2. September 2011
Am Morgen nach der ersten in Äthiopien verbrachten Nacht und dem Flug des vorherigen Tages haben die meisten Freiwilligen eine erfrischende Dusche angedacht. Doch unmittelbar sind wir in äthiopische Verhältnisse und ihre Konsequenzen eingebunden. Das Wasser fließt nicht mehr und auch der elektrische Strom ist weg. Es wäre gelogen, zu sagen, nicht damit gerechnet zu haben. Sowohl Literatur, als auch das Vorbereitungsseminar haben uns ausgiebig darauf vorbereitet. Folglich fällt die Fügung in die neuen Umstände leichter, als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Wir sitzen schließlich alle in einem Boot. Ich verspüre allenfalls eine gewisse anerzogene Eitelkeit, welche hin und wieder versucht, sich den Gegebenheiten zu widersetzen.
| Mit dem Bus den Entoto hinauf |
| Blick vom Hausberg Entoto auf die Stadt |
Sporadisch prägen klotzige oder moderne Bauten das Stadtbild, so auch das Rathaus – The Municipality. All das sind für mich Impressionen der postkommunistischen Moderne Äthiopiens. Diese Moderne bricht sich Bahn in einer Umgebung, in der einerseits die sozialistische Vergangenheit, auf der anderen Seite die traditionell äthiopische Kultur und Historie bisher prägend waren und noch immer sind. Es ist deutlich, was viele Kenner des Landes sagen: Es sind Sprünge vom Mittelalter in die Moderne, welche sich hier innerhalb von Dekaden, oder sogar noch geringeren Zeiträumen abspielen.
Von der Residenz des gegenwärtigen äthiopischen Premierministers Meles Zenawi, der seit Anfang der Neunzigerjahre dieses Amt bekleidet, sehen wir nur die hohen Gitter und die sich daran anschließenden Grünanlagen. Auch geht die Fahrt vorüber an Luxushotels wie dem Sheraton oder dem Hilton, welche ihre besten Tage schon hinter sich haben und dennoch so gar nicht in diese Umgebung passen wollen.
| Esel auf den Straßen der Stadt |
Wir kommen schließlich an einer Rundkirche an, die in verschiedenen Farben bunt bemalt ist und hinter einem hohen Gitterzaun prangt. Gegenüber der Kirche und jenseits der Straße stehen einige Blechhütten; nach und nach kommen einige Kinder heran und tummeln sich in einer kleinen Gruppe in unserer Nähe. Wir wollen ein Photo von ihnen machen und fragen sie; einige von ihnen sprechen überraschend gut Englisch. Einige wollen jedoch auch Geld für ein gemeinsames Photo. Wir geben ihnen kein Geld, denn es ist meine, aber auch einhellig der anderen Meinung, dass es nicht im Sinne der Kinder sein kann, diese zu Bittstellern „weißer“ Ausländer zu erziehen. Die Mentalität des Nehmens, ohne eine Leistung zu erbringen, würde gefördert werden. Dazu muss man wissen, dass die „Weißen“ – die sogenannten Ferenji – im Allgemeinen in Äthiopien mit Wohlstand und sogar Reichtum assoziiert werden. Da der weitaus größte Teil der Menschen mit einem solchen Bild aufgewachsen ist, wird jenes auch an die nächste Generation weitergegeben. Es fällt mir schwer zu leugnen, dass sich in jenem Bild große Richtigkeit verbirgt, denn wer könnte verneinen, dass jeder von uns Deutschen in Äthiopien um ein vielfaches reicher an materiellem Wohlstand ist, als der einheimische Bevölkerungsdurchschnitt.
| Ein kleiner Ausschnitt des übervölkerten Marktes |
Zurück zu unserer Rundfahrt: Wir verlassen den Platz vor der Kirche und fahren wieder hinab, halten aber auf dem Weg an. Der Blick auf die dunstige und „versmogte“ Hauptstadt ist von hier aus betrachtet atemberaubend – von innen her jedoch atemraubend. Rund herum dehnen sich grüne Wälder und Felder aus. Die Landschaft entspricht in keiner Weise dem Klischee, das viele Menschen in Europa von Afrika im Allgemeinen zu haben scheinen – ganz abgesehen davon, dass es das eine Afrika ohnehin nicht gibt. Die Natur ist üppig und grün, die Regenzeit hat das Land getränkt und lässt die Pflanzen gedeihen. Es ist ein regnerisches Wetter, das man als Frühling beschreiben könnte; dennoch ist bald Erntezeit, was wiederum unserem Herbst entspricht. Ein Vergleich mit unseren Jahreszeiten ist schwierig bis unmöglich.
| Volle Straßen am Rand des Mercato |
Als wir die steil-kurvigen Straßen des Entoto weiter hinab fahren, geht es weiter durch die belebte Stadt. Zunächst durch ein Viertel, welches durch die italienische Besatzung während Teilen des Zweiten Weltkriegs geprägt wurde. Laden reiht sich an Laden, fast noch nie habe ich so viele Menschen auf einer Straße gesehen. Es ist eine der wenigen Stellen der Stadt, die ich bisher gesehen habe, von der ich da Gefühl habe, dass sie über einen längeren Zeitraum gewachsen ist. Die Häuser weisen starken italienischen Einfluss auf.
Es geht weiter zum Mercato, dem größten Markt Afrikas, auf dem es laut Yäschitäna alles zu kaufen gibt. Eine gewagte These? Wohl kaum, allein schon in Anbetracht der schieren Größe des Marktes, der sich aus Läden, Geschäften, Markthallen und unzähligen Straßenständen, wie auch mobilen Verkäufern zusammensetzt. Wie Pflüge walzen sich die Minibusse, Taxen und Autos durch die Menge der Menschen, die einkaufen und Gewerbe treiben. Der Gestank der Abgase steigt mir zunehmend zu Kopf, aber es ist eine ereignisreiche Fahrt, die immer neue Facetten der gleichen Stadt offenbart. Ziegenherden werden über die Marktstraßen getrieben, die verbreitete Droge Khat wird an vielen Ecken in grünen Büscheln verkauft und kleine Feuer und Pfannen am Straßenrand dienen als Garküchen.
| Eine Ziegenverkaufsstelle in Addis Abeba |
Ich bin in höchstem Maße gespannt auf die Erfahrungen und Begebenheiten der nächsten Wochen, da ich bereits nach wenigen Tagen in dieser Stadt das Gefühl habe, dass mir Zugang zu nahezu unbegrenzter Vielfalt und Erlebniswelt gewährt wird.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen