Samstag, 24. September 2011

Markttag in Awassa


19. September 2011

Da Montag und Donnerstag Markttag in Awassa ist, nimmt unsere neue Vermieterin Fek’erte uns mit. Mit der Bajaj fahren wir zum Marktbezirk, der nur einige Querstraßen weiter liegt. Bajaj heißen die kleinen, blauen und dreirädrigen Gefährte, die hier zu jeder Zeit und auf jeder Straße massenweise anzutreffen sind. Die Fahrt ist meist billig, mit 1 bis 5 Birr – umgerechnet rund 4 bis 20 Euro-Cent – kommt man so gut wie überall in der Stadt hin.
Als wir auf dem Markt ankommen, werde ich von den vielen neuen Eindrücken überwältigt. Der Markt ist zwar voller Menschen, aber doch unvergleichlich viel übersichtlicher und ruhiger als der Mercato in Addis Abeba. Auf diesem Markt kann man noch ein Stück weit schlendern, ohne von den Menschenmassen weggerissen zu werden.
Fek’erte führt uns von Stand zu Stand, vorbei an etlichen Eseln, welche die Lasten tragen und vorüber an einem Mühl-Haus. Zuerst kaufen wir Eier, aber es sind nicht die großen europäischen Eier – die hier im Übrigen übermäßig teuer sind –, sondern so genannte Habesha-Eier; also einheimische Eier, die wesentlich kleiner sind. Anschließend gehen wir durch eine matschige Gasse, in der Hühner und Hähne verkauft werden zu einer Reihe von Getreideständen. Hier finden sich in großen Säcken aneinandergereiht vielerlei Körner und Getreide. Einige der Sorten sind mir unbekannt. Als ich Fek’erte nach Mehl frage erläutert sie, dass wir auf dem Markt Weizen kaufen, ihn zuhause waschen und anschließend zum Müller bringen würden. Das Mehl aus den Import-Supermärkten ist kaum erschwinglich.
Es geht weiter durch enge, schlammige Marktgassen, in denen wir frisches Gemüse und Obst zu – für europäische Verhältnisse – Billigpreisen erwerben können. Abgerechnet wird in Kilo und gehandelt wird knallhart; besonders unsere „Marktführerin“ Fek’erte ist eine solche Händlerin.
Nachdem wir auch Seife, Waschmittel und andere Dinge gekauft haben, machen wir uns – bepackt mit riesigen Plastiktüten – auf den Rückweg zum Bajaj-Wartestand. Kurzum spricht Fek’erte einen der umherlaufenden Schubkarrenfahrer an und mietet ihn. Er wird bepackt und es geht los durch die Menschenmenge. Der Schubkarren ist ein klappriges aus Holzstangen gebautes Gefährt – aber es tut, was es tun muss und erfüllt so zu Genüge seinen Zweck. Über den Markt laufen Kühe – scheinbar ohne irgendeinen Besitzer. Plötzlich stürmt eine Kuh durch die eng gedrängte Masse und wirft den Schubkarrenfahrer und mit ihm die Hälfte der Ladung in den Matsch. Die Menschen sind in Aufruhr. Allemal ist das ruhige Vieh nicht jederzeit ungefährlich.
Was ich von diesem Markt an Eindrücken mitnehme ist vielfältig. Oft sitzen an einem Stand fünf Frauen, um Eier zu verkaufen, aber ebenso oft findet man für drei Stände mit Glück einen einzigen Verkäufer. Es wird gehandelt und gefeilscht und die Menschen tauschen sich ständig über die jeweiligen aktuellen Preise aus. Es ist auch im täglichen Gespräch der Leute ein wichtiges Thema, sich danach zu erkundigen und sich auszutauschen, wie der Markt steht. Die Einheimischen wissen auf Anhieb, wo etwas und von welcher Qualität zu finden ist. Für uns Ferenji ist das – verständlicherweise – bislang ein Ding der Unmöglichkeit.

Donnerstag, 22. September 2011

Reise nach Awassa

15. September 2011






Morgengrauen am Stadtrand von Addis Abeba
Morgens um kurz nach sechs Uhr geht es los. Sechs Freiwillige, ein Koordinator, ein Fahrer und zwei Autos machen sich auf den Weg nach Awassa am gleichnamigen See. Die reine Fahrzeit zwischen Addis Abeba und der Regionalhauptstadt beträgt rund viereinhalb Stunden. Awassa liegt am äußersten Nordzipfel von SNNPR – Southern Nations, Nationalities and Peoples Region (Region der Südlichen Nationen, Nationalitäten und Völker), an der Grenze zur Verwaltungsregion Oromija. SNNPR ist die einzige Region Äthiopiens, deren Name nicht einer einzelnen Ethnie zugeordnet werden kann, da in ihr etliche Volksgruppen verschiedener Größen ansässig sind oder nomadisieren. Die Region ist stark agrarisch und insbesondere pastoral geprägt und alte Clanstrukturen besitzen noch eine größere Bedeutung, als in den meisten anderen Teilen Äthiopiens.
Unser bereits bekannter Fahrer Yäschitäla steuert uns souverän durch den morgendlichen Verkehr, über eine der breiten Verkehrsadern hinaus aus der bereits pulsierenden Stadt. Während wir durch die verschiedenen Stadtteile fahren, geht die Sonne auf und der Verkehr nimmt zu. Wir kommen an endloslangen Reihen von Läden und Werkstätten vorüber, bis sich die Bebauung lichtet und wir die Randbezirke und Industriegebiete von Addis erreichen. Die Landschaft ist saftig grün und die Felder liegen bestellt in der Landschaft. Es ist zu spüren, dass die Regenzeit ihr Ende nimmt und der „Frühling“ angebrochen ist.
Die üppig bestellten Felder im Hochland Äthiopiens
Plötzlich bietet sich uns ein starker Kontrast zur urbanen Umgebung, der es großflächig an Begrünung mangelt. Wir fahren nun durch die Region Shoa, innerhalb welcher der „Stadtstaat“ Addis Abeba liegt. Die Dörfer, durch die wir fahren, ziehen sich lose an der Straße entlang – bestehen augenscheinlich nur aus Läden, die sich aneinander reihen. Unzählige Menschen stehen an den Straßenrändern, oder ziehen an ihnen vorüber. Auch als wir in ländlichere Gebiete vordringen ändert sich dieses Bild nicht. Menschen, teils bepackt, teils  nicht bepackt, ziehen vorüber. Immer ist die Piste gesäumt von Menschen. Doch Piste ist in diesem Fall das ganz und gar falsche Wort. Die Straße befindet sich in einem außerordentlich guten Zustand – könnte sich ohne Schwierigkeiten mit deutschen messen, ja übertrifft einige von ihnen sogar. Somit bleibt ein geschwindes Tempo von 140 bis 160 Kilometern pro Stunde nicht allein der German Autobahn vorbehalten.
Wasserbecken der Regenzeit
Zu Anfang der Fahrt wird die Strecke ihrem Ruf der gefährlichsten Straße der Welt noch gerecht, wenn sich Gefährte aus beiden Richtungen um die „dritte Spur“ in der Mitte der Fahrbahn streiten. Abwechselnd überholen die Wagen einander und unser Fahrer Yäschitäla macht bei diesem Spiel munter mit. Ob rechts oder links überholt wird spielt dabei keine Rolle. Der Abgasqualm der vielen Autos steigt mir bald zu Kopf, verursacht akute Kopfschmerzen. Die Situation ändert sich erst, als wir in die oben erwähnten ländlicheren Gebiete fahren.
Die Landschaft hier offenbart eine Weite, wie ich sie in Deutschland und ganz Europa nie gesehen habe. In der Ferne erheben sich steile Berge bis in die Wolken. Aus abgeflachten, fremden Bäumen und saftigem Grasland, setzen sich die so genannten Wood Lands in einer schier grenzenlosen Vielzahl aus Grüntönen zusammen. In den Niederungen steht flächenweise noch das Wasser der vorübergehenden Regenzeit. Hin und wieder tauchen in der Ferne die langgestreckten Seen auf. Außerdem bestätigt sich ein gewisses Vorurteil, welches ich im Vorfeld von Afrika hatte: entlang der Straße stehen etliche mit Stroh gedeckte Rundhütten aus Lehm, eingehegt von schroffen Hecken.


