Donnerstag, 22. September 2011

Reise nach Awassa

15. September 2011






Morgengrauen am Stadtrand von Addis Abeba
Morgens um kurz nach sechs Uhr geht es los. Sechs Freiwillige, ein Koordinator, ein Fahrer und zwei Autos machen sich auf den Weg nach Awassa am gleichnamigen See. Die reine Fahrzeit zwischen Addis Abeba und der Regionalhauptstadt beträgt rund viereinhalb Stunden. Awassa liegt am äußersten Nordzipfel von SNNPR – Southern Nations, Nationalities and Peoples Region (Region der Südlichen Nationen, Nationalitäten und Völker), an der Grenze zur Verwaltungsregion Oromija. SNNPR ist die einzige Region Äthiopiens, deren Name nicht einer einzelnen Ethnie zugeordnet werden kann, da in ihr etliche Volksgruppen verschiedener Größen ansässig sind oder nomadisieren. Die Region ist stark agrarisch und insbesondere pastoral geprägt und alte Clanstrukturen besitzen noch eine größere Bedeutung, als in den meisten anderen Teilen Äthiopiens.
Unser bereits bekannter Fahrer Yäschitäla steuert uns souverän durch den morgendlichen Verkehr, über eine der breiten Verkehrsadern hinaus aus der bereits pulsierenden Stadt. Während wir durch die verschiedenen Stadtteile fahren, geht die Sonne auf und der Verkehr nimmt zu. Wir kommen an endloslangen Reihen von Läden und Werkstätten vorüber, bis sich die Bebauung lichtet und wir die Randbezirke und Industriegebiete von Addis erreichen. Die Landschaft ist saftig grün und die Felder liegen bestellt in der Landschaft. Es ist zu spüren, dass die Regenzeit ihr Ende nimmt und der „Frühling“ angebrochen ist.
Die üppig bestellten Felder im Hochland Äthiopiens
Plötzlich bietet sich uns ein starker Kontrast zur urbanen Umgebung, der es großflächig an Begrünung mangelt. Wir fahren nun durch die Region Shoa, innerhalb welcher der „Stadtstaat“ Addis Abeba liegt. Die Dörfer, durch die wir fahren, ziehen sich lose an der Straße entlang – bestehen augenscheinlich nur aus Läden, die sich aneinander reihen. Unzählige Menschen stehen an den Straßenrändern, oder ziehen an ihnen vorüber. Auch als wir in ländlichere Gebiete vordringen ändert sich dieses Bild nicht. Menschen, teils bepackt, teils  nicht bepackt, ziehen vorüber. Immer ist die Piste gesäumt von Menschen. Doch Piste ist in diesem Fall das ganz und gar falsche Wort. Die Straße befindet sich in einem außerordentlich guten Zustand – könnte sich ohne Schwierigkeiten mit deutschen messen, ja übertrifft einige von ihnen sogar. Somit bleibt ein geschwindes Tempo von 140 bis 160 Kilometern pro Stunde nicht allein der German Autobahn vorbehalten.
Wasserbecken der Regenzeit
Zu Anfang der Fahrt wird die Strecke ihrem Ruf der gefährlichsten Straße der Welt noch gerecht, wenn sich Gefährte aus beiden Richtungen um die „dritte Spur“ in der Mitte der Fahrbahn streiten. Abwechselnd überholen die Wagen einander und unser Fahrer Yäschitäla macht bei diesem Spiel munter mit. Ob rechts oder links überholt wird spielt dabei keine Rolle. Der Abgasqualm der vielen Autos steigt mir bald zu Kopf, verursacht akute Kopfschmerzen. Die Situation ändert sich erst, als wir in die oben erwähnten ländlicheren Gebiete fahren.
Die Landschaft hier offenbart eine Weite, wie ich sie in Deutschland und ganz Europa nie gesehen habe. In der Ferne erheben sich steile Berge bis in die Wolken. Aus abgeflachten, fremden Bäumen und saftigem Grasland, setzen sich die so genannten Wood Lands in einer schier grenzenlosen Vielzahl aus Grüntönen zusammen. In den Niederungen steht flächenweise noch das Wasser der vorübergehenden Regenzeit. Hin und wieder tauchen in der Ferne die langgestreckten Seen auf. Außerdem bestätigt sich ein gewisses Vorurteil, welches ich im Vorfeld von Afrika hatte: entlang der Straße stehen etliche mit Stroh gedeckte Rundhütten aus Lehm, eingehegt von schroffen Hecken.


Der Langano-See südlich der Hauptstadt

Ich - badend im rostroten Langano-See


Nach circa drei Stunden zieht Jürgen, der vor unserem Minibus fährt links heraus und es geht über eine staubige Holperpiste querfeldein. Ein kleiner Junge rennt schreiend und rufend neben unserem Wagen her. Wir sehen Hirten mit ihren Herden und ein ärmliches Dorf. Doch unmittelbar daneben schließt eine geradezu dekadent luxuriöse Ferienanlage an, die direkt am Hang des Langano-Sees liegt. Hier frühstücken wir, was im ersten Moment ein befremdliches Gefühl auslöst, da wir hier fast ausschließlich von „Weißen“ umgeben sind, die wir ja selber auch sind. Anschließend geht es hinab zum Langano-See, wo wir den Mittag über schwimmen können und uns entspannen. So unwirklich fremd mir dieser Ort hier vorkommt, so erholsam ist es doch nach zwei Wochen lärmender Stadt hier zu sein. Der Langano-See ist der einzige nachweislich einzige See in Äthiopien, welcher frei von Bilharziose ist, einer Wurmkrankheit, welche man sich ansonsten beim Baden in stehenden Gewässern unweigerlich zuzöge. Diese Tatsache erhöht noch den Erholungsfaktor.
Als wir nachmittags wieder aufbrechen ist es nicht mehr weit bis zu unserem Zielort. Bald sind wir in Shashemenē, dem letzten größeren Ort vor Awassa. Der Ort genießt daher eine gewisse Bekanntheit, da dort eine Vielzahl an Rastafaris lebt und dort ihren besonderen Lebensstil pflegt.
Die Weite der Wood Lands südlich von Addis Abeba
Das erste, was uns ins Auge fällt, als wir nach Awassa hinein fahren ist das Haile Resort, ein übertrieben geschmacklos gebautes Luxushotel des gleichnamigen Spitzensportlers Haile Gebre Selassi. Wir fahren eine schier endlos lange gerade Straße entlang. Im Gegensatz zu Addis ist die Stadt – zumindest im Zentrum – außergewöhnlich sauber und gepflegt. Die Straßen sind geteert und die Mittelstreifen mediterran bepflanzt. Dieser Ort entspricht in keiner Weise dem gängig vermittelten Bild afrikanischer Städte, wie wir es bisweilen in Deutschland zu sehen bekommen. Ein bei mir durchaus vorhandenes Vorurteil über das generelle Erscheinungsbild äthiopischer und afrikanischer Städte ist hiermit ausgeräumt.
Nun bin ich gespannt diese neue Stadt – von der ich bisher kaum etwas gesehen habe – kennenzulernen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen