11. – 12. September 2011
Genaugenommen findet das äthiopische Neujahrsfest am 6. Tag des letzten Monats P‘agumé statt. Dabei feierten wir den Übergang des Jahres 2003 zum Jahr 2004, dem äthiopischen Hulätt ši aratt amät. In diesem Sinne wünsche ich auch allen Menschen, die nach dem weitverbreiteten gregorianischen Kalender leben ein Frohes Neues Jahr!
Zunächst gehen wir planlos durch die Nacht, auf der Suche nach einer stimmungsvollen Bar. Schließlich finden wir eine Reggae-Bar in einer dunklen Seitenstraße, nicht allzu weit vom Guest House entfernt: die Musik ist angenehm und nicht zu laut. Wir setzten uns in den schummrigen Raum, der nur von ein wenig blauem Licht durchleuchtet wird. Das Mobiliar erinnert mich heimelig an die Holztische- und Stühle in meinem ehemaligen Waldorfkindergarten, denn sie reichen mir kaum bis an die Knie. Wir unterhalten uns und werden vom Besitzer der Bar und dessen Bruder – einem äthiopisch-israelischen Geschäftsmann – zum Willkommensfeuer eingeladen, einem Feuer, welches das neue Jahr am Ende von P’agume einleitet. Wir trinken St. George, eine durchaus schmackhafte äthiopische Biersorte, auf deren Etikett der heilige Georg als Drachenbezwinger und Schutzheiliger Äthiopiens abgebildet ist. Sie besitzt – obgleich mit dem deutschem und dem von mir präferierten irischen Bier nicht zu vergleichen – einen angenehmen, weichen, etwas rauen, meiner Meinung nach fast erdigen Geschmack.
Als wir vor die Bar gehen ist bereits ein kleiner Haufen Reiser und Holz aufgetragen. Daneben liegt ein Schafbock mit zusammengebundenen Hufen, dem ich an seinem unruhigen Atmen den ungeheuren Stress anmerken kann. Er hat die Augen geschlossen, harrt seinem Schicksal entgegen. Neben dem Brennmaterial liegt bereits eine gewaltige Tellerpfanne. Nach und nach kommen wir gemeinsam mit den verschiedenen Menschen ins Gespräch, die alle eine interessante Geschichte zu erzählen haben. Schon nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass wir es hier nicht gerade mit der Unterschicht Addis Abebas zu tun haben. Hier und da werden iPhones ausgepackt, die Kleider und Anzüge sind makellos und adrett. Im Gespräch mit dem Geschäftsmann stellt sich heraus, dass er selbst einmal einen Film produziert hat und auch einige andere Anwesende in der äthiopischen Filmbranche tätig sind. Er zeigt uns eine Frau in blauem Kleid, die – aufgetakelt, wie sie sein mag – seinen Worten nach eine der besten Schauspielerinnen Äthiopiens ist. Daneben sitzen andere Schauspieler, Skript-Schreiber, Autoren, Comedians und Produzenten.
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| Ich, Dawit, Klaas und Lisa am Neujahrstag |
Mitternacht rückt näher – hier in Äthiopien sechs Uhr: Səddəst sä’at. Das Feuer wird entzündet und jeder erhält ein Reisigbündel, das er ins Feuer hält. Es ist ein schaurig-schönes Ritual, bei dem die Menschen – wir Ferenji mit eingeschlossen – das Neujahrsfeuer nähren, dabei singen die Menschen schnelle Lieder, jauchzen und schreien. Man hat das Gefühl in der Zeit zurückkatapultiert worden zu sein. Diese festliche Brauchtum wirkt auf mich uralt, jedoch in einen modernen Kontext verrückt. Schließlich geht es an den Höhepunkt des Festtages: Auf dem Erdboden neben dem Feuer wird der Hals der Ziege gestrafft, sie niedergepresst. Sie zuckt und windet sich unter den Händen der starken Männer. Schließlich kommt ein Mann mit krummem Messer, setzt an und streicht dem Tier über die Kehle. Doch was mich überrascht ist, dass sie das Tier nicht ausbluten lassen, nein, das Messer gräbt sich tiefer durch den ganzen Hals des Schafes, dessen Bewegungen schwächer werden und schließlich vollends erlahmen. Die rituelle Schlachtung ist vollbracht. Unentwegt haben die Menschen rundherum getanzt und gesungen. So archaisch und urtümlich dieses Ritual auch wirkt, als so würdevoll und ehrlich empfinde ich doch den Tod dieses Tieres vor den Augen aller. Der Tod des Schafes wird von den Menschen gefeiert und geehrt; er ist der Mittelpunkt des Neujahrsfestes. Es ist nicht vergleichbar mit unseren anonymen Schlachthäusern, in denen Tier um Tier nicht geschlachtet, sondern abgeschlachtet wird, wo keine Würde für das Leben mehr herrscht, sondern dem erkrankten Konsumbedürfnis einer Gesellschaft gedient wird, die Fleisch nur als abgepackte Ware aus dem Supermarkt kennt. Dieses Fleisch hat nichts mehr mit dem einstmaligen Tier gemein, es ist entfremdet, geradezu so, als solle dies dem Verbraucher den Verzehr erträglicher machen.
Mag man das Schauspiel auch als grausig empfinden, so wenig schockierte es mich persönlich doch, da ich das Gefühl hatte, dass es an diesem Ort gerechtfertigt ist.
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| Dawits Frau und seine Schwester Zaba aus Dortmund |
Kaum eine Stunde später liegt jedes einzelne verwertbare Stück des Schafes auf der großen Pfanne und schmort langsam vor sich hin. Der Bruder des Barmanns gibt mir einen Schlägel und auch wenn ich mich bemühe herzhaft hineinzubeißen, so fällt es mir doch schwer. Nicht etwa Skrupeln des getöteten Tieres wegen, nein, das Fleisch ist schlicht derart zäh und hart am Knochen, dass es fast unmöglich ist ein Stück davon abzubeißen. Schließlich gelingt es mir; der Geschmack ist eigentümlich anders als jegliches andere Fleisch, das ich je zuvor gegessen habe.
Als wir uns gegen zwei Uhr nachts verabschieden wollen, werden die feiernden Äthiopier geradezu anhänglich und verabschieden uns überschwänglich. Menschen mit denen ich zuvor gar nicht gesprochen hatte, verabschieden mich mit äthiopischem Schultergruß und bieten mir einige Schlucke aus ihren Flaschen an. Doch anbieten ist hier wohl das ganz und gar falsche Wort! Sie nötigen mich geradezu als Geste der Freundschaft und Verabschiedung einen Schluck nach dem anderen zu nehmen, mit dem Verweis, für Deutsche gäbe es keine kleinen Schlucke.
Es war ein echter Abend, der uns erstmals einen etwas intensiveren und nähren Einblick in die äthiopische Kultur gegeben hat. Doch damit sollte es noch nicht getan sein, denn schon am nächsten Abend waren wir bei Dawit Mehari zum abendlichen Neujahrsfest eingeladen. Dawit hat mit uns einen Workshop zu interkulturellen und spezifisch äthiopischen Themen gehalten und uns gewissermaßen zum Abschluss in sein Haus eingeladen. Er arbeitet für meine Entsendeorganisation hier in Äthiopien und hat viele Jahre in Deutschland gelebt.
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| Dawits Schwiegervater schneidet feierlich das Brot an |
Als wir am nächsten Abend in seinem Haus ankommen, werden wir zuallererst von seiner Familie begrüßt. Das zweite, was geschieht ist, dass Dawit uns verkündet, dass einer der anwesenden jungen Männer die Ehre hat den Schafbock zu schlachten. Zunächst sind wir ungläubig, doch Dawit meint es ernst. Schließlich ist es Christoph, der sich bereit erklärt, die Schlachtung durchzuführen. Rasch wird eine angeschlagene gelbe Plastikwanne im Hinterhof herangetragen und der Bock seinem Schicksal zugeführt. Es ist die zweite Schlachtung, die ich in meinem Leben sehe und auch die zweite in weniger als 24 Stunden. Alles geht sehr schnell und schon beginnt eine Art Metzger mit dem Häuten des Tieres. Dawit lädt uns zum abendlichen Spaziergang durch die belebten Straßen seines Viertels ein.
Mir geht durch den Kopf, ob ich im gesetzten Falle auch der außergewöhnlichen Ehre Folge leisten würde. Es ist ein Dilemma, denn wer Fleisch isst, muss es auch ertragen, zumindest den Tod des Tieres zu sehen, oder ihn selbst zu verantworten; alles andere wäre meiner Meinung nach Bigotterie. Könnte ich das Tier nicht schlachten, müsste ich objektiv gesehen in diesem Moment aufhören Fleisch zu essen. Es ist ein ungelöster Gedankengang für mich!
Als wir nach dem Spaziergang zurück zu Dawits Compound gelangen, wird rasch das Essen aufgetragen und es ist dem ältesten Anwesenden – Dawits Schwiegervater – die Ehre vorbehalten das Brot anzuschneiden und einige feierliche Worte an die versammelte Gemeinschaft zu richten. Auch Dawit und sein eigener Vater heißen uns noch einmal herzlich willkommen. Als das Essen beginnt, haben wieder die Ältesten das Vorrecht als erste zu essen, bevor die Jüngeren sich ans Werk machen.
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| Dawits Vater entzündet das rituelle Feuer im Hof |
Während des Abends unterhalte ich mich mit verschiedenen Menschen der verschiedensten Altersstufen, die sich besonders freuen, mir von ihrer Familie und ihren Kindern zu erzählen, oder mein bruchhaftes Amharisch aufzubessern. Bei der nun folgenden traditionellen Kaffeezeremonie sind es besonders die älteren Damen, die geradezu gerührt sind, wenn ich mich auf Amharisch für den guten Kaffee bedanke: „Səläbunnau amasägänaləhu!“ Und das ist nicht gelogen, denn es ist der beste und zugleich außergewöhnlichste Kaffee, denn ich in meinem Leben getrunken habe. Er wird in einem traditionellen Tonkrug – frisch geröstet – über der Glut aufgebrüht und ausgeschenkt. Er schmeckt weit weniger bitter, als ich es vermutet hätte, sondern geradezu samtig. Der Boden ist mit dem Heiligen Gras bedeckt, welches einen frischen Duft verströmt, der nun jedoch vom Weihrauch überdeckt wird, der aus einem kleinen Fass am Boden das ganze kleine Wohnzimmer durchströmt. Es ist ein einzigartiges Erlebnis – herzlich und geradezu familiär. Es wird mir in diesen Momenten viel deutlicher, welch einen Stellenwert die Familie in diesem Land noch besitzt. Einen Status, den sie in Deutschland bisweilen verloren zu haben scheint.
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| Willkommensfeuer bei Dawit Mehari |
Zum Abschluss des ereignisreichen Abends, denn ich nur ausschnittweise in Worte zu fassen vermag, wird abermals ein Willkommensfeuer entzündet. Dawits Vater – in seinem weißen traditionellen Gewand – spricht einige Worte, dankt für die Zusammenkunft und diese Gelegenheit in der heutigen Zeit die alten Bräuche und Traditionen weiter pflegen zu können. Er singt, tanzt und springt trotz seines nicht unerheblichen Alters über das Feuer, welches dem Glauben nach gegen Ende der Regenzeit die bösen Geister und Dämonen austreibt. Diese Tradition erinnert mich ungemein an das Verbrennen der Weihnachtsbäume im Frühjahr beim „Funken“ in meiner Heimat Süddeutschland.
Es scheint beinahe so, als wollte jeder der anwesenden Verwandten und Bekannten Dawits noch seine abschließenden Worte an die Festgesellschaft richten, denn es vergeht einige Zeit, bis auch der letzte seine ehrlichen und freundschaftlichen Wünsche ausgesprochen hat.
Wieder und wieder bin ich an diesem Abend davon beeindruckt, wie offenherzig und bereitwillig die Menschen uns eigentlich Fremde in ihre Familie aufgenommen haben. Dabei gingen die Gespräche über Smalltalk hinaus, direkt auf eine vertrauliche und freundschaftliche Ebene, wie ich sie in Deutschland nach so kurzer Zeit noch nicht erlebt habe. Die Feiertagserlebnisse der vergangenen beiden Tage waren ein erstes tiefes Eintauchen in die äthiopische Kultur. Doch darüber hinaus waren es Momente, in denen mir klar wurde, dass mein Jahr in Äthiopien nun beginnen kann. Es wurde ein Jahr für alle Äthiopier eingeleitet und eines für mich, welches es nun auszuschöpfen gilt.