Freitag, 9. September 2011

Erste Eindrücke

2. September 2011

Am Morgen nach der ersten in Äthiopien verbrachten Nacht und dem Flug des vorherigen Tages haben die meisten Freiwilligen eine erfrischende Dusche angedacht. Doch unmittelbar sind wir in äthiopische Verhältnisse und ihre Konsequenzen eingebunden. Das Wasser fließt nicht mehr und auch der elektrische Strom ist weg. Es wäre gelogen, zu sagen, nicht damit gerechnet zu haben. Sowohl Literatur, als auch das Vorbereitungsseminar haben uns ausgiebig darauf vorbereitet. Folglich fällt die Fügung in die neuen Umstände leichter, als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Wir sitzen schließlich alle in einem Boot. Ich verspüre allenfalls eine gewisse anerzogene Eitelkeit, welche hin und wieder versucht, sich den Gegebenheiten zu widersetzen.
Mit dem Bus den Entoto hinauf
Am folgenden Tag steht eine Stadtrundfahrt auf dem Programm; Jürgen hat einen Minibus mit Fahrer von unserer Entsendeorganisation beschafft. Unser Fahrer heißt Yäschitäna, was auf Deutsch so viel wie „Ein Zelt für Eintausend“ bedeutet. Während er das Fahrzeug durch den überbordenden Verkehr der äthiopischen Hauptstadt manövriert, können wir unsere ersten im morgendlichen Kurs gelernten Brocken Amharisch im Gespräch mit ihm ausprobieren. Er ist bekennender Manchester- und Barcelona-Fan, außerdem kann man sich hervorragend über die Leistungen der äthiopischen Läufer bei den gegenwärtigen Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Süd-Korea mit ihm unterhalten. Wie schon auf dem Weg vom Flughafen zum Guest House rasen die Bilder an den Scheiben vorüber, ohne mir die Möglichkeit zu geben, sie ausgiebiger zu betrachten. Viel Neues Strömt ein, aber einiges ist mir bereits bekannt. So zum Beispiel die stets grellblauen Taxen, welche an jedem Ort der Stadt anzutreffen sind.
Blick vom Hausberg Entoto auf die Stadt
Zunächst fahren wir über die Bole Road, eine der Hauptverkehrsadern der Stadt. Sie führt uns an heruntergekommenen, wie an hochmodernen Gebäuden gleichermaßen vorüber, bis wir schließlich den Meskal-Square erreichen – den zentralen Platz der äthiopischen Hauptstadt. Hier treffen mehrspurige, breite Straßen – meist ohne Fahrstreifenbegrenzung – zusammen, was den Vorteil in sich birgt, je nach Verkehrsaufkommen unterschiedlich viele „Spuren“ befahren zu können. Der eigentliche Platz, der wie ein flaches, halbkreisförmiges Theater aufgebaut ist, schließt sich seitlich an. Es folgen weitere, jedoch durchnummerierte „Plätze“, meist mit einem überdimensionierten Kreisverkehr rund herum, welcher für mich, als Europäer betrachtend, ebenfalls den fatalen Nachteil nicht vorhandener Fahrstreifenbegrenzungen besitzt. Oft handelt es sich bei den „Plätzen“ um Verkehrsinseln, in deren Mitte oftmals ein Denkmal steht – eine riesige Büste Karl Marx‘ oder auch eine Statue des früheren äthiopischen Kaisers Menelik.
Sporadisch prägen klotzige oder moderne Bauten das Stadtbild, so auch das Rathaus – The Municipality. All das sind für mich Impressionen der postkommunistischen Moderne Äthiopiens. Diese Moderne bricht sich Bahn in einer Umgebung, in der einerseits die sozialistische Vergangenheit, auf der anderen Seite die traditionell äthiopische Kultur und Historie bisher prägend waren und noch immer sind. Es ist deutlich, was viele Kenner des Landes sagen: Es sind Sprünge vom Mittelalter in die Moderne, welche sich hier innerhalb von Dekaden, oder sogar noch geringeren Zeiträumen abspielen.
Von der Residenz des gegenwärtigen äthiopischen Premierministers Meles Zenawi, der seit Anfang der Neunzigerjahre dieses Amt bekleidet, sehen wir nur die hohen Gitter und die sich daran anschließenden Grünanlagen. Auch geht die Fahrt vorüber an Luxushotels wie dem Sheraton oder dem Hilton, welche ihre besten Tage schon hinter sich haben und dennoch so gar nicht in diese Umgebung passen wollen.
Esel auf den Straßen der Stadt
Die Fahrt geht hinauf auf den Entoto – den Hausberg von Addis Abeba. Vorbei an Hängen, bestanden von Eukalyptuswäldern und kleinen Dörfern. Hinauf und hinab steigen und stolpern gebückte Frauen, die riesige Bündel von getrockneten Eukalyptuspflanzen tragen. Im Verhältnis sind jene wohl doppelt so groß wie ihr eigener Körper. Jürgen zufolge tun sie dies ihr ganzes Leben; für mich sieht es wie eine Qual aus. Ob die lebenslange Arbeit sie unempfindlicher für die Anstrengungen macht, sie trainiert, es leichter macht? Die meisten von ihnen sehen ausgemergelt aus.
Wir kommen schließlich an einer Rundkirche an, die in verschiedenen Farben bunt bemalt ist und hinter einem hohen Gitterzaun prangt. Gegenüber der Kirche und jenseits der Straße stehen einige Blechhütten; nach und nach kommen einige Kinder heran und tummeln sich in einer kleinen Gruppe in unserer Nähe. Wir wollen ein Photo von ihnen machen und fragen sie; einige von ihnen sprechen überraschend gut Englisch. Einige wollen jedoch auch Geld für ein gemeinsames Photo. Wir geben ihnen kein Geld, denn es ist meine, aber auch einhellig der anderen Meinung, dass es nicht im Sinne der Kinder sein kann, diese zu Bittstellern „weißer“ Ausländer zu erziehen. Die Mentalität des Nehmens, ohne eine Leistung zu erbringen, würde gefördert werden. Dazu muss man wissen, dass die „Weißen“ – die sogenannten Ferenji – im Allgemeinen in Äthiopien mit Wohlstand und sogar Reichtum assoziiert werden. Da der weitaus größte Teil der Menschen mit einem solchen Bild aufgewachsen ist, wird jenes auch an die nächste Generation weitergegeben. Es fällt mir schwer zu leugnen, dass sich in jenem Bild große Richtigkeit verbirgt, denn wer könnte verneinen, dass jeder von uns Deutschen in Äthiopien um ein vielfaches reicher an materiellem Wohlstand ist, als der einheimische Bevölkerungsdurchschnitt.
Ein kleiner Ausschnitt des übervölkerten Marktes
Als Veranschaulichung möchte ich das Taschengeld und das Essensgeld heranziehen, die uns Freiwilligen pro Monat zugestanden werden. Zusammen beträgt deren Summe in etwa das Dreifache des Gehalts eines Schulrektors in Äthiopien. Dabei ist die Erstattung der Mietkosten und des Hausrats noch nicht mit einberechnet. Allerdings ist auch wichtig zu wissen, dass staatliche Angestellte im Bildungssektor in Äthiopien ausgesprochen wenig verdienen.
Zurück zu unserer Rundfahrt: Wir verlassen den Platz vor der Kirche und fahren wieder hinab, halten aber auf dem Weg an. Der Blick auf die dunstige und „versmogte“ Hauptstadt ist von hier aus betrachtet atemberaubend – von innen her jedoch atemraubend. Rund herum dehnen sich grüne Wälder und Felder aus. Die Landschaft entspricht in keiner Weise dem Klischee, das viele Menschen in Europa von Afrika im Allgemeinen zu haben scheinen – ganz abgesehen davon, dass es das eine Afrika ohnehin nicht gibt. Die Natur ist üppig und grün, die Regenzeit hat das Land getränkt und lässt die Pflanzen gedeihen. Es ist ein regnerisches Wetter, das man als Frühling beschreiben könnte; dennoch ist bald Erntezeit, was wiederum unserem Herbst entspricht. Ein Vergleich mit unseren Jahreszeiten ist schwierig bis unmöglich.
Volle Straßen am Rand des Mercato
Während unserer Pause treffen wir auf Kinder, die uns Hüte verkaufen wollen, wir können ihnen keine abkaufen, denn keiner von uns hatte bisher Gelegenheit die Noten in Kleingeld zu wechseln. So absurd es klingt, aber wir haben nur zu viel Geld in der Tasche.
Als wir die steil-kurvigen Straßen des Entoto weiter hinab fahren, geht es weiter durch die belebte Stadt. Zunächst durch ein Viertel, welches durch die italienische Besatzung während Teilen des Zweiten Weltkriegs geprägt wurde. Laden reiht sich an Laden, fast noch nie habe ich so viele Menschen auf einer Straße gesehen. Es ist eine der wenigen Stellen der Stadt, die ich bisher gesehen habe, von der ich da Gefühl habe, dass sie über einen längeren Zeitraum gewachsen ist. Die Häuser weisen starken italienischen Einfluss auf.
Es geht weiter zum Mercato, dem größten Markt Afrikas, auf dem es laut Yäschitäna alles zu kaufen gibt. Eine gewagte These? Wohl kaum, allein schon in Anbetracht der schieren Größe des Marktes, der sich aus Läden, Geschäften, Markthallen und unzähligen Straßenständen, wie auch mobilen Verkäufern zusammensetzt. Wie Pflüge walzen sich die Minibusse, Taxen und Autos durch die Menge der Menschen, die einkaufen und Gewerbe treiben. Der Gestank der Abgase steigt mir zunehmend zu Kopf, aber es ist eine ereignisreiche Fahrt, die immer neue Facetten der gleichen Stadt offenbart. Ziegenherden werden über die Marktstraßen getrieben, die verbreitete Droge Khat wird an vielen Ecken in grünen Büscheln verkauft und kleine Feuer und Pfannen am Straßenrand dienen als Garküchen.

Eine Ziegenverkaufsstelle in Addis Abeba
Der Tag offenbart mir zahlreiche neue Einblicke, die so vielfältig und vielgestaltig sind, dass es schwer fällt, sich aller zu entsinnen, geschweige denn sie einzuordnen. Dennoch stellt sich kein „klassischer Kulturschock“ bei mir ein. Vielmehr habe ich das Gefühl am Anfang eines Eintauchens in eine völlig andere Art der Normalität und des Alltagslebens zu stehen. Der Umgang und die Erfahrungen mit der veränderten Umwelt sind neu und ich habe das bestimmte Gefühl, dass sich mit der Zeit eine größere Gelassenheit einstellen wird und muss.
Ich bin in höchstem Maße gespannt auf die Erfahrungen und Begebenheiten der nächsten Wochen, da ich bereits nach wenigen Tagen in dieser Stadt das Gefühl habe, dass mir Zugang zu nahezu unbegrenzter Vielfalt und Erlebniswelt gewährt wird.

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