Der Langano-See südlich der Hauptstadt

Ich - badend im rostroten Langano-See


Nach circa drei Stunden zieht Jürgen, der vor unserem Minibus fährt links heraus und es geht über eine staubige Holperpiste querfeldein. Ein kleiner Junge rennt schreiend und rufend neben unserem Wagen her. Wir sehen Hirten mit ihren Herden und ein ärmliches Dorf. Doch unmittelbar daneben schließt eine geradezu dekadent luxuriöse Ferienanlage an, die direkt am Hang des Langano-Sees liegt. Hier frühstücken wir, was im ersten Moment ein befremdliches Gefühl auslöst, da wir hier fast ausschließlich von „Weißen“ umgeben sind, die wir ja selber auch sind. Anschließend geht es hinab zum Langano-See, wo wir den Mittag über schwimmen können und uns entspannen. So unwirklich fremd mir dieser Ort hier vorkommt, so erholsam ist es doch nach zwei Wochen lärmender Stadt hier zu sein. Der Langano-See ist der einzige nachweislich einzige See in Äthiopien, welcher frei von Bilharziose ist, einer Wurmkrankheit, welche man sich ansonsten beim Baden in stehenden Gewässern unweigerlich zuzöge. Diese Tatsache erhöht noch den Erholungsfaktor.
Als wir nachmittags wieder aufbrechen ist es nicht mehr weit bis zu unserem Zielort. Bald sind wir in Shashemenē, dem letzten größeren Ort vor Awassa. Der Ort genießt daher eine gewisse Bekanntheit, da dort eine Vielzahl an Rastafaris lebt und dort ihren besonderen Lebensstil pflegt.
Die Weite der Wood Lands südlich von Addis Abeba
Das erste, was uns ins Auge fällt, als wir nach Awassa hinein fahren ist das Haile Resort, ein übertrieben geschmacklos gebautes Luxushotel des gleichnamigen Spitzensportlers Haile Gebre Selassi. Wir fahren eine schier endlos lange gerade Straße entlang. Im Gegensatz zu Addis ist die Stadt – zumindest im Zentrum – außergewöhnlich sauber und gepflegt. Die Straßen sind geteert und die Mittelstreifen mediterran bepflanzt. Dieser Ort entspricht in keiner Weise dem gängig vermittelten Bild afrikanischer Städte, wie wir es bisweilen in Deutschland zu sehen bekommen. Ein bei mir durchaus vorhandenes Vorurteil über das generelle Erscheinungsbild äthiopischer und afrikanischer Städte ist hiermit ausgeräumt.
Nun bin ich gespannt diese neue Stadt – von der ich bisher kaum etwas gesehen habe – kennenzulernen.

Mälkam Addis Amät! – Äthiopisches Neujahrsfest


11. – 12. September 2011

Genaugenommen findet das äthiopische Neujahrsfest am 6. Tag des letzten Monats P‘agumé statt. Dabei feierten wir den Übergang des Jahres 2003 zum Jahr 2004, dem äthiopischen Hulätt ši aratt amät. In diesem Sinne wünsche ich auch allen Menschen, die nach dem weitverbreiteten gregorianischen Kalender leben ein Frohes Neues Jahr!
Zunächst gehen wir planlos durch die Nacht, auf der Suche nach einer stimmungsvollen Bar. Schließlich finden wir eine Reggae-Bar in einer dunklen Seitenstraße, nicht allzu weit vom Guest House entfernt: die Musik ist angenehm und nicht zu laut. Wir setzten uns in den schummrigen Raum, der nur von ein wenig blauem Licht durchleuchtet wird. Das Mobiliar erinnert mich heimelig an die Holztische- und Stühle in meinem ehemaligen Waldorfkindergarten, denn sie reichen mir kaum bis an die Knie. Wir unterhalten uns und werden vom Besitzer der Bar und dessen Bruder – einem äthiopisch-israelischen Geschäftsmann – zum Willkommensfeuer eingeladen, einem Feuer, welches das neue Jahr am Ende von P’agume einleitet. Wir trinken St. George, eine durchaus schmackhafte äthiopische Biersorte, auf deren Etikett der heilige Georg als Drachenbezwinger und Schutzheiliger Äthiopiens abgebildet ist. Sie besitzt – obgleich mit dem deutschem und dem von mir präferierten irischen Bier nicht zu vergleichen – einen angenehmen, weichen, etwas rauen, meiner Meinung nach fast erdigen Geschmack.
Als wir vor die Bar gehen ist bereits ein kleiner Haufen Reiser und Holz aufgetragen. Daneben liegt ein Schafbock mit zusammengebundenen Hufen, dem ich an seinem unruhigen Atmen den ungeheuren Stress anmerken kann. Er hat die Augen geschlossen, harrt seinem Schicksal entgegen. Neben dem Brennmaterial liegt bereits eine gewaltige Tellerpfanne. Nach und nach kommen wir gemeinsam mit den verschiedenen Menschen ins Gespräch, die alle eine interessante Geschichte zu erzählen haben. Schon nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass wir es hier nicht gerade mit der Unterschicht Addis Abebas zu tun haben. Hier und da werden iPhones ausgepackt, die Kleider und Anzüge sind makellos und adrett. Im Gespräch mit dem Geschäftsmann stellt sich heraus, dass er selbst einmal einen Film produziert hat und auch einige andere Anwesende in der äthiopischen Filmbranche tätig sind. Er zeigt uns eine Frau in blauem Kleid, die – aufgetakelt, wie sie sein mag – seinen Worten nach eine der besten Schauspielerinnen Äthiopiens ist. Daneben sitzen andere Schauspieler, Skript-Schreiber, Autoren, Comedians und Produzenten.
Ich, Dawit, Klaas und Lisa am Neujahrstag
Mitternacht rückt näher – hier in Äthiopien sechs Uhr: Səddəst sä’at. Das Feuer wird entzündet und jeder erhält ein Reisigbündel, das er ins Feuer hält. Es ist ein schaurig-schönes Ritual, bei dem die Menschen – wir Ferenji mit eingeschlossen – das Neujahrsfeuer nähren, dabei singen die Menschen schnelle Lieder, jauchzen und schreien. Man hat das Gefühl in der Zeit zurückkatapultiert worden zu sein. Diese festliche Brauchtum wirkt auf mich uralt, jedoch in einen modernen Kontext verrückt. Schließlich geht es an den Höhepunkt des Festtages: Auf dem Erdboden neben dem Feuer wird der Hals der Ziege gestrafft, sie niedergepresst. Sie zuckt und windet sich unter den Händen der starken Männer. Schließlich kommt ein Mann mit krummem Messer, setzt an und streicht dem Tier über die Kehle. Doch was mich überrascht ist, dass sie das Tier nicht ausbluten lassen, nein, das Messer gräbt sich tiefer durch den ganzen Hals des Schafes, dessen Bewegungen schwächer werden und schließlich vollends erlahmen. Die rituelle Schlachtung ist vollbracht. Unentwegt haben die Menschen rundherum getanzt und gesungen. So archaisch und urtümlich dieses Ritual auch wirkt, als so würdevoll und ehrlich empfinde ich doch den Tod dieses Tieres vor den Augen aller. Der Tod des Schafes wird von den Menschen gefeiert und geehrt; er ist der Mittelpunkt des Neujahrsfestes. Es ist nicht vergleichbar mit unseren anonymen Schlachthäusern, in denen Tier um Tier nicht geschlachtet, sondern abgeschlachtet wird, wo keine Würde für das Leben mehr herrscht, sondern dem erkrankten Konsumbedürfnis einer Gesellschaft gedient wird, die Fleisch nur als abgepackte Ware aus dem Supermarkt kennt. Dieses Fleisch hat nichts mehr mit dem einstmaligen Tier gemein, es ist entfremdet, geradezu so, als solle dies dem Verbraucher den Verzehr erträglicher machen.
Mag man das Schauspiel auch als grausig empfinden, so wenig schockierte es mich persönlich doch, da ich das Gefühl hatte, dass es an diesem Ort gerechtfertigt ist.
Dawits Frau und seine Schwester Zaba aus Dortmund
Kaum eine Stunde später liegt jedes einzelne verwertbare Stück des Schafes auf der großen Pfanne und schmort langsam vor sich hin. Der Bruder des Barmanns gibt mir einen Schlägel und auch wenn ich mich bemühe herzhaft hineinzubeißen, so fällt es mir doch schwer. Nicht etwa Skrupeln des getöteten Tieres wegen, nein, das Fleisch ist schlicht derart zäh und hart am Knochen, dass es fast unmöglich ist ein Stück davon abzubeißen. Schließlich gelingt es mir; der Geschmack ist eigentümlich anders als jegliches andere Fleisch, das ich je zuvor gegessen habe.
Als wir uns gegen zwei Uhr nachts verabschieden wollen, werden die feiernden Äthiopier geradezu anhänglich und verabschieden uns überschwänglich. Menschen mit denen ich zuvor gar nicht gesprochen hatte, verabschieden mich mit äthiopischem Schultergruß und bieten mir einige Schlucke aus ihren Flaschen an. Doch anbieten ist hier wohl das ganz und gar falsche Wort! Sie nötigen mich geradezu als Geste der Freundschaft und Verabschiedung einen Schluck nach dem anderen zu nehmen, mit dem Verweis, für Deutsche gäbe es keine kleinen Schlucke.
Es war ein echter Abend, der uns erstmals einen etwas intensiveren und nähren Einblick in die äthiopische Kultur gegeben hat. Doch damit sollte es noch nicht getan sein, denn schon am nächsten Abend waren wir bei Dawit Mehari zum abendlichen Neujahrsfest eingeladen. Dawit hat mit uns einen Workshop zu interkulturellen und spezifisch äthiopischen Themen gehalten und uns gewissermaßen zum Abschluss in sein Haus eingeladen. Er arbeitet für meine Entsendeorganisation hier in Äthiopien und hat viele Jahre in Deutschland gelebt.

