Freitag, 9. September 2011

Amharisch - die Sprache Äthiopiens

6. September 2011

Genaugenommen führt die hiesige Überschrift den Leser auf eine falsche Fährte, wenn von der Sprache Äthiopiens die Rede ist. Tatsächlich verfügt Äthiopien aufgrund seiner außerordentlichen ethnischen Vielfalt über geschätzte 80 Sprachen, welche sich in rund 120 Dialekte zergliedern lassen. Viele ethnische Gruppen und indigene Völkerschaften besitzen ihre eigene Sprache, welche sie auch historisch von anderen abgrenzt. Die Zahlen der Sprecher reichen von mehreren Millionen – wie dies etwa beim Amharischen oder dem Oromo der Fall ist –, bis hin zu wenigen tausend oder hundert. Zahlreiche Sprachen sind vom Aussterben bedroht, oder bereits verschwunden.

Unser Amharischlehrer Dawit Lambebo
Die bedeutende Rolle des Amharischen im äthiopischen Staat ist nicht durch seine eigentliche Vormachtstellung unter den verschiedenen Sprachen begründet. Erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit ist Amharisch erste Amtssprache und offizielle Arbeitssprache der Regierung. Weitere Sprachen sind auf regionaler Ebene als Aamtsprachen etabliert. Aufgrund der unterbliebenen Kolonialisierung Äthiopiens, ist es neben Tansania das einzige Land Afrikas, welches eine afrikanische Sprache als erste nationale Sprache führt. Als Amtssprache erfuhr es in den letzten Jahren eine weite Verbreitung unter allen Äthiopiern. Das Amharische entwickelte sich aus der älteren – liturgisch noch heute in der koptisch-orthodoxen äthiopischen Kirche gebrauchten – Ge’ez. Es wird angenommen, dass es sich dabei um eine der ältesten Sprachen der Welt mit einem der ältesten Schriftsysteme handelt. Verwandt ist das Amharische mit dem Arabischen und dem Hebräischen – gehört also zu den semitischen Sprachen des Nahen Ostens.
Bei der Schrift des Amharischen handelt es sich um eine Silbenschrift, was bedeutet, dass jedem der (je nach Zählweise) 32 Konsonanten einer von sieben Vokalen angehängt wird. Die so entstehenden Schriftzeichen aus Konsonant und angehängtem Vokal werden Fidel genannt. Somit ergibt sich eine Gesamtzahl von 224 Zeichen, wobei verschiedene Vokale und Sonderzeichen nicht berücksichtigt sind. Es ergibt sich in Summe eine Zahl von etwa 276 Fidel. Es ist interessant, auf den Straßen die Schilder, Werbeplakate und Geschäftsnahmen zu betrachten: Amharische Schrift ist die Regel; lateinische Buchstaben scheinen nur als Ergänzung für Ferenji zu dienen.

Es ist hervorragend, dass der gesamten Äthiopien-Gruppe von unserer Entsendeorganisation ein Amharisch-Crashkurs geboten wird. Unser Lehrer heißt Dawit Lambebo und befindet sich in seinen frühen Dreißigern. Mit viel Engagement und Humor versuchte er in den letzten Tagen bereits, uns seine Sprache näher zu bringen. Mit dem professionell ausgearbeiteten Unterrichtsmaterial ist es mir eine außerordentliche Freude und gleichzeitig eine völlig neue Herausforderung Amharisch zu lernen. In einzelnen Kapiteln, beginnend mit Begrüßungen und Verabschiedungen, über Dialoge, bis hin zu Grammatik und Hilfsverben tasten wir uns gemeinsam Schritt für Schritt an ein völlig neues Sprachgefühl heran.
Dawit und ich am Ende des Sprachkurses
Es ist mir eine gänzlich neue Erfahrung, eine Sprache aus dem semitischen Kontext zu lernen. Bisher sprach ich lediglich Deutsch, Englisch und Russisch – somit Sprachen aus dem europäischen und slawischen Raum. Es kommt mir bisweilen wie eine Weiterentwicklung und in gewisser Weise Vervollkommnung meines Sprachschatzes vor. Leidenschaftlich kann ich mich in das von mir so geliebte Gebiet der Fremdsprachen stürzen! Tatsächlich kommen mir hierbei verschiedene grammatikalische Elemente der russischen Sprache zugute. Beispielsweise die Unterscheidung zwischen maskulin und feminin in der zweiten Person Singular findet sich auch im Amharischen. Auch eine dem Russischen ähnliche, starke Ausprägung der veränderlichen, zu deklinierenden Endsilben gibt es. Noch fällt mir die Orientierung in der neuen Sprache nicht leicht, ich bin aber dennoch zuversichtlich, weitere Fortschritte machen zu können.
Zuletzt möchte ich noch einige Beispiele für die amharische Sprache vorbringen, wobei die tatsächliche Aussprache aufgrund verschiedenster Kehllaute – meiner Meinung nach – nur durch die Anleitung eines Muttersprachlers möglich ist.
„Səläbunnau amäsägänaləhu“ bedeutet „Danke für den Kaffee“, in Äthiopien eine durchaus wichtige Wendung. „Yäne səm Tilman näw ənna häya amäte näw:: Ahun yäbäga fäk’ad astämari bäYtiopp’ia näññ::“ bedeutet hingegen: „Mein Name ist Tilman und ich bin 20 Jahre alt. Momentan bin ich freiwilliger Hilfslehrer in Äthiopien.“ Die Sätze sind noch holprig und wirken auswendig gelernt, aber es ist ein Anfang.

Bähwala ənəgänäññ! Bis bald!

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