vorüber. Zwei Jungen aus dem Dorf folgen uns unentwegt. Nach und nach wird der Pfad immer steiler, aber auch der Blick auf die weite Ebene hin zum Awassa-See wird immer grandioser. So gehen Anstrengung und Belohnung Hand in Hand. Nur noch selten kommen wir an Hütten aus Bananenblättern oder Lehm vorbei. Nur einzelne Menschen queren unseren Weg. Nun sei es nicht mehr weit bis zum „Great Waterfall“, berichtet unser Führer. Und tatsächlich: in der Ferne sehen wir bald den weißen Strahl von Wasser die Felswand hinunterfallen. Es geht noch einige Minuten durch dichteres Gestrüpp und über beinahe unpassierbare Pfade, mal steil hinab, dann wieder über einige große Steine und wir sind da!
Über die Kimme der Felswand, die weit über uns aufragt fließt das Wasser. Es ergießt sich auf einen Felsvorsprung und fällt von dort in einem Sprühregen in ein Becken am Fuße der Felswand. Hier ist das Wasser noch um einiges kälter, als weiter stromabwärts. Es ist ungemein erfrischend nach der angestrengten Wanderung hier zu stehen und seine Haut von den feinen kühlen Tropfen benetzen zu lassen.
Hin und wieder, wenn der Wind in das herabstürzende Wasser fährt, entsteht ein kleiner Regenbogen, den die Jungen aufgeregt mit den Worten: „Ethiopian flag, Ethiopian flag!“ beschreiben. Hier klettern wir einige Zeit über die Felsbrocken, ruhen uns aus und machen ausgiebig Photos, bevor es wieder auf den Rückweg geht.

Es geht den gleichen Pfad, den wir gekommen sind zurück, vorbei an Hängen, Ziegen und Khat-Anpflanzungen. Jeder Blick in die Ferne offenbart eine andere üppig-grüne Perspektive auf diese Landschaft. In der Ferne sehen wir die Ebene, gemustert von den zahlreichen kleinen Feldern und Äckern. Als wir an eine baumbestandene Wiese am Rande des Flusses gelangen, machen wir abermals eine Pause und verspeisen den von uns am Abend zuvor zubereiteten Nudelsalat. Ein wahres Fest!
Als wir beinahe wieder am Ausgangspunkt der Wanderung angelangt sind, geht unser Führer Tamrut linkerhand den Berg hinauf. Wieder gehen wir Pfade, die überhangen sind von verschiedensten wilden Pflanzen, Brennnesseln und anderem Gestrüpp. Es geht bergauf bergab, bis wir auf ein fast kahles Plateau gelangen, auf dem ein einzelnes Pferd weidet; unweit stehen eine Hütte und eine Art Scheune. Hier zeigt uns Tamrut die heißen Quellen, welche an diesem Ort aus der Erde hervorbrechen. In einem kleinen Pfuhl sammelt sich das rund 75 Grad heiße Wasser, welches viele Menschen zur Kur von Gelenk- und Rückenleiden verwenden.
Eine der Hütten, die sporadisch an den Berhängen liegen
Etwas weiter unterhalb befinden sich den Worten unseres Führers zufolge die einstmaligen Privatduschen des Kaisers Haile Selassie. Es handelt sich um dasselbe heiße Wasser wie zuvor, das aus einem Rohr in ein kleines Becken fließt und hier – verdünnt – angenehm warm ist. Einige Äthiopier haben an diesem Mittag bereits die Quelle zum Baden unter Beschlag genommen.
Wir gehen zum Wabo Shabelle zurück und genießen auf der Terrasse des etwas heruntergekommenen Hotels einen Papaya-Orangensaft. Anschließend verlassen wir den Ort und laufen – in Ermangelung einer Bajaj – zurück in Richtung Wosha. Am Rand der Straße stehen in größeren Abständen Hütten und Lehmhäuser,  stets umgeben von Pfählen und Zäunen, oft auch von Maisfeldern, Bananen oder Zuckerrohr. Dieser Anblick wirkt auf mich wie ein einziges großes, in die Länge und Breite gezogenes Dorf. Der Anblick, welcher zweifelsohne viele ärmliche, bäuerliche Existenzen beschreibt, wirkt in keiner Weise schockierend auf mich und gibt nicht die Lebenswirklichkeiten preis, die sich hinter jener Kulisse verbergen mögen. Allein dem äußerlichen Anblick nach ist hier kein Elend zu finden. Ich als Außenstehender kann nicht das erkennen, was sich hier auf dem Land abspielt. Und doch weiß ich von Menschen, die es mir erzählt haben, dass das Leben hier sehr hart sein muss.

Zurück in Wosha versuchen wir eine Abkürzung zurück nach Awassa zu nehmen, die uns von Tamrut angeraten wurde. Anstatt einem Bus nach Shashemenē, nehmen wir eine Bajaj in den Nachbarort K’äla und von dort wieder eine Bajaj in den Ort Bosha, von wo aus wir einen asiatischen Isuzu-Minibus nach Awassa nehmen. Tatsächlich ist der Rückweg um eine Stunde kürzer und um einige Birr günstiger, wenn auch von den Reiseumständen in den Bajajs und dem vollgequetschten Minibus „anders“.
Aussicht in Richtung Awassa-See beim Abstieg
Dieser Wandertag hat mich das erste Mal über längere Zeit als zuvor in die äthiopische Natur eintauchen lassen. Die Gegend Wondo Genet verdient zweifelsfrei ihren Namen als Garten Eden auf Erden! Doch so intensiv das Eindringen in die Natur auch war, so stark wurde mir auch vor Augen geführt, wie weit entfernt wir Ausländer – wir Fernjis – von den äthiopischen Menschen auf dem Lande stehen. Nicht alle Menschen hier sprechen Amharisch, geschweige denn Englisch, was bereits die praktischen Möglichkeiten der Kommunikation radikal eingrenzt. Und auch wurde mir deutlich, dass der Einblick in den Alltag der Menschen immer nur stückchenweise und unvollkommen – gewissermaßen von der Straße über den Zaun hinweg – geschieht. Ein vollständiger Einblick, oder gar die Vorstellung selbst so zu leben bleibt uns verwehrt
Wir sind nun genau zwei Monate in diesem Land, haben Fortschritte beim Erlernen der Sprache gemacht, an unserer Schule Menschen kennen gelernt. Dennoch sind uns bisher die weitaus größten Gebiete dieses Landes noch unerschlossen – die der Natur, wie auch die der Menschen.

Meine Schule – Gebeya Dar

30. Oktober 2011

Der Schulgarten mit der Bibliothek im Hintergrund
Die Gebeya Dar Primary School liegt, wie der Name bereits sagt – „am Rand des Marktes“, aber gleichzeitig auch nicht unweit des Seeufers. Vom Schulhof aus sieht man über das weite sumpfige Ried hinweg das Wasser. Die Schule ist aufgebaut wie einer der landestyptischen, ummauerten Compounds, nur um ein Vielfaches größer. Betritt man die Schule durch die kleine Tür in der Mauer am Rande, fällt der Blick auf einen staubigen Weg, der zum Bürogebäude führt. Rechterhand ist eine Art Baracke, in der sich die Schulcafeteria befindet, daneben die Schulbibliothek. Eingefasst wird der Weg von Blumenbeeten, satten Grasflecken und einigen großen Bäumen, in deren Schatten man sich großartig erholen kann. Geht man weiter, findet man weitere längliche Gebäude – eingeschossige, zumeist graue Bauten, in denen die Klassen 1 bis 8 untergebracht sind. Gedeckt sind sie meistens mit Wellblech, unter welchem sich besonders nachmittags eine schier unerträgliche Hitze anstaut.

Palmen und der Platz für den Fahnenappell dahinter
In Richtung See befindet sich der Platz für den Fahnenappel, welcher jeden Morgen um 07:45 Uhr stattfindet. Gehisst werden die Flaggen der Bundesrepublik Äthiopien und der SNNP-Region. Die Schüler stehen in Reihe, geordnet nach Klassen, die meisten von ihnen mit dem blauen Hemd, welches hier die Schuluniform darstellt. Die Handhabung mit der Pflicht diese „Uniform“ zu tragen, ist allerdings mehr als lax. Während der Zeremonie werden Ansagen gemacht und anschließend wird im Kinderstimmenchor die äthiopische Nationalhymne angestimmt und die Fahnen werden von Schülern gehisst. Dieses Schauspiel geht allerdings meist wesentlich unorganisierter von statten, als man es sich vielleicht vorstellen mag – viele Schüler kommen zu spät, trudeln mit der Zeit ein und schwatzen. Dennoch kann ich das gewisse Martialische, was dieser Zeremonie innewohnt nicht leugnen.
In Richtung Hayk Dar – also Seeufer – befindet sich eine große holperige Wiese – der eigentliche Schulhof – auf dem ein großes Fußballtor und zwei Basketballkörbe stehen.

Blick auf den Schulhof und das Schilf am Seeufer
Die Klassenräume sehen meistens recht ähnlich aus: An der Frontseite hängt eine einfache Tafel und ihr gegenüber ist der Raum vollgestellt mit Tisch-Sitzbank-Einheiten, welche mir bisweilen zu klein für die höheren Klassenstufen vorkommen. Es fällt auf, dass durch die relativ kleinen Fenster oftmals nicht ausreichend Licht einfallen kann. Zusätzliche Beleuchtung gibt es nicht und auch die grauen Innenwände tragen nicht zu einer besseren Ausleuchtung der Klassen bei. Somit ist es insgesamt schwierig sich in dieser oft dunkel-stickigen Atmosphäre auf den Unterricht zu konzentrieren.
Unterrichtet wird in zwei Schichten pro Tag. Die erste Schicht beginnt um acht Uhr morgens und wechselt sich kurz nach Mittag mit der zweiten Schicht ab, welche wiederum bis ungefähr fünf Uhr nachmittags andauert. Das bedeutet, dass die Lehrer jeweils einen halben Tag unterrichten und auch die einzelnen Klassen einen halben Tag unterrichtet werden. Wöchentlich wechseln die Schichten, was bei mir noch immer zu einer gewissen Orientierungslosigkeit im Stundenplan beiträgt.
Die Lehrer tragen meistens einen weißen Kittel, welcher sie als solche erkennbar machen soll. Damit sehen sie weniger wie Lehrer, denn wie labortätige Wissenschaftler aus, was für mich zu Beginn durchaus kurios, da völlig ungewohnt war.

Die Schüler werden bereits früh in einer Vielzahl von Fächern unterrichtet. Dazu gehören Integrierte Wissenschaften, welche sich später in die Teilgebiete Biologie, Chemie und Physik aufgliedern. Auch werden Amharisch, Englisch, Mathematik und eine Art der Staatbürgerkunde – Civics – unterrichtet, worin die Gebiete Soziologie, Politik und Ethik enthalten sind. Fächer wie Sport, Kunst und Musik – sogenannte Aesthetics – werden maßgeblich in den unteren drei Stufen unterrichtet. Als ich das erste Mal hörte, mit welcher Materie die Kinder bereits in den unteren Klassen konfrontiert werden, konnte ich nur mit einigem Wohlbefinden an meine ersten Schuljahre und den eher spielerischen Umgang mit dem Thema Lernen zurückdenken.
Schulgebäude für acht Schulklassen im Schichtbetriebt
Ab der fünften Klasse der Primarstufe werden sämtliche Fächer auf Englisch und nicht länger auf Amharisch unterrichtet. Diese Art der Unterweisung – so wichtig sie in Bezug auf den akademischen Werdegang der Schüler auch sein mag – birgt meiner Meinung nach eine Vielzahl von Schwierigkeiten in sich. Zum einen ist Amharisch durchaus nicht die Muttersprache aller Schüler, was den Unterricht in einer Zweit- und schon gar in einer Drittsprache erheblich erschwert. Zum anderen habe ich bei der zweiwöchigen Beobachtung des Unterrichts die Erfahrung gemacht, dass selbst in den höheren Klassenstufen das sprachliche Niveau in der englischen Sprache weit von dem entfernt ist, was der hochanspruchsvolle Unterrichtsstoff vorgibt. Die Kenntnisse einzelner Schüler unterschreiten bei Weitem das, was dem Lehrplan nach bereits in unteren Stufen zu erreichen wäre. Dazu sei gesagt, dass das Alter der Schüler innerhalb einer Klasse erheblich variieren kann. So finden sich Schüler im Alter zwischen 15 und 20 Jahren in der achten Klasse.
Beispielsweise die Materie, welche im Physikunterricht der achten Klasse unterrichtet wird, wäre in gleicher Form in meiner Abiturprüfung denkbar gewesen. Die behandelten Themen sind beinahe identisch – und das bei einem Unterschied von fünf Schuljahren. Stelle ich mir vor, mir jenen Stoff auf Englisch erarbeiten zu müssen, stieße ich wohl an meine Grenzen.
Der Vize-Direktor Ato Yidnekachew
Ich komme für mich persönlich zu dem Schluss, dass die offenbare Überforderung der meisten Schüler zumindest teilweise auf den Umgang mit der englischen Sprache zurückzuführen ist. Wie es mit den sozialen und familiären Hintergründen der einzelnen Schüler aussieht kann ich in keiner Weise beurteilen und würde mir ein solches Urteil – vor allem zu diesem Zeitpunkt – in keiner Weise anmaßen.
Vor diesem Hintergrund des bisher in der Gebeya Dar Schule erfahrenen, setzte ich große Hoffnungen in meine Arbeit, welche in erster Linie der Unterstützung des Englischunterrichts dienen soll.

Dies waren einige der ersten Eindrücke, wie ich sie in den vergangenen vier Wochen gesammelt habe. Keinesfalls alle – lediglich einige – habe ich an diesem Punkt zusammengefasst, um einen Überblick über das Äußere der Schule und den Unterricht, wie er stattfindet zu geben. Ich hoffe bald zu weiteren Aspekten der Schule – wie etwa meiner eigenen Tätigkeit oder den Lehrern – zu schreiben.

Montag, 24. Oktober 2011

Essen in Awassa - Ein Überblick


24. Oktober 2011

Wie bereits erwähnt kaufen wir viele unserer Lebensmittel auf dem Markt; oder besser gesagt, lassen sie uns von unserer Vermieterin mitbringen. Somit können wir beim Kochen aus einer Vielfalt von Obst und Gemüse wählen. Wir in unserer WG kochen bisher maßgeblich Gerichte aus Tomaten, Kartoffeln und Zwiebeln, aber auch Nudeln und Reis verschmähen wir nicht. Zusätzlich kann man eine Menge Früchte, wie etwa Mangos, Papayen, Bananen, Hop’i und Z’ehoi kaufen, woraus sich hervorragende Fruchtsäfte mixen lassen.
Aber auch das Essen in Restaurants ist für uns Freiwillige nichts Ungewöhnliches, zumal es weder signifikant teurer noch billiger ist, als zuhause zu kochen. In der Tat sind die Lebensmittelpreise auf dem Markt verhältnismäßig gering, aber in Relation dazu, um wie viel geringer die Einkommen hier in Äthiopien sind, sind sie extrem hoch. Insbesondere wenn man vergleicht, wie viel ein europäischer gegenüber einem äthiopischen Haushalt für Lebensmittel ausgibt!
Wir können hier aus einer großen Vielfalt von großen Luxusrestaurants bis hin zu kleinen Traditionellen Gasthäusern wählen. Beispielsweise im sogenannten Tadesse Enjory – welches Restaurant und Luxushotel vereint – lässt sich hervorragend – und meiner Meinung nach am besten – europäisch speisen. Diesen „Luxus“ leisten wir uns jedoch nur äußerst selten, um nicht zu sagen so gut wie nie. Doch das Wort Luxus ist in Bezug auf das auswärts Essen neu zu definieren, denn auch hier ist man mit Preisen von 70 bis 100 Birr – also umgerechnet drei bis vier Euro – ausgezeichnet bedient. Da unsere Verpflegungskosten aber an die einheimischen Preise gekoppelt sind, wird dies die Ausnahme bleiben.
Im Pinna – einem italienischen Restaurant – bekommt man weniger gutes „italienisches“, dafür aber umso besseres Habesha-Essen. Habesha ist hier der Begriff für alles, was aus Äthiopien stammt, das gilt für das Essen, die Menschen – einfach alles.  Es besteht stets der Vergleich zwischen Habesha und Ferenji – also allem, was aus dem „Westen“ kommt. Im Pinna gibt es das meiner Meinung und bisherigen Erfahrung nach beste Bäyaynätu, also Injera – das Sauerteigfladenbrot – mit verschiedenen vegetarischen Soßen. Es ist ein typisches Fastenessen. Auch das Agilgil ist lecker. Dabei handelt es sich um einen Korb, welcher ursprünglich dem Transport diente. Darin sind Fladen gestapelt, zwischen denen sich verschiedene Soßen befinden; wir der Korb entleert, sieht es erst einmal sehr wüst aus, schmeckt aber köstlich.
Ein wunderschönes einheimisches Restaurant ist das Selam Café an der Piazza. Dort gibt es keine Speisekarten auf Englisch, sondern nur die einheimischen in Fidel – also der amharischen Silbenschrift. Wie in den meisten Restaurants gibt es Habesha-Essen, aber auch Ferenji-Gerichte, welche meistens aus Sandwiches, Burgern und ähnlichem bestehen. Hier, wie im Großteil der Restaurants – auch in den luxuriösen – ist es ratsam bei der Bestellung zu fragen, ob es das entsprechende Gericht gibt. Denn oftmals ereignet es sich, dass einzelne Speisen, oder gar weite Teile der Speisekarte nicht „verfügbar“ sind. Das läuft dann folgendermaßen ab: „Shiro allä?“ Die Kellnerin antwortet strahlend: „Yälläm!“ – „Gibt es nicht!“ Das Fragen kann in solcher Weise weitergehen. Die Alternative ist, zu fragen, was es denn an diesem Abend alles gibt. Uns passierte es neulich tatsächlich, dass von einer auffällig reichhaltigen Karte nur vier Gerichte verfügbar waren.
Das oben flüchtig in die Darstellung eingeflochtene Shiro ist bisher eines meiner liebsten einheimischen Gerichte. Es handelt sich um eine Soße aus Zwiebeln und selbst für europäische Verhältnisse mäßig scharfem Shiro-Pulver, welche brodelnd in einem kleinen Töpfchen mit Injera serviert wird. Alternativ gibt es auch Bozena Shiro mit Fleisch oder Shiro Feses mit extra viel Zwiebeln, was angesichts der Tatsache, dass das Gericht bereits zum Großteil aus Zwiebeln besteht, recht absurd erschient.
Hin und wieder kommt es an den Abenden zu Stromausfällen. Befindet man sich derzeit in einem Restaurant erhält man meistens eine Kerze und das Wort Candle Light Dinner erhält eine völlig neue Bedeutung. Es birgt durchaus eine romantische Komponente in sich, bei düsterem Kerzenschein mit Fingern verschiedenste Soßen in sein Injera einzuschlagen; das gewisse Extra dabei: Was man als nächstes in den Mund bekommt ist eine Überraschung.
Als eine weitere Zuverlässige Quelle für einheimisches Essen ist auch der Herd unserer Vermieterin zu bezeichnen. Hin und wieder lädt sie uns mittags zum Essen ein. Der Unterschied hier ist, dass das Essen meist schärfer ist als in den Restaurants, als habe man den Ferenjis ein ausgewählt „mildes“ Essen vorgesetzt.

Auch das Thema Trinken ist hier von großer Bedeutung, da man bei dem heißen Wetter seine tägliche Hydration erhöhen sollte. Hierbei liegt die Betonung allerdings auf sollte. Denn bisher habe ich das Gefühl, seit meiner Ankunft hier meinen Flüssigkeitskonsum drastisch herabgefahren zu haben. Das mag allerdings auch an der Tatsache liegen, dass jener inzwischen nahezu ausschließlich über die Einnahme von Fruchtsäften erfolgt, welche man hier an jeder Straßenecke finden kann. Viele kleine Saftbars, aber auch der überwiegende Teil der Restaurants, bieten Säfte aus den saisonalen Früchten Äthiopiens an. Derzeit werden in den einfacheren Läden hauptsächlich Avocado-, Mango- und Papayasaft angeboten. In den gehobenen Häusern werden aber auch andere – teils exotisch-fremde – Sorten angeboten. An den heißen Tagen hier gibt es oftmals nichts Erfrischenderes, als einen kühlen Orangenfruchtsaft – idealerweise eingenommen in einer frischen Brise am Randes des Awassa Sees.
Ein anders Getränk, das ich jüngst erst kennen lernen durfte, ist der sogenannte Bunna Bälawz, ein Latte Macchiato, welcher mit gemahlenen Erdnüssen aufgebrüht wurde. Ein köstlich süß-nussiges Erlebnis.
Auch der sogenannte Čai Bunna Spriss – eine Mischung aus Schwarztee und Kaffee wirkt sehr belebend. Der Geschmack ist völlig neu für mich, aber er hat etwas Angenehmes. Ein Freund riet mir dahingegen vom weitergehenden Konsum ab, da bei dem Getränk offenbar eine erhöhte Suchtgefahr besteht. Das kann ich mir jedoch beim besten Willen nicht vorstellen.

Ich hoffe, dass ich hiermit einen kleinen Einblick in die kulinarische Welt von Awassa geben konnte. Einerseits ist mir klar, dass ich nicht von allem schreiben kann, was ich esse und trinke; nebenbei gesagt wäre da auch unglaublich langweilig. Aber auf der anderen Seite ist mir ebenso klar, dass ich noch vieles mehr entdecken und sicherlich auch ausprobieren werde.

Dienstag, 11. Oktober 2011

Die äthiopische Kaffeezeremonie



11. Oktober 2011

Hier in Äthiopien – dem Land des Kaffees gewissermaßen – besitzt die dazugehörige Zeremonie eine große Bedeutung. Bekannt ist, dass der Kaffee ursprünglich aus dem äthiopischen Hochland stammt. Uneinig sind sich viele darüber, ob er wirklich aus der sinnfällig klingenden Region Kaffa stammt. Allemal ist der traditionelle Kaffee – Bunna – fest in der hiesigen Kultur verwurzelt.
Ich beim Rösten der Kaffeebohnen
Kaffee erhält man hier auf dem städtischen Markt. Er wird nicht etwa wie in Deutschland geröstet, oder gar gemahlen verkauft, nein, er wird in Form hellgrüner Bohnen verkauft. Die frische Zubereitung zuhause ist unverzichtbarer Teil der Zeremonie. Ein Kilo der Bohnen besitzt immerhin den stattlichen Preis von umgerechnet vier Euro.
Bereits nach kurzer Zeit in Äthiopien habe ich einige der Zeremonien miterleben dürfen. Sie sind fester Teil und Ritus des täglichen Lebens. Eine junge Frau erzählte mir sogar, dass viele ältere Menschen den Kaffee nur annehmen, wenn die Zeremonie im Voraus stattgefunden hat, also der Duft nach gerösteten Bohnen und Weihrauch in der Luft liegt.
Die umfangreichste Zeremonie habe ich gemeinsam mit den anderen Freiwilligen bei dem ehemaligen Schulleiter der Gebeya Dar Primary School erlebt – Daniel Getachew. Vor einigen Tagen wurden wir erneut zu ihm eingeladen und er wollte uns eine ganze Zeremonie präsentieren. Einige seiner acht Geschwister waren auch anwesend, wobei seine Schwester Tutu im Hof den Kaffee zubereitete. Ihnen allen ist eine einmalige Gastfreundschaft zu Eigen!
Das Einschenken erfordert Fingerspitzengefühl!
Zuerst werden die Bohnen in einer Keramikpfanne ausgiebig gewaschen, von Hülsen und Spelzen befreit. Anschließend werden die Bohnen lange über der Glut eines portablen Metallofens geröstet. Unentwegt wendet Tutu mit einer Gabel die Bohne um, bis sie mit der Zeit dunkelbraune bis fast schwarze Farbe angenommen haben und glänzen. Der unvergleichbare Duft von frisch geröstetem Kaffee liegt in der Luft. Anschließend wird der Kaffee gemahlen. Normalerweise in einer kleinen elektrischen Mühle, für uns jedoch in einem traditionellen Mörser, der vielerorts noch heute Benutzt wird. Mit einer Eisenstange werden die Bohnen in dem hölzernen Gefäß gestampft, bis ein feiner Staub daraus geworden ist.
Nun ist alles bereit; der Kaffee kann aufgebrüht werden. In der traditionellen Kanne, der Jäbänna, brodelt es nun über offenem Feuer, bis der Duft des frischen Getränks aufsteigt. Währenddessen wird in einem kleinen Sockel der Weihrauch – der Әt’an – herangetragen. Dieser erfüllt mit seinem strengen, aber angenehmen Geruch die Luft und überdeckt sogar den Duft des frischen Kaffees. Was auch bei keiner Kaffeezeremonie fehlen darf ist die Beilage: Fəndəša. Dabei handelt es sich um nichts anderes, als gewöhnliches Popcorn, welches aber im Übrigen ausgezeichnet zu Kaffee passt! Es wird süß, als auch salzig gereicht, je nach Vorliebe des Gastgebers. Oftmals ist auch der Boden mit dem Heiligen Gras ausgelegt, welches einen frischen und würzigen, aber strengen Geruch aussendet.
Unser Gastgeber Daniel beim ersten Schluck
Endlich ist der Höhepunkt der Zeremonie erreicht! Der Kaffee wird sanft in die kleinen Tassen – die Sini – eingegossen, damit der Kaffeesatz in der Kanne zurückbleibt. Dazu wird meist viel Zucker in die Tasse gegeben – für europäische Verhältnisse im Übermaß. Einige Äthiopier schwären jedoch auch auf Kaffee mit Salz, was mir persönlich jedoch in keiner Weise zusagt.
Der Kaffee wird zwar üblicherweise nicht mit Milch getrunken, ist aber im Geschmack dennoch milder, als der, den ich aus Deutschland gewöhnt bin. Er hat nicht die bittere Note, die schwarzer Kaffee für mich in Deutschland stets hatte.
Somit bleibt mir nur zu sagen, dass ich mich auf viele weitere Kaffeezeremonien mit Popcorn freue. So kann es zwar leicht passieren, dass man fünf oder mehr Kaffee an einem Tag zu sich nimmt doch der vorzügliche Geschmack ist mir den Konsum eindeutig wert!

Samstag, 8. Oktober 2011

Awassa – die Stadt, in der ich lebe

 8. Oktober 2011

Klaas, Melanie, Rahel, Jürgen, Lisa, ich und Muriel

Zwar bin ich noch nicht lange hier, doch ich möchte einige erste Einblicke in die Stadt geben, in der ich das kommende Jahr über wohnen werde. Die Schule hat vor einer Woche begonnen; noch beobachten wir den Unterricht nur. Daher werde ich zu einem anderen Zeitpunkt über meine Schule berichten.
Der Eingang zu unserer Wohnung im Innenhof
Hier in Awassa wohne ich zusammen mit Rahel und Klaas in einer kleinen Wohnung im Bezirk zero amməst (Bezirk 05). Die Wohnung liegt innerhalb eines Compounds, das heißt, sie grenzt direkt an einen Innenhof, an dessen Rändern mehrere kleine Zimmer und Wohnungen liegen. An der Frontseite befindet sich ein Tor, welches den Blick hin zur Hauptstraße öffnet. Der Innenhof ist noch erdig, aber unsere Vermieterin Fek’erte lässt im Moment Gras pflanzen. Schatten spenden ein Papaya- und ein Avocado-Baum, auf welchen den Tag über, besonders jedoch am frühen Morgen Affen herum klettern. Nicht selten schreien und trampeln sie morgens auf dem Blechdach des Hauses und rauben mir den Schlaf. Jeder Essensrest, der im Hof zurückgelassen wird, wird von ihnen in kürzester Zeit ergriffen und geraubt. Des Weiteren wird im Hof hin und wieder über dem offenen Feuer gekocht, es werden Kaffeezeremonien abgehalten und es wird geschlachtet – bisher zwei Hähne vom Markt.
Blick über die Piazza in Richtung Monument
Der eigentliche Mittelpunkt von Awassa, wo viele Läden, Restaurants, Hotels und auch Zweige der Universität liegen, ist die Piazza. Es handelt sich nicht um einen Platz im eigentlichen Sinne, sondern um die gesamte Hauptstraße, die sich vom See bis zur St. Gabriels Church eine leichte Steigung emporstreckt. In der Mitte des Kreisverkehrs vor der prunkvollen Kirche befindet sich ein jüngst eingeweihtes Monument – ein hoher Kegel, der mit Mosaiken von traditionell gekleideten Kriegern besetzt und von einem Springbrunnen eingerahmt ist. Doch bereits jetzt sorgt das neue Wahrzeichen der Regionalhauptstadt für schlechte Stimmung, da es nur der Ethnie der Sidama gewidmet ist, sich aber sämtliche Völkerschaften von SNNPR hier vertreten sehen möchten.
Insbesondere die Piazza, aber auch die Straßen am See sind in gutem Zustand und ausgesprochen sauber. Am See gibt es eine Art Ferienanlage mit kleinen Häuschen, einem alten Swimming-Pool und einem ausgesprochen rustikalen Restaurant. Bis zu diesem Park kann man morgens hervorragend joggen und dort einige Dehnübungen vollbringen. Bäume säumen die etwas verwildert wirkende Parkanlage, aber es ist ein idyllisches Bild, das sich bietet.


Affenmutter mit Baby im Park am See
Nur einer von vielen exotischen Vögeln






















Im Hintergrund liegt der große See – der Hawassa Hayk. Etliche Vögel sitzen auf den Steinen am Wasser – Ibis und Marabu sind nur zwei Beispiele der Exoten. Auch weiß-schwarze Affen jagen über die Äste und fressen mir aus der Hand, als ich ihnen ein letztes Stück Injera „anbiete“.
Klaas und ich auf dem Hügel über der Stadt
Die tatsächliche Größe der Stadt erschließt sich jedoch nicht beim bloßen umherwandern durch die belebten Straßen. Wie ich feststellen konnte eignet sich dazu am besten eine Wanderung auf einen der Hügel, die sich am Rand der Stadt aus dem Boden erheben. Unweit von unserem Compound erhebt sich ein solcher Hügel. Wir schnallen uns einen Rucksack auf, ziehen die Wanderschuhe an und auf geht’s. Nach zehn Minuten sind Klaas und ich am Fuß des Hügels angekommen. Es ist nicht leicht einen Weg durch das üppige Gestrüpp zu finden. Nach einiger Zeit gelingt es uns dennoch und der steile Aufstieg durch Gebüsch und wilde Blumen beginnt. Es ist eine echte Herausforderung den steilen Felsen zu erklimmen. Oben angekommen bietet sich uns ein atemberaubender Blick über Awassa auf der einen, über den See auf der anderen Seite. Dieser legt sich mondsichelförmig um den Hügel und an den Rändern der Stadt entlang. Die Stadt selber ist flach, die wenigen mehrstöckigen Gebäude stechen nicht sonderlich hervor. Allemal ist es faszinierend zwei Seiten dieses Landes von einem Standpunkt aus sehen zu können. Im Osten erstreckt sich die aufstrebende, boomende Stadt. Neue Gebäude, Wohnblöcke und ein Krankenhaus. Auf der anderen Seite erstrecken sich Maisfelder über sanfte Hügel bis ans Seeufer; durchsetzt von kleinen Blechhütten. In weiterer Entfernung breitet sich die wunderbare äthiopische Landschaft wie ein Gemälde vor unseren Augen auf.

Dies waren nur einige wenige Eindrücke der vergangenen drei Wochen. Auch von meiner Seite sind sie nur ein winziger Einblick in eine mir neue und vielschichtige Lebenswelt. Dennoch hoffe ich, dass ich eine kleine Ahnung oder einen anklang des Lebens hier und meiner Umgebung vermitteln konnte. Auf bald!


Sonnenuntergang über dem Hawassa Hayk