Dawits Schwiegervater schneidet feierlich das Brot an
Als wir am nächsten Abend in seinem Haus ankommen, werden wir zuallererst von seiner Familie begrüßt. Das zweite, was geschieht ist, dass Dawit uns verkündet, dass einer der anwesenden jungen Männer die Ehre hat den Schafbock zu schlachten. Zunächst sind wir ungläubig, doch Dawit meint es ernst. Schließlich ist es Christoph, der sich bereit erklärt, die Schlachtung durchzuführen. Rasch wird eine angeschlagene gelbe Plastikwanne im Hinterhof herangetragen und der Bock seinem Schicksal zugeführt. Es ist die zweite Schlachtung, die ich in meinem Leben sehe und auch die zweite in weniger als 24 Stunden. Alles geht sehr schnell und schon beginnt eine Art Metzger mit dem Häuten des Tieres. Dawit lädt uns zum abendlichen Spaziergang durch die belebten Straßen seines Viertels ein.
Mir geht durch den Kopf, ob ich im gesetzten Falle auch der außergewöhnlichen Ehre Folge leisten würde. Es ist ein Dilemma, denn wer Fleisch isst, muss es auch ertragen, zumindest den Tod des Tieres zu sehen, oder ihn selbst zu verantworten; alles andere wäre meiner Meinung nach Bigotterie. Könnte ich das Tier nicht schlachten, müsste ich objektiv gesehen in diesem Moment aufhören Fleisch zu essen. Es ist ein ungelöster Gedankengang für mich!
Als wir nach dem Spaziergang zurück zu Dawits Compound gelangen, wird rasch das Essen aufgetragen und es ist dem ältesten Anwesenden – Dawits Schwiegervater – die Ehre vorbehalten das Brot anzuschneiden und einige feierliche Worte an die versammelte Gemeinschaft zu richten. Auch Dawit und sein eigener Vater heißen uns noch einmal herzlich willkommen. Als das Essen beginnt, haben wieder die Ältesten das Vorrecht als erste zu essen, bevor die Jüngeren sich ans Werk machen.
Dawits Vater entzündet das rituelle Feuer im Hof
Während des Abends unterhalte ich mich mit verschiedenen Menschen der verschiedensten Altersstufen, die sich besonders freuen, mir von ihrer Familie und ihren Kindern zu erzählen, oder mein bruchhaftes Amharisch aufzubessern. Bei der nun folgenden traditionellen Kaffeezeremonie sind es besonders die älteren Damen, die geradezu gerührt sind, wenn ich mich auf Amharisch für den guten Kaffee bedanke: „Səläbunnau amasägänaləhu!“ Und das ist nicht gelogen, denn es ist der beste und zugleich außergewöhnlichste Kaffee, denn ich in meinem Leben getrunken habe. Er wird in einem traditionellen Tonkrug – frisch geröstet – über der Glut aufgebrüht und ausgeschenkt. Er schmeckt weit weniger bitter, als ich es vermutet hätte, sondern geradezu samtig. Der Boden ist mit dem Heiligen Gras bedeckt, welches einen frischen Duft verströmt, der nun jedoch vom Weihrauch überdeckt wird, der aus einem kleinen Fass am Boden das ganze kleine Wohnzimmer durchströmt. Es ist ein einzigartiges Erlebnis – herzlich und geradezu familiär. Es wird mir in diesen Momenten viel deutlicher, welch einen Stellenwert die Familie in diesem Land noch besitzt. Einen Status, den sie in Deutschland bisweilen verloren zu haben scheint.
Willkommensfeuer bei Dawit Mehari
Zum Abschluss des ereignisreichen Abends, denn ich nur ausschnittweise in Worte zu fassen vermag, wird abermals ein Willkommensfeuer entzündet. Dawits Vater – in seinem weißen traditionellen Gewand – spricht einige Worte, dankt für die Zusammenkunft und diese Gelegenheit in der heutigen Zeit die alten Bräuche und Traditionen weiter pflegen zu können. Er singt, tanzt und springt trotz seines nicht unerheblichen Alters über das Feuer, welches dem Glauben nach gegen Ende der Regenzeit die bösen Geister und Dämonen austreibt. Diese Tradition erinnert mich ungemein an das Verbrennen der Weihnachtsbäume im Frühjahr beim „Funken“ in meiner Heimat Süddeutschland.
Es scheint beinahe so, als wollte jeder der anwesenden Verwandten und Bekannten Dawits noch seine abschließenden Worte an die Festgesellschaft richten, denn es vergeht einige Zeit, bis auch der letzte seine ehrlichen und freundschaftlichen Wünsche ausgesprochen hat.
Wieder und wieder bin ich an diesem Abend davon beeindruckt, wie offenherzig und bereitwillig die Menschen uns eigentlich Fremde in ihre Familie aufgenommen haben. Dabei gingen die Gespräche über Smalltalk hinaus, direkt auf eine vertrauliche und freundschaftliche Ebene, wie ich sie in Deutschland nach so kurzer Zeit noch nicht erlebt habe. Die Feiertagserlebnisse der vergangenen beiden Tage waren ein erstes tiefes Eintauchen in die äthiopische Kultur. Doch darüber hinaus waren es Momente, in denen mir klar wurde, dass mein Jahr in Äthiopien nun beginnen kann. Es wurde ein Jahr für alle Äthiopier eingeleitet und eines für mich, welches es nun auszuschöpfen gilt.

Freitag, 9. September 2011

Joggen in Addis Abeba


8. September 2011

Nachdem Lisa, Meike, Yannik und ich am vergangenen Abend die grandiose Idee hatten, joggen zu gehen, setzten wir diese am heutigen Tag auch in die Tat um. Um kurz nach fünf Uhr morgens stehen wir auf, werfen uns in unsere Sportkleidung und los geht es. In der holperigen Gasse vor unserem Haus ist es dunkel, es dämmert noch nicht, nur einzelne Lampen erhellen den Weg hin und wieder. Dem anfänglichen Enthusiasmus folgt eine gewisse Ernüchterung, da es äußerst anstrengend ist, über die Nebenstraße hin zur Hauptstraße zu laufen. Der Weg ist so uneben, dass wir stetig auf die Steine, Pfützen, Rinnsale und Buckel achten müssen – und das im Dunkeln. Es spritzt Schlamm und wir werden nass. Endlich an der Hauptstraße angekommen, erleuchten einige matte Laternen die breite Straße, auf der bereits einige Gestalten wandern und Laster, wie auch Taxibusse fahren. Frauen in langen Tüchern gehen an den Fahrbahnrändern entlang und einzelne Männer joggen in die gleiche Richtung, wie wir; in Richtung Meskal-Square. Eindeutig sind sie besser trainiert, rennen sie doch doppelt so schnell wie wir über die Straße. Insgesamt ist es bisweilen eine unheimlich Atmosphäre, wenn verschattete Gestalten in der Dunkelheit in verschiedene Richtungen pilgern.
Es geht über den geradezu verheerten Gehsteig, hin und wieder, wenn ein Rinnsal den Weg versperrt auch über die Straße, welche um diese Uhrzeit nur einseitig befahren wird und somit verhältnismäßig ungefährlich ist. Schließlich gelangen wir an eine Baustelle, es ist noch immer dunkel und nur die Scheinwerfer einzelner Wagen erhellen die von tiefen Pfützen und Schlammgruben übersäte Piste. Das Erste, was uns ins Auge fällt ist ein klaffendes, schwarzes Loch im Grund, in das wir beinahe hineingeraten. Langsam machen wir uns auf, die Baustelle zu überqueren, was sich durchaus als schwieriger gestaltet, als gedacht. Wir stapfen durch Schlamm und umgehen Pfützen mit Seecharakter, während Auto um Auto an uns vorüberklappert. Ein Taxibus, überfüllt mit Menschen – vielen Frauen – schleicht vorüber. Im schummrigen Licht blicken uns die Damen interessiert und verwundert an.
Es geht weiter über die wieder geteerte Straße und schon sind wir da. Rechterhand liegt der Meskal-Square, direkt hinter der gigantomanisch großen Mischung aus Kreuzung und Kreisverkehr. Hier sind schon etliche Sportler um diese Uhrzeit aktiv. Wir joggen die breiten Treppen des amphitheatrischen Platzes hinauf und hinab, von schwachen Laternen erhellt – es ist noch immer dunkel!
Als wir den Platz in Richtung Bole Road verlassen, kreuzt eine Ziegenherde unseren Weg. Anschließend treffen wir auf ein Rudel streunender Hunde, die wir sicherheitshalber zügig umgehen. Vorbei am Baugrund des neuen Dembel-Centers, einer geradezu schockierend großen, neuen Einkaufs-Mall, umgeben von Wellblechhütten und sozialistischen Betonbauten. Immer mehr Autos fahren vorüber, deren Abgase beißend in Nase und Rachen ziehen. Zuletzt biegen wir in eine Nebenstraße ein, die uns über verschiedene Ecken und Biegungen zurück zu unserem Haus führen wird. Eine Gruppe Polizisten in ihren typischen dunkelblauen, langen Regenmänteln grüßt uns lächelnd und wir grüßen zurück.
Nun sind die Häuser hinter hohen Mauern versteckt, die mit Stacheldraht und Glasscherben bewehrt sind. Plötzlich ist die Luft von einem harzigen Geruch durchzogen, der immer stärker wird. Ist es Weihrauch? Es riecht so intensiv, wie nie zuvor nach Nadelbaumharz. Nun ist es heller. Es gab keine Dämmerung, denn die Nacht ist von der Dunkelheit in ein graues Tageslicht übergegangen. Als der Wächter das Tor zum Hof unseres Hauses öffnet, geht uns im Rücken die Sonne auf. Für kurze Zeit sieht man einen orange-roten Schimmer hinter den Bäumen und Hausdächern aufgehen.
Ich empfand den sportlichen Gang durch die Stadt als interessant, da ich erstmals erleben konnte, wie Addis erwacht. Ich habe die Stadt aus einem völlig neuen Blickwinkel gesehen, und da es ausnahmsweise nicht mit dem Auto durch die Straßen ging, konnte ich mir eine erste Orientierung in den Straßen verschaffen. Das unförmliche Netz gewinnt so für mich zunehmend eine Form.

Amharisch - die Sprache Äthiopiens

6. September 2011

Genaugenommen führt die hiesige Überschrift den Leser auf eine falsche Fährte, wenn von der Sprache Äthiopiens die Rede ist. Tatsächlich verfügt Äthiopien aufgrund seiner außerordentlichen ethnischen Vielfalt über geschätzte 80 Sprachen, welche sich in rund 120 Dialekte zergliedern lassen. Viele ethnische Gruppen und indigene Völkerschaften besitzen ihre eigene Sprache, welche sie auch historisch von anderen abgrenzt. Die Zahlen der Sprecher reichen von mehreren Millionen – wie dies etwa beim Amharischen oder dem Oromo der Fall ist –, bis hin zu wenigen tausend oder hundert. Zahlreiche Sprachen sind vom Aussterben bedroht, oder bereits verschwunden.

