8. September 2011
Nachdem Lisa, Meike, Yannik und ich am vergangenen Abend die grandiose Idee hatten, joggen zu gehen, setzten wir diese am heutigen Tag auch in die Tat um. Um kurz nach fünf Uhr morgens stehen wir auf, werfen uns in unsere Sportkleidung und los geht es. In der holperigen Gasse vor unserem Haus ist es dunkel, es dämmert noch nicht, nur einzelne Lampen erhellen den Weg hin und wieder. Dem anfänglichen Enthusiasmus folgt eine gewisse Ernüchterung, da es äußerst anstrengend ist, über die Nebenstraße hin zur Hauptstraße zu laufen. Der Weg ist so uneben, dass wir stetig auf die Steine, Pfützen, Rinnsale und Buckel achten müssen – und das im Dunkeln. Es spritzt Schlamm und wir werden nass. Endlich an der Hauptstraße angekommen, erleuchten einige matte Laternen die breite Straße, auf der bereits einige Gestalten wandern und Laster, wie auch Taxibusse fahren. Frauen in langen Tüchern gehen an den Fahrbahnrändern entlang und einzelne Männer joggen in die gleiche Richtung, wie wir; in Richtung Meskal-Square. Eindeutig sind sie besser trainiert, rennen sie doch doppelt so schnell wie wir über die Straße. Insgesamt ist es bisweilen eine unheimlich Atmosphäre, wenn verschattete Gestalten in der Dunkelheit in verschiedene Richtungen pilgern.
Es geht über den geradezu verheerten Gehsteig, hin und wieder, wenn ein Rinnsal den Weg versperrt auch über die Straße, welche um diese Uhrzeit nur einseitig befahren wird und somit verhältnismäßig ungefährlich ist. Schließlich gelangen wir an eine Baustelle, es ist noch immer dunkel und nur die Scheinwerfer einzelner Wagen erhellen die von tiefen Pfützen und Schlammgruben übersäte Piste. Das Erste, was uns ins Auge fällt ist ein klaffendes, schwarzes Loch im Grund, in das wir beinahe hineingeraten. Langsam machen wir uns auf, die Baustelle zu überqueren, was sich durchaus als schwieriger gestaltet, als gedacht. Wir stapfen durch Schlamm und umgehen Pfützen mit Seecharakter, während Auto um Auto an uns vorüberklappert. Ein Taxibus, überfüllt mit Menschen – vielen Frauen – schleicht vorüber. Im schummrigen Licht blicken uns die Damen interessiert und verwundert an.
Es geht weiter über die wieder geteerte Straße und schon sind wir da. Rechterhand liegt der Meskal-Square, direkt hinter der gigantomanisch großen Mischung aus Kreuzung und Kreisverkehr. Hier sind schon etliche Sportler um diese Uhrzeit aktiv. Wir joggen die breiten Treppen des amphitheatrischen Platzes hinauf und hinab, von schwachen Laternen erhellt – es ist noch immer dunkel!
Als wir den Platz in Richtung Bole Road verlassen, kreuzt eine Ziegenherde unseren Weg. Anschließend treffen wir auf ein Rudel streunender Hunde, die wir sicherheitshalber zügig umgehen. Vorbei am Baugrund des neuen Dembel-Centers, einer geradezu schockierend großen, neuen Einkaufs-Mall, umgeben von Wellblechhütten und sozialistischen Betonbauten. Immer mehr Autos fahren vorüber, deren Abgase beißend in Nase und Rachen ziehen. Zuletzt biegen wir in eine Nebenstraße ein, die uns über verschiedene Ecken und Biegungen zurück zu unserem Haus führen wird. Eine Gruppe Polizisten in ihren typischen dunkelblauen, langen Regenmänteln grüßt uns lächelnd und wir grüßen zurück.
Nun sind die Häuser hinter hohen Mauern versteckt, die mit Stacheldraht und Glasscherben bewehrt sind. Plötzlich ist die Luft von einem harzigen Geruch durchzogen, der immer stärker wird. Ist es Weihrauch? Es riecht so intensiv, wie nie zuvor nach Nadelbaumharz. Nun ist es heller. Es gab keine Dämmerung, denn die Nacht ist von der Dunkelheit in ein graues Tageslicht übergegangen. Als der Wächter das Tor zum Hof unseres Hauses öffnet, geht uns im Rücken die Sonne auf. Für kurze Zeit sieht man einen orange-roten Schimmer hinter den Bäumen und Hausdächern aufgehen.
Ich empfand den sportlichen Gang durch die Stadt als interessant, da ich erstmals erleben konnte, wie Addis erwacht. Ich habe die Stadt aus einem völlig neuen Blickwinkel gesehen, und da es ausnahmsweise nicht mit dem Auto durch die Straßen ging, konnte ich mir eine erste Orientierung in den Straßen verschaffen. Das unförmliche Netz gewinnt so für mich zunehmend eine Form.
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