Unser Amharischlehrer Dawit Lambebo
Die bedeutende Rolle des Amharischen im äthiopischen Staat ist nicht durch seine eigentliche Vormachtstellung unter den verschiedenen Sprachen begründet. Erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit ist Amharisch erste Amtssprache und offizielle Arbeitssprache der Regierung. Weitere Sprachen sind auf regionaler Ebene als Aamtsprachen etabliert. Aufgrund der unterbliebenen Kolonialisierung Äthiopiens, ist es neben Tansania das einzige Land Afrikas, welches eine afrikanische Sprache als erste nationale Sprache führt. Als Amtssprache erfuhr es in den letzten Jahren eine weite Verbreitung unter allen Äthiopiern. Das Amharische entwickelte sich aus der älteren – liturgisch noch heute in der koptisch-orthodoxen äthiopischen Kirche gebrauchten – Ge’ez. Es wird angenommen, dass es sich dabei um eine der ältesten Sprachen der Welt mit einem der ältesten Schriftsysteme handelt. Verwandt ist das Amharische mit dem Arabischen und dem Hebräischen – gehört also zu den semitischen Sprachen des Nahen Ostens.
Bei der Schrift des Amharischen handelt es sich um eine Silbenschrift, was bedeutet, dass jedem der (je nach Zählweise) 32 Konsonanten einer von sieben Vokalen angehängt wird. Die so entstehenden Schriftzeichen aus Konsonant und angehängtem Vokal werden Fidel genannt. Somit ergibt sich eine Gesamtzahl von 224 Zeichen, wobei verschiedene Vokale und Sonderzeichen nicht berücksichtigt sind. Es ergibt sich in Summe eine Zahl von etwa 276 Fidel. Es ist interessant, auf den Straßen die Schilder, Werbeplakate und Geschäftsnahmen zu betrachten: Amharische Schrift ist die Regel; lateinische Buchstaben scheinen nur als Ergänzung für Ferenji zu dienen.

Es ist hervorragend, dass der gesamten Äthiopien-Gruppe von unserer Entsendeorganisation ein Amharisch-Crashkurs geboten wird. Unser Lehrer heißt Dawit Lambebo und befindet sich in seinen frühen Dreißigern. Mit viel Engagement und Humor versuchte er in den letzten Tagen bereits, uns seine Sprache näher zu bringen. Mit dem professionell ausgearbeiteten Unterrichtsmaterial ist es mir eine außerordentliche Freude und gleichzeitig eine völlig neue Herausforderung Amharisch zu lernen. In einzelnen Kapiteln, beginnend mit Begrüßungen und Verabschiedungen, über Dialoge, bis hin zu Grammatik und Hilfsverben tasten wir uns gemeinsam Schritt für Schritt an ein völlig neues Sprachgefühl heran.
Dawit und ich am Ende des Sprachkurses
Es ist mir eine gänzlich neue Erfahrung, eine Sprache aus dem semitischen Kontext zu lernen. Bisher sprach ich lediglich Deutsch, Englisch und Russisch – somit Sprachen aus dem europäischen und slawischen Raum. Es kommt mir bisweilen wie eine Weiterentwicklung und in gewisser Weise Vervollkommnung meines Sprachschatzes vor. Leidenschaftlich kann ich mich in das von mir so geliebte Gebiet der Fremdsprachen stürzen! Tatsächlich kommen mir hierbei verschiedene grammatikalische Elemente der russischen Sprache zugute. Beispielsweise die Unterscheidung zwischen maskulin und feminin in der zweiten Person Singular findet sich auch im Amharischen. Auch eine dem Russischen ähnliche, starke Ausprägung der veränderlichen, zu deklinierenden Endsilben gibt es. Noch fällt mir die Orientierung in der neuen Sprache nicht leicht, ich bin aber dennoch zuversichtlich, weitere Fortschritte machen zu können.
Zuletzt möchte ich noch einige Beispiele für die amharische Sprache vorbringen, wobei die tatsächliche Aussprache aufgrund verschiedenster Kehllaute – meiner Meinung nach – nur durch die Anleitung eines Muttersprachlers möglich ist.
„Səläbunnau amäsägänaləhu“ bedeutet „Danke für den Kaffee“, in Äthiopien eine durchaus wichtige Wendung. „Yäne səm Tilman näw ənna häya amäte näw:: Ahun yäbäga fäk’ad astämari bäYtiopp’ia näññ::“ bedeutet hingegen: „Mein Name ist Tilman und ich bin 20 Jahre alt. Momentan bin ich freiwilliger Hilfslehrer in Äthiopien.“ Die Sätze sind noch holprig und wirken auswendig gelernt, aber es ist ein Anfang.

Bähwala ənəgänäññ! Bis